GRAZ JOURNAL

Grazer Nobelpreisträger: Pregl, Loewi, Hess, Schrödinger

Vier Nobelpreisträger mit Grazer Professur: Fritz Pregl (1923), Otto Loewi (1936), Victor Franz Hess (1936), Erwin Schrödinger (1933). Ihre Geschichten und das Ende 1938.

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Grazer Nobelpreisträger: Pregl, Loewi, Hess, Schrödinger

Fritz Pregl - Nobelpreis für Chemie 1923

Fritz Pregl wurde am 3. September 1869 in Laibach (heute Ljubljana) als Sohn eines Offiziers und einer Mutter aus Krain geboren. Nach dem Tod des Vaters zog die Familie 1886 nach Graz, wo Pregl das Gymnasium abschloss und an der Karl-Franzens-Universität Medizin studierte. 1894 wurde er zum Doktor der Gesamten Heilkunde promoviert und war danach zunächst Assistent für Physiologie und Histologie bei Alexander Rollett. Nach Studienaufenthalten in Tübingen und Berlin kehrte er nach Graz zurück und habilitierte sich 1899 für Physiologie. 1907 wurde er außerordentlicher Professor, 1910 ging er als Ordinarius für Medizinische Chemie nach Innsbruck, 1913 wurde er an die Universität Graz zurückberufen.

Preglas wissenschaftliche Leistung besteht in der Entwicklung der Mikroanalyse organischer Substanzen. Bis zu Pregl waren für chemische Elementaranalysen Probemengen von mehreren hundert Milligramm nötig, was die Untersuchung seltener Naturstoffe - insbesondere aus dem menschlichen Körper - praktisch unmöglich machte. Pregl miniaturisierte alle notwendigen Apparaturen, Waagen und Reaktionsgefäße so weit, dass Analysen mit Probemengen von nur wenigen Milligramm möglich wurden. Die Nobelstiftung nennt in der offiziellen Laureaten-Biografie die Begründung: „für seine Erfindung der Methode der Mikroanalyse organischer Stoffe".

Am 10. Dezember 1923 wurde Pregl in Stockholm der Nobelpreis für Chemie verliehen. Er war damit der erste Grazer Universitätsprofessor und der erste Österreicher, der den Chemie-Nobelpreis erhielt. Von 1916 bis 1917 war Pregl Dekan der Medizinischen Fakultät Graz gewesen. Er starb am 13. Dezember 1930 in Graz, noch bevor die Universität unter das NS-Regime fiel. Sein Erbe in Form einer Stiftung trägt bis heute die Fritz-Pregl-Medaille, die von der Österreichischen Gesellschaft für Analytische Chemie für herausragende Leistungen vergeben wird. Die Stadt Graz widmet Pregl einen eigenen Eintrag auf dem Graz.at-Personenportal.

Otto Loewi - Medizin-Nobelpreis 1936

Otto Loewi wurde am 3. Juni 1873 in Frankfurt am Main geboren und studierte Medizin in Straßburg und München. Nach Stationen in Basel und London wurde er 1905 außerordentlicher Professor in Wien, und 1909 erhielt er die Berufung auf den Lehrstuhl für Pharmakologie an der Karl-Franzens-Universität Graz. Dort blieb er fast dreißig Jahre - bis zum „Anschluss" Österreichs im März 1938. Seine wissenschaftlichen Arbeiten umfassten Diabetesforschung, Herzphysiologie und schließlich die bahnbrechende Entdeckung, die ihm den Nobelpreis einbrachte: der chemische Nachweis der Nervensignalübertragung durch einen Botenstoff, den er zunächst „Vagusstoff" nannte und der später als Acetylcholin identifiziert wurde.

Die Entdeckung gelang Loewi 1921 mit einem Experiment an isolierten Froschherzen. Er übertrug die Nährlösung, in der ein gereiztes Herz geschlagen hatte, auf ein zweites unbehandeltes Herz - und dieses reagierte mit denselben Veränderungen. Damit war erstmals bewiesen, dass Nerven chemische Substanzen freisetzen, um ihre Signale zu übertragen. Die Idee war so präzise reproduzierbar, dass sie schnell international anerkannt wurde. Am 29. Oktober 1936 wurde ihm in Stockholm gemeinsam mit dem britischen Physiologen Henry Hallett Dale der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin verliehen.

Die Tragödie Loewis folgte nur zwei Jahre später. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Österreich am 12. März 1938 wurde Loewi am 13. März in Graz von der SS verhaftet und in das Polizeigefängnis am Paulustorgasse eingeliefert. Er wurde zwei Monate interniert und musste sein gesamtes Vermögen einschließlich des Nobelpreisgeldes an die Nazis überschreiben, um ausreisen zu dürfen. Am 28. September 1938 verließ er Österreich, emigrierte über Belgien in die USA und lehrte bis zu seinem Tod 1961 an der New York University. Sein jüngster Sohn übergab 1983 das Nobeldiplom seines Vaters an die Universität Graz, wo es heute gemeinsam mit einer Bronzebüste Loewis ausgestellt ist. Die Medizinische Universität Graz dokumentiert sein Leben auf der Seite des Otto-Loewi-Forschungszentrums, das 2017 seinen Namen erhielt.

Victor Franz Hess - Physik-Nobelpreis 1936

Victor Franz Hess wurde am 24. Juni 1883 auf Schloss Waldstein in der Obersteiermark geboren und studierte Physik an der Universität Graz, wo er 1906 zum Dr. phil. promoviert wurde. Seine berühmteste Leistung stammt aus der Zeit vor seiner Grazer Professur: Als Mitarbeiter des Wiener Instituts für Radiumforschung unternahm er 1911 und 1912 mehrere Ballonfahrten bis in 5.350 Meter Höhe, um die Ionisation der Atmosphäre zu messen. Er stellte fest, dass die Strahlungsintensität mit zunehmender Höhe zunahm - ein Befund, der nur erklärbar war, wenn die Strahlung aus dem Weltraum kam. Hess hatte die kosmische Strahlung entdeckt.

1920 wurde Hess außerordentlicher Professor für Experimentalphysik an der Universität Graz, 1925 wurde er zum Ordinarius ernannt und leitete das Physikalische Institut. 1931 wechselte er an die Universität Innsbruck, kehrte aber im November 1937 nach Graz zurück und übernahm erneut die Institutsleitung. Am 12. November 1936 wurde ihm in Stockholm gemeinsam mit Carl David Anderson der Nobelpreis für Physik verliehen - Hess für die Entdeckung der kosmischen Strahlung, Anderson für die Entdeckung des Positrons, das in der kosmischen Strahlung nachweisbar wurde.

Auch Hess wurde ab 1938 zum Opfer des NS-Regimes. Seine Ehefrau Berta war jüdischer Herkunft, und Hess selbst galt wegen seiner offenen Ablehnung des Nationalsozialismus als politisch unzuverlässig. Im Sommer 1938 wurde er ohne Pension in den Ruhestand versetzt und musste emigrieren. Er ging mit seiner Frau in die USA und wurde Professor an der Fordham University in New York. 1944 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Hess starb am 17. Dezember 1964 in Mount Vernon, New York. Die Universität Graz widmet ihm heute mehrere Gedenktafeln und benannte 2012 das Victor-Franz-Hess-Haus am Universitätsplatz 5, in dem die Abteilung für Physik untergebracht ist. Die Universität Innsbruck betreibt zudem die Victor-Franz-Hess-Messstation am Hafelekar oberhalb von Innsbruck.

Erwin Schrödinger - Physik-Nobelpreis 1933, Professor in Graz 1936-1938

Erwin Schrödinger wurde am 12. August 1887 in Wien geboren und studierte Physik an der Universität Wien, wo er 1910 promoviert wurde. Sein wissenschaftliches Hauptwerk entstand nicht in Graz, sondern in Zürich: Zwischen 1925 und 1926 formulierte er die Wellenmechanik, die heute als eine der beiden fundamentalen Formulierungen der Quantenmechanik gilt. Die nach ihm benannte Schrödinger-Gleichung ist Grundlage jeder modernen Atom- und Molekülphysik. 1933 erhielt er den Nobelpreis für Physik gemeinsam mit Paul Dirac „für die Entdeckung neuer produktiver Formen der Atomtheorie". Von 1927 bis 1933 war er Professor an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin als Nachfolger Max Plancks.

1933 verließ Schrödinger Berlin aus Protest gegen die nationalsozialistische Regierung und lebte zunächst in Oxford, dann in Princeton. 1936 nahm er die Berufung auf einen Lehrstuhl für Theoretische Physik an die Karl-Franzens-Universität Graz an - mit dem ausdrücklichen Wunsch, nach Österreich zurückzukehren. Er unterrichtete in Graz zwei Jahre lang und verband seine Professur mit einem zusätzlichen Lehrauftrag an der Universität Wien. Die Grazer Jahre waren für Schrödinger wissenschaftlich produktiv, aber politisch immer gefährlicher.

Nach dem „Anschluss" im März 1938 versuchte Schrödinger zunächst, sich zu arrangieren - er schrieb einen berüchtigten „Beitritts"-Brief, den er später bereute - doch das NS-Regime misstraute ihm weiterhin. Am 26. August 1938 wurde er von der Reichsstatthalterei wegen „politischer Unzuverlässigkeit" als ordentlicher Professor an der Universität Graz entlassen. Im September 1938 flüchtete er über Italien und die Schweiz nach Belgien und nahm 1939 eine Professur am neu gegründeten Dublin Institute for Advanced Studies an. In Dublin verfasste er 1944 das Buch „What is Life?", das großen Einfluss auf die frühe Molekularbiologie hatte und unter anderem Francis Crick und James Watson bei ihrer Arbeit an der DNA-Struktur inspirierte. Er starb 1961 in Wien.

1938: Das Ende der Grazer Nobelpreisträger-Tradition

Das Jahr 1938 markiert einen dramatischen Bruch in der Grazer Wissenschaftsgeschichte. Innerhalb weniger Monate verlor die Universität drei ihrer international herausragendsten Gelehrten: Loewi, Hess und Schrödinger wurden entlassen, verhaftet oder zur Emigration gezwungen. Pregl war schon 1930 verstorben; er entging damit zwar der Verfolgung, doch sein akademisches Umfeld wurde ebenfalls zerschlagen. Die Medizinische Fakultät verlor rund 40 Prozent ihrer Lehrenden durch die Entlassungen nach dem Berufsbeamtengesetz und die Nürnberger Rassegesetze, die Naturwissenschaftliche Fakultät verlor ähnlich viele. Die Universität Graz hat diese Geschichte erst ab den 1990er Jahren systematisch aufgearbeitet, insbesondere im Projekt „Gedächtnis der Medizin" an der Medizinischen Universität und in mehreren Monografien zur NS-Zeit der Karl-Franzens-Universität.

Ein eindringliches Bild liefert die Auseinandersetzung mit dem Schicksal Loewis: Die Universität, an der er 29 Jahre gearbeitet und seinen Nobelpreis vorbereitet hatte, überreichte ihm 1938 nicht Schutz, sondern beteiligte sich aktiv an seiner Verdrängung. Sein Lehrstuhl wurde an einen linientreuen Pharmakologen neu besetzt, sein Institut einer neuen Ausrichtung unterworfen, seine Schriften aus den Literaturlisten gestrichen. Die Aufarbeitung dieser Prozesse gehört heute zu den wichtigsten Aufgaben der Institutsgeschichte - und das Otto-Loewi-Forschungszentrum der Medizinischen Universität Graz versteht sich als ausdrückliche Verpflichtung zur Erinnerung.

Weitere bedeutende Wissenschaftler mit Grazer Bezug

Neben den vier anerkannten Nobelpreisträgern hatte Graz weitere Wissenschaftler von Rang, die den Preis nicht erhielten, aber internationalen Einfluss hatten. Ludwig Boltzmann (1844-1906), einer der Begründer der statistischen Mechanik, lehrte zwischen 1869 und 1890 insgesamt rund achtzehn Jahre an der Universität Graz - er war also der langjährigste Grazer Ordinarius unter den großen Physikern des 19. Jahrhunderts. Boltzmann selbst starb 1906 in Duino bei Triest, bevor die Nobelpreise sich der theoretischen Physik voll öffneten; seine Gleichung S = k log W ist auf seinem Grabstein in Wien eingemeißelt und gilt als Grundlage der thermodynamischen Entropie.

Julius Wagner-Jauregg (1857-1940), der 1927 den Nobelpreis für Medizin für die Malariatherapie der progressiven Paralyse erhielt, war in Graz geboren, studierte hier aber nicht - er wechselte für das Medizinstudium nach Wien. Auch der Chemiker Richard Zsigmondy, Nobelpreisträger 1925, hatte keinen Grazer Lehrstuhl, stand aber im wissenschaftlichen Austausch mit Preglas Institut. Die Chemikerin Gertrud Pleskot und der Physiker Heinrich Mache (Pioniers der Radiaktivitätsforschung) gehören ebenfalls in den erweiterten Grazer Kontext, ohne je den Nobelpreis erhalten zu haben.

Die Grazer Nobelpreisträger im Überblick

NameLebensdatenNobelpreisGraz-Bezug
Fritz Pregl1869-1930Chemie 1923Professor 1907-1910 und 1913-1930, gestorben in Graz
Otto Loewi1873-1961Medizin 1936Ordinarius Pharmakologie 1909-1938, vertrieben
Victor Franz Hess1883-1964Physik 1936Außerordentlicher Prof. 1920, Ordinarius 1925-1931 und 1937-1938
Erwin Schrödinger1887-1961Physik 1933Ordinarius Theoretische Physik 1936-1938, entlassen

Orte der Grazer Nobelpreis-Erinnerung

5 Orte, an denen die Grazer Wissenschaftsgeschichte sichtbar ist

  1. Universitätsplatz 5 - Victor-Franz-Hess-Haus: Heutiger Sitz der Physik der Karl-Franzens-Universität mit Gedenktafel.
  2. Otto-Loewi-Forschungszentrum der Medizinischen Universität Graz: Neuwidmung 2017, mit Bronzebüste und Nobelpreis-Dokumentation.
  3. Humboldtstraße / Universitätsplatz: Ehemaliges Institut für Physiologische Chemie, Wirkungsstätte Preglas bis 1930.
  4. Paulustorgasse: Ehemaliges Polizeigefängnis, in dem Loewi 1938 interniert war; heute ein Bürogebäude mit historischer Tafel.
  5. Das Joanneumsviertel - Museum für Geschichte: Dauerausstellung „Steirische Wissenschaftsgeschichte" mit den Nobelpreis-Dokumenten.

Die Lehren aus der Grazer Wissenschaftsgeschichte

Die Grazer Nobelpreisträger-Geschichte zwischen 1923 und 1938 zeigt zwei Dinge zugleich. Erstens: Graz war in dieser Zeit eine wissenschaftliche Stadt mit globaler Ausstrahlung. Vier Nobelpreise innerhalb von dreizehn Jahren, an einer einzigen Universität, sind ein ungewöhnliches Ergebnis - vergleichbar mit Göttingen, München oder Zürich. Die Kombination aus alter universitärer Substanz (die Karl-Franzens-Universität wurde 1585 gegründet, der heutige Name stammt aus der Wiederbegründung 1827 durch Kaiser Franz I. von Österreich), mit gezielter Berufungspolitik und naturwissenschaftlicher Forschungstradition ermöglichte diese Dichte.

Zweitens: Alles, was in diesen Jahrzehnten aufgebaut worden war, wurde 1938 binnen weniger Monate zerstört. Die NS-Regime-Politik traf die Wissenschaft mit einer Brutalität, die in der Erinnerungskultur lange zu wenig betont wurde. Die beiden Nobelpreisträger, die ihren Preis als aktive Grazer Professoren bekamen - Pregl und Loewi - wurden entweder vor der Verfolgung durch den Tod bewahrt (Pregl) oder aktiv verdrängt (Loewi). Die beiden anderen mit Graz verbundenen Preisträger - Hess und Schrödinger - erlebten die Entlassung ebenfalls. Dass sich die Grazer Wissenschaft davon erholen konnte, ist erst in den Jahrzehnten nach 1945 geschehen, mit neuer Berufungspolitik, neuen Instituten und einer aktiven Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Die Nobelpreisträger von damals bleiben das Maß, an dem sich die Grazer Wissenschaft bis heute misst - nicht um den Preis willen, sondern um der intellektuellen Verantwortung willen, die dieser Preis einmal bedeutet hat.

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