TU Graz entwickelt Ortungssystem für Rettungseinsätze
Forschende der TU Graz haben ein neuartiges Ortungssystem entwickelt, das Einsatzkräfte auch unter Tage oder in Gebäuden ohne GPS-Signal präzise lokalisieren kann. Die Technologie könnte Rettungseinsätze deutlich sicherer und effizienter machen.
Forschende der Technischen Universität Graz haben ein Ortungssystem entwickelt, das Rettungskräfte auch dort präzise lokalisieren kann, wo herkömmliche GPS-Signale nicht verfügbar sind. Die Innovation zielt auf Einsätze in Gebäuden, Tunneln und unter Tage ab und soll die Sicherheit von Einsatzteams bei Katastrophen- und Bergrettungseinsätzen erheblich verbessern.
GPS-Lücke als Ausgangsproblem
Bei Rettungseinsätzen in eingestürzten Gebäuden, Höhlen oder unterirdischen Infrastrukturen stehen Einsatzkräfte regelmäßig vor einem gravierenden Problem: Satellitensignale dringen nicht durch dicke Gesteins- oder Betonschichten. Einsatzleitungen verlieren damit den Überblick über die genaue Position ihrer Teams. Dieser Umstand kostet im Ernstfall wertvolle Zeit und kann Menschenleben gefährden.
Wie die TU Graz auf ihrer Nachrichtenseite berichtet, setzt das neu entwickelte System auf eine Kombination mehrerer Technologien, um diese Lücke zu schließen. Die Forschungsarbeit wurde am Institut für Navigation der TU Graz vorangetrieben.
Sensorfusion als Schlüsseltechnologie
Das Ortungssystem basiert auf dem Prinzip der sogenannten Sensorfusion. Dabei werden Daten aus verschiedenen Quellen miteinander kombiniert, um eine möglichst genaue Positionsbestimmung zu erreichen. Zum Einsatz kommen unter anderem Inertialsensoren, die Beschleunigung und Drehbewegungen messen, sowie Funkbasistechnologien wie Ultra-Wideband (UWB).
Zusätzlich nutzt das System barometrische Höhenmessung, um auch vertikale Positionsveränderungen in mehrstöckigen Gebäuden oder bei Auf- und Abstiegen unter Tage erfassen zu können. Ein speziell entwickelter Algorithmus verarbeitet alle Sensordaten in Echtzeit und berechnet daraus die aktuelle Position der Einsatzkraft.
Im Vergleich zu reinen Funkortungssystemen bietet die Sensorfusion den Vorteil, dass sie auch dann weiter funktioniert, wenn einzelne Signalquellen vorübergehend ausfallen. Die Genauigkeit liegt nach Angaben der Forschenden im Bereich von wenigen Metern, was für Rettungsszenarien einen erheblichen Fortschritt darstellt.
Tragbares System für den Feldeinsatz
Besonderes Augenmerk legten die Grazer Forschenden auf die Praxistauglichkeit des Systems. Die Hardware wurde so konzipiert, dass sie kompakt genug ist, um von Rettungskräften am Körper getragen zu werden, ohne die Bewegungsfreiheit einzuschränken. Die Sensoreinheiten lassen sich in bestehende Ausrüstung integrieren.
Die erfassten Positionsdaten werden per Funk an die Einsatzleitung übermittelt, wo sie auf einer digitalen Karte in Echtzeit dargestellt werden. Damit können Koordinatoren die Bewegungen aller Einsatzkräfte verfolgen und im Notfall schneller reagieren, etwa wenn ein Teammitglied in eine gefährliche Situation gerät.
Tests unter realistischen Bedingungen
Das System wurde bereits in mehreren Testszenarien erprobt. Die Forschenden führten Versuche in Tunnelsystemen und in Gebäuden mit komplexer Raumstruktur durch. Dabei zeigte sich, dass die Positionsbestimmung auch bei stark eingeschränkten Funkbedingungen zuverlässig funktionierte.
An den Tests waren nach Informationen der TU Graz auch Einsatzorganisationen beteiligt, die wertvolles Feedback zur praktischen Handhabung lieferten. Die Rückmeldungen flossen direkt in die Weiterentwicklung des Prototyps ein. Weitere Feldversuche unter realistischen Rettungsbedingungen sind für die kommenden Monate geplant.
Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Graz
Die Entwicklung unterstreicht die Rolle der TU Graz als wichtigen Innovationsstandort im Bereich der Navigationstechnologie. Das Institut für Navigation zählt europaweit zu den führenden Forschungseinrichtungen auf diesem Gebiet. Die Arbeit an Ortungssystemen für GPS-freie Umgebungen hat in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen.
Neben dem Rettungswesen sehen die Forschenden auch Anwendungspotenzial in der Bergbauindustrie, bei Feuerwehreinsätzen sowie im Bereich der Gebäudesicherheit. Die Technologie könnte perspektivisch auch für die Wartung unterirdischer Infrastrukturen wie Kanalsysteme oder U-Bahn-Tunnel eingesetzt werden.
Kooperation mit Industrie und Einsatzorganisationen
Für die Weiterentwicklung zur Marktreife strebt die TU Graz nach eigenen Angaben Kooperationen mit Industriepartnern und Rettungsorganisationen an. Ziel ist es, das System in den kommenden Jahren so weit zu entwickeln, dass es als zertifiziertes Produkt im regulären Einsatzbetrieb verwendet werden kann.
Die Forschungsarbeit wurde teilweise durch öffentliche Fördermittel finanziert. Details zur genauen Förderhöhe und zu beteiligten Projektpartnern hat die TU Graz bislang nicht veröffentlicht. Mit der Entwicklung positioniert sich die Universität an der Schnittstelle zwischen Grundlagenforschung und angewandter Technologie, die in konkreten Einsatzszenarien Leben retten kann.