Mitten in der Grazer Innenstadt tut sich eine grüne Oase auf. Auf 22 Hektar erstreckt sich das „grüne Herz" der steirischen Landeshauptstadt mit über 2.000 Bäumen – eine der größten und schönsten Parkanlagen Österreichs. Seit 1987 steht die gepflegte Anlage unter Naturschutz, seit 2002 auch unter Denkmalschutz. Und dennoch ist der Stadtpark kein Museum: Er ist das lebendige Wohnzimmer der Grazerinnen und Grazer.
Jogger drehen ihre Runden durch die schattigen Alleen, Familien picknicken auf den weitläufigen Wiesen, Studierende lernen auf den legendären gusseisernen Bänken – von denen es genau 600 Stück gibt. Und wer Glück hat, begegnet einem der „Stadtpark-Hansis": So nennen die Grazer liebevoll die Eichhörnchen, die zwischen den alten Bäumen ihre Kletterkünste zeigen.
Grazer Stadtpark in Zahlen
- Fläche: ca. 22 Hektar
- Bäume: rund 2.000 (davon 841 Rosskastanien)
- Baumarten: über 150 verschiedene Gattungen und Arten
- Sitzbänke: 600 gusseiserne Ruhebänke
- Schutzstatus: Naturschutz seit 1987, Denkmalschutz seit 2002
- Gegründet: 1869, fertiggestellt 1872
Von der Militärbrache zur grünen Lunge
Bevor der Stadtpark entstand, befand sich hier das Glacis – jene wallartigen Erdanschüttungen vor den Stadtmauern, die einem anstürmenden Feind keine Deckung bieten sollten. Als Kaiser Joseph II. Graz 1782 zur „offenen Stadt" erklärte, wurde die Fläche vom Militär als Exerzierplatz genutzt.
Der Wandel kam 1868: Im Austausch mit dem Grundstück der heutigen Belgier-Kaserne erhielt die Grazer Stadtverwaltung die überflüssig gewordenen Glacis. Bürgermeister Moritz Ritter von Franck präsentierte dem Gemeinderat einen visionären Plan: die Errichtung eines öffentlichen Parks. Ihm zu Ehren wurde später eine Eiche im Park gepflanzt – die sogenannte Franck-Eiche.
Der Stadtverschönerungsverein
Für die Umsetzung gründete man 1869 den „Verein zur Stadtverschönerung in Graz", der bis 1922 aktiv blieb. Das ehrgeizige Ziel: einen Naturpark im englischen Stil anlegen, mit besonderem Augenmerk auf seltene, exotische Bäume. Auf den einstigen Dämmen wurden prächtige Doppelalleen angelegt, darunter die Wilhelm-Fischer-Allee und die Erzherzog-Johann-Allee.
Bereits 1872 war die erste Gestaltung abgeschlossen – nach Plänen des Malers Ernst Matthey-Guenet. Die ursprünglichen Gaslaternen wurden erst in den 1970er-Jahren auf elektrischen Betrieb umgerüstet, wobei die historischen gusseisernen Stelen erhalten blieben.
Der Stadtparkbrunnen: Ein Weltausstellungs-Schatz
Das Herzstück des Parks ist der prachtvolle Stadtparkbrunnen – ein Exponat der Wiener Weltausstellung von 1873, das ursprünglich mit einem Ehrendiplom für Kunstguss ausgezeichnet wurde. Die Brunnenskulpturen stammen vom französischen Bildhauer Jean-Baptiste-Jules Klagmann und wurden vom Silber- und Bronzefabrikanten Antoine Durenne umgesetzt.
„Als Wien vom Kauf Abstand nahm, griff Graz zu – und sicherte sich für 30.000 Gulden eines der schönsten Brunnenbauwerke Europas."
Am 4. Oktober 1874, dem Namenstag Kaiser Franz Josephs I., wurde der Brunnen feierlich in Betrieb genommen. Die Gesamtmasse beträgt stolze 33 Tonnen, die acht Bronzefiguren im Becken wiegen je etwa 1.000 Kilogramm. Nach einer Generalsanierung erstrahlt der Brunnen seit Oktober 2025 in neuem Glanz.
Botanische Schätze unter freiem Himmel
Der Grazer Stadtpark ist ein botanisches Paradies mit über 150 verschiedenen Baumarten aus aller Welt. Die häufigste Art ist die Gewöhnliche Rosskastanie mit 841 Exemplaren – sie bildet das Rückgrat der berühmten Alleen. Doch die wahren Stars sind die exotischen Raritäten:
- Kaukasische Flügelnuss: Fast 150 Jahre alt und wohl das meistfotografierte Gewächs im Park. Die weit verzweigte Krone muss mittlerweile gestützt werden.
- Riesen-Mammutbaum: Diese Art kann bis zu 100 Meter hoch werden und einen Stammdurchmesser von 10 Metern erreichen.
- Kuchenbaum: Benannt nach seinem süßen Duft, der an frisch gebackenen Kuchen erinnert.
- Taschentuchbaum: Auffällig durch seine großen, weißen Hochblätter, die an flatternde Taschentücher erinnern.
- Amerikanischer Tulpenbaum: Mit seinen tulpenförmigen Blüten ein Blickfang im Frühsommer.
Die Rosskastanien haben es allerdings schwer: Die zunehmende Hitze und Trockenheit im Sommer, die Salzstreuung im Winter sowie der Befall mit der eingeschleppten Rosskastanien-Miniermotte machen ihnen zu schaffen. Die Holding Graz arbeitet intensiv daran, den Baumbestand „klimafest" für die Zukunft zu machen.
Freilichtgalerie der steirischen Kultur
Im 20. Jahrhundert wurde der Stadtpark zu einer Freilichtgalerie der steirischen Kulturgeschichte erweitert. Zahlreiche Büsten, Denkmäler und Gedenktafeln erinnern an bedeutende Persönlichkeiten:
| Denkmal | Persönlichkeit | Bildhauer |
|---|---|---|
| Schiller-Denkmal | Friedrich Schiller, Dichter | Hans Gasser (weißer Marmor) |
| Rosegger-Denkmäler | Peter Rosegger, Dichter | Zwei Denkmäler im Park |
| Kepler-Büste | Johannes Kepler, Astronom | – |
| Robert-Stolz-Büste | Robert Stolz, Komponist | – |
| Mozart-Büste | Wolfgang Amadeus Mozart | Werner Seidl (Bronze) |
| Franck-Denkmal | Moritz Ritter von Franck | E. Hellmer (Laaser Marmor) |
Der Dichter Peter Rosegger war selbst Anwohner und wurde oft bei seinen Spaziergängen durch die Parkalleen angetroffen. Ihm sind gleich zwei Denkmäler gewidmet. Auch der „Rostige Nagel" – eine moderne Skulptur nahe des Brunnens – ist mittlerweile ein nicht mehr wegzudenkender Teil des Parks, obwohl er bei seiner Aufstellung heftig umstritten war.
Forum Stadtpark: Wiege der Avantgarde
Forum Stadtpark
1959 stellte eine Gruppe junger Künstler – darunter Othmar Carli, Alfred Kolleritsch, Gustav Zankl und Emil Breisach – ein Ansuchen, das leerstehende Stadtpark-Café für Kunstveranstaltungen zu nutzen. Die Stadtverwaltung lehnte ab und plante den Abriss. Erst nach Protesten wurde eine Frist eingeräumt.
Das Forum Stadtpark wurde zur Keimzelle der österreichischen Avantgarde: Wolfgang Bauer, Peter Handke, Gerhard Roth, Barbara Frischmuth und Alfred Kolleritsch prägten von hier aus die deutschsprachige Literatur.
Heute: ~150 Veranstaltungen/Jahr · Freier Eintritt bei den meisten Events · forumstadtpark.at
Das Forum Stadtpark ist heute Ausstellungsraum, Konzerthaus, Diskursort, Theater, Musikklub, Kino und Hörsaal in einem – und eines der ältesten Häuser für interdisziplinäre Kunst in Europa. Gleich daneben wurde 1877 ein Musikpavillon errichtet, der noch heute für Open-Air-Veranstaltungen genutzt wird.
Halle für Kunst Steiermark
Bereits 1952 wurde das Künstlerhaus am Rand des Parks eröffnet. Die länderübergreifenden Trigon-Ausstellungen von 1963 bis 1995 erregten internationales Aufsehen. Heute firmiert das Haus unter dem Namen „Halle für Kunst Steiermark" und ist eine der wichtigsten Adressen für zeitgenössische Kunst in Österreich.
Freizeit und Erholung
Der Stadtpark ist das Naherholungsgebiet Nr. 1 für die Grazer Bevölkerung. Die langen Alleen laden zum Joggen, Walken und Radfahren ein. Auf den weitläufigen Freiflächen – dem Platz der Versöhnung und dem Platz der Menschenrechte – wird Volleyball gespielt, Frisbee geworfen und Slackline balanciert.
Für Familien
Kleine Parkbesucher können sich auf dem Spielplatz nahe dem Café Promenade austoben. Ein Verkehrserziehungsgarten bringt den Jüngsten spielerisch die Straßenregeln bei. Für Hunde gibt es zwei umzäunte Freilaufzonen – ansonsten gilt im gesamten Park Leinenpflicht.
Gastronomie im Park
- Café Promenade: In der Erzherzog-Johann-Allee – der klassische Treffpunkt zum Sehen und Gesehenwerden.
- Parkhouse: Der legendäre Pavillon (1928 von Hans Hönel entworfen) ist Teil der liberalen Künstlerszene und Veranstaltungsort für Konzerte, Poetry Slams und das Elevate Festival.
- Café im Burggarten: Am Rand des angrenzenden Burggartens gelegen.
Stadtpark Info: Das neue Besucherzentrum
Seit 2023 gibt es im Stadtpark einen neuen Info-Point „Unser Stadtpark". Der nachhaltige Holzbau beherbergt ein Besucherzentrum mit interaktiver Ausstellung über die Tier- und Pflanzenwelt sowie die 150-jährige Geschichte der Anlage. Fachkundige Stadtpark-Guides stehen für Führungen zur Verfügung – ein besonderes Erlebnis für Erwachsene und Kinder.
Praktische Informationen
- Lage: Entlang der Glacisstraße, von der Oper bis zum Paulustor
- Öffnungszeiten: Ganzjährig, rund um die Uhr zugänglich
- Anfahrt: Straßenbahn 1, 3, 6, 7 (Haltestelle „Kunsthaus" oder „Oper")
- Trinkwasser: Drei öffentliche Wasserbrunnen im Park
- Hunde: Zwei Freilaufzonen, sonst Leinenpflicht
Fazit: Mehr als nur ein Park
Der Grazer Stadtpark ist weit mehr als eine Grünfläche – er ist lebendige Stadtgeschichte. Hier spazierte Peter Rosegger, hier wurde die österreichische Avantgarde geboren, hier stehen Bäume, die schon 150 Jahre alt sind. Gleichzeitig ist der Park das pulsierende Herz der Stadt: ein Ort für Sport und Erholung, für Kultur und Begegnung, für Picknicks und erste Dates.
Die Grazerinnen und Grazer wissen, was sie an ihrem Stadtpark haben. Sie nennen ihn liebevoll das „grüne Herz" – und hüten ihn wie einen Schatz. Wer Graz wirklich kennenlernen will, muss durch den Stadtpark flanieren. Am besten mit einem Kaffee vom Café Promenade in der Hand, den Blick auf die jahrhundertealten Baumriesen gerichtet – und vielleicht begegnet einem ja ein Hansi.