Johannes Kepler in Graz: Sechs Jahre am Stift 1594-1600
Von 1594 bis 1600 lehrte Johannes Kepler an der protestantischen Stiftsschule in Graz. Hier schrieb er das Mysterium Cosmographicum und heiratete Barbara Müller.
Keplers Herkunft und Ankunft in Graz
Johannes Kepler wurde am 27. Dezember 1571 in Weil der Stadt im heutigen Baden-Württemberg geboren, wuchs unter ärmlichen Verhältnissen auf und studierte ab 1589 an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen Theologie. Sein Ziel war eine Pfarrstelle in der württembergischen Landeskirche. Sein Mathematiklehrer Michael Mästlin vermittelte ihm jedoch 1594 eine freigewordene Stelle an der protestantischen Stiftsschule in Graz - eine Position, die Kepler nicht selbst gesucht hatte und zunächst nicht wollte. Der schwäbische Senat der Universität Tübingen beharrte auf der Annahme. Kepler reiste ab und erreichte Graz im Oktober 1594.
Die Stadt Graz zählte damals etwa 20.000 Einwohner und war die Hauptstadt des Herzogtums Innerösterreich unter Erzherzog Ernst und ab 1595 unter dessen Nachfolger Ferdinand II., dem späteren Kaiser. Die protestantische Ständeschaft - der Adel, die Bürgerschaft und Teile der Geistlichkeit - hatte sich mehrheitlich der evangelischen Lehre nach Luther angeschlossen, während die Habsburger Dynastie streng katholisch blieb. Die Spannung zwischen den beiden Konfessionen prägte das politische und intellektuelle Klima, in dem Kepler seine Arbeit begann. Das Portal Stadtportal Graz - Johannes Kepler, Astronom enthält eine kompakte Darstellung seiner Grazer Station.
Die protestantische Stiftsschule und der Landschaftsmathematiker
Die Stiftsschule Graz, an der Kepler lehrte, war eine protestantische Lateinschule im Paradeishof gegenüber dem heutigen Landhaus, getragen von den steirischen Ständen. Sie war in den 1570er Jahren gegründet worden und diente der Ausbildung der Söhne des protestantischen Adels und der vermögenden Bürgerschaft in Latein, Griechisch, Theologie und Mathematik. Kepler übernahm die mathematische Professur und war zugleich verpflichtet, als „Landschaftsmathematiker" im Dienst der steirischen Landstände zu arbeiten. Zu seinen Aufgaben gehörten astronomische Kalender mit Wetter-, Agrar- und politischen Prognosen, kartografische Arbeiten und die Beratung der Stände in wissenschaftlichen Fragen.
Kepler nahm diese Aufgaben ernst, auch wenn er die Astrologie seiner Kalender theoretisch kritisch sah. Sein erster Kalender für das Jahr 1595 enthielt unter anderem die Vorhersage eines strengen Winters und kriegerischer Ereignisse gegen die Türken - beides trat ein, und Kepler gewann damit Anerkennung bei den Ständen. Die Kombination aus Lehrtätigkeit und Stellung als Landschaftsmathematiker sicherte ihm ein ausreichendes Einkommen, ließ ihm aber genug Zeit für seine eigentliche Leidenschaft: die theoretische Kosmologie. Die Karl-Franzens-Universität Graz betreibt unter dem Dach der offiziellen Universitätsseite eine Dokumentation der Wissenschaftshistorie, in die Kepler als zentrale Figur gehört, auch wenn er nicht an der Karl-Franzens-Universität, sondern an der protestantischen Stiftsschule lehrte.
Der Durchbruch: „Mysterium Cosmographicum" 1596
Am 19. Juli 1595, während einer Vorlesung über die periodischen Konjunktionen von Jupiter und Saturn, hatte Kepler nach eigenen Angaben eine Einsicht, die zu seinem ersten großen Werk führte. Er beobachtete, dass sich regelmäßige Vielecke mit einem inneren und einem äußeren Kreis in bestimmten Verhältnissen verbinden lassen, und übertrug dieses Prinzip auf die fünf platonischen Körper (Tetraeder, Würfel, Oktaeder, Dodekaeder, Ikosaeder) und die sechs damals bekannten Planetenbahnen. Daraus entwickelte er die Theorie, dass die Abstände der Planetenbahnen um die Sonne durch ein System ineinander verschachtelter platonischer Körper erklärt werden könnten.
Das Ergebnis war das „Mysterium Cosmographicum" („Das Weltgeheimnis"), das Ende 1596 in Tübingen bei Georg Gruppenbach gedruckt und zu Beginn 1597 an prominente Astronomen und Förderer versandt wurde. Das Buch ist das erste veröffentlichte Werk, das offen die kopernikanische Lehre der Sonnenzentriertheit vertritt, und es machte Kepler in der europäischen Wissenschaftsgemeinschaft über Nacht bekannt. Galileo Galilei in Padua, Tycho Brahe auf Hven und Michael Mästlin in Tübingen schrieben an Kepler. Die Theorie der platonischen Körper gilt heute als falsch, aber die methodische Grundhaltung - die Suche nach mathematisch-geometrischen Gesetzen im Aufbau des Universums - ist die Grundlage der modernen Astronomie. Die Bayerische Akademie der Wissenschaften dokumentiert die Editionsgeschichte des Werks auf der Seite der Kepler-Kommission.
Die Heirat mit Barbara Müller
Am 27. April 1597 heiratete Johannes Kepler in der protestantischen Stiftskirche in Graz Barbara Müller. Barbara war 1573 geboren, also etwa zwei Jahre jünger als Kepler, und zum Zeitpunkt der Hochzeit zweifach verwitwet. Ihr Vater war Jobst Müller, ein wohlhabender Mühlenbesitzer in Gössendorf bei Graz - nicht, wie gelegentlich behauptet, ein Grazer Edelmann oder Adliger. Die Ehe wurde von den protestantischen Mitgliedern der Grazer Gemeinde vermittelt; Kepler selbst berichtete später in seinen Tagebüchern nüchtern und kritisch über seine Annäherung an Barbara.
Das Paar bekam zwischen 1598 und 1600 drei Kinder in Graz. Das erste Kind, ein Sohn, starb im Säuglingsalter, ebenso ein zweites Kind. Die dritte Tochter, Susanna, wurde erst 1602 in Prag geboren und überlebte. Die Tragik der frühen Grazer Ehejahre - der Verlust zweier Kinder in den ersten drei Jahren - prägte Keplers persönliche Haltung zur Forschung und zu Gott. In Briefen an Mästlin und in den Vorarbeiten zu seinen späteren Werken taucht immer wieder die Überzeugung auf, dass mathematisch-naturwissenschaftliche Erkenntnis ein tröstender Zugang zum göttlichen Ordnungsgedanken sei.
Die wissenschaftliche Korrespondenz mit Tycho Brahe
Von Graz aus begann Kepler 1598/1599 den wissenschaftlichen Austausch mit Tycho Brahe, dem damals bedeutendsten Astronomen Europas. Brahe betrieb auf der Insel Hven im Öresund das Observatorium Uraniborg und verfügte über die genauesten astronomischen Beobachtungsdaten seiner Zeit. Kepler brauchte diese Daten für seine theoretischen Arbeiten; Brahe suchte einen Mathematiker, der seine Beobachtungen auswerten konnte. Die Korrespondenz zwischen den beiden begann zurückhaltend und wurde im Lauf der Zeit enger. Als Brahe 1599 nach Prag zog und dort Hofastronom Kaiser Rudolfs II. wurde, lud er Kepler 1600 ausdrücklich zu sich ein.
Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Männern prägte die Wissenschaftsgeschichte. Kepler übernahm nach Brahes Tod im Oktober 1601 dessen Amt als Kaiserlicher Mathematiker und verwertete seine Beobachtungsdaten, um ab 1609 die drei Keplerschen Gesetze der Planetenbewegung zu formulieren, die bis heute Grundlage der Himmelsmechanik sind. Dass diese Zusammenarbeit überhaupt zustande kam, hat mit den Ereignissen in Graz zu tun, die Kepler zur Ausreise zwangen.
Die Gegenreformation unter Ferdinand II.
Am 27. Dezember 1596, achtzehn Jahre alt und frisch zurückgekehrt aus Ingolstadt, wurde Ferdinand II. in Graz als regierender Erzherzog von Innerösterreich installiert. Er war von den Jesuiten erzogen worden und hatte sich bei seiner Wallfahrt nach Loreto 1598 ein Gelübde auferlegt, den Protestantismus in seinem Herrschaftsgebiet vollständig auszulöschen. Ab September 1598 begann er mit systematischen Maßnahmen: die protestantischen Prediger wurden aus Graz ausgewiesen, die Stiftsschule geschlossen, protestantische Bücher verbrannt, Gottesdienste verboten. Die steirischen Stände protestierten, hatten aber gegen den Willen des Landesfürsten keine Durchsetzungsmacht.
Kepler war als Protestant unmittelbar betroffen. Die Stiftsschule, an der er unterrichtete, wurde 1598 geschlossen, und die evangelischen Lehrer wurden ausgewiesen. Kepler erhielt jedoch persönlich eine Sonderstellung: Sein wissenschaftlicher Ruf machte ihn zu einer Ausnahmeerscheinung, und Ferdinand wollte ihn halten, sofern er konvertieren würde. Kepler weigerte sich, seinen Glauben aufzugeben. Er blieb zunächst als Landschaftsmathematiker im Dienst der Ständeschaft, verlor aber seine Lehrposition. Im September 1599 reiste er kurz nach Prag, um Brahe persönlich kennenzulernen, und kehrte mit einem möglichen Stellenangebot zurück nach Graz.
Die Vertreibung 1600
Am 2. August 1600 erschien Kepler mit anderen protestantischen Grazern vor einer katholischen Kommission, die über ihre Zukunft entscheiden sollte. Er wurde aufgefordert, innerhalb weniger Wochen zum Katholizismus zu konvertieren oder die Stadt zu verlassen. Am 30. September 1600 verließ Kepler mit Barbara und dem Haushalt Graz in Richtung Prag. Die Reise führte über Linz und Pilsen; sie erreichten Prag im Oktober 1600 und wurden von Tycho Brahe am Hof von Kaiser Rudolf II. empfangen. Kepler trat damit in die produktivste Phase seines Lebens ein - die Grazer Jahre waren die Vorbereitung, die Prager Jahre brachten die reifen Werke hervor.
Für Graz bedeutete die Vertreibung Keplers nicht das Ende der wissenschaftlichen Tätigkeit in der Stadt, aber einen tiefen Einschnitt. Die protestantische Stiftsschule wurde aufgelöst, die evangelische Kultur der Steiermark weitgehend unterdrückt. Erst mit dem Toleranzpatent Joseph II. 1781 und endgültig mit der Bürgerrevolution 1848 wurde der Protestantismus in der Steiermark wieder als gleichberechtigte Konfession anerkannt. Kepler selbst kehrte nie dauerhaft nach Graz zurück, aber er blieb mit der Stadt über einzelne Briefe verbunden. Er starb am 15. November 1630 in Regensburg, ohne die Steiermark jemals wiederzusehen.
Keplers Grazer Jahre im Überblick
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| Oktober 1594 | Ankunft in Graz, Antritt an der protestantischen Stiftsschule |
| 1595 | Erster Kalender und astrologische Prognose; Vorlesungsintuition über die platonischen Körper am 19. Juli |
| 1596 | Fertigstellung des „Mysterium Cosmographicum"; Druck in Tübingen |
| 27. April 1597 | Heirat mit Barbara Müller in der protestantischen Stiftskirche |
| 1598 | Schließung der Stiftsschule durch Erzherzog Ferdinand II.; Beginn der Vertreibung der Protestanten |
| 1599 | Erste Reise nach Prag, Treffen mit Tycho Brahe; Rückkehr nach Graz |
| 2. August 1600 | Vorführung vor der katholischen Kommission in Graz |
| 30. September 1600 | Ausreise mit Familie und Haushalt aus Graz nach Prag |
Kepler in der Grazer Erinnerung
Heute ist Johannes Kepler in Graz mehrfach sichtbar. Das ehemalige Stiftsschulgebäude im Paradeishof neben dem Landhaus existiert nicht mehr in seiner ursprünglichen Form, aber die Gasse trägt den Namen Keplerstraße und führt vom Hauptplatz nach Westen zur Kepler-Brücke über die Mur. Die Neue Galerie Graz und das Museum für Geschichte im Joanneumsviertel zeigen im Rahmen ihrer Dauerausstellungen zur Grazer Kulturgeschichte regelmäßig auch Exponate zur Kepler-Zeit. Die Karl-Franzens-Universität Graz führt einen Kepler-Hörsaal und eine jährliche Kepler-Vorlesung in ihrem Institut für Physik. Eine Gedenktafel am Landhausflügel in der Herrengasse weist auf Keplers Wirkungsstätte als Landschaftsmathematiker hin.
Die in älterer Literatur zu findende Behauptung, Kepler habe an der „Jesuiten-Universität" Graz gelehrt, ist nachweislich falsch. Die Jesuiten-Universität Graz - die spätere Karl-Franzens-Universität - wurde 1585 von Erzherzog Karl II. als katholische Gegengründung zur protestantischen Stiftsschule gegründet und war das institutionelle Gegenstück zu Keplers Arbeitsort. Kepler lehrte an der protestantischen Stiftsschule im Paradeishof, die katholische Jesuiten-Universität lag in der Bürgergasse. Die beiden Einrichtungen waren während seiner Grazer Jahre Konkurrenten, nicht Partner.
Orte der Kepler-Erinnerung in Graz
5 Stationen einer Kepler-Tour durch Graz
- Paradeishof neben dem Landhaus: Ehemaliger Standort der protestantischen Stiftsschule, Keplers Arbeitsort 1594-1598. Heute Parkplatz mit Hinweistafel.
- Landhaus in der Herrengasse: Sitz der steirischen Stände, die Kepler als Landschaftsmathematiker beschäftigten. Bemerkenswerte Renaissance-Architektur.
- Die Keplerstraße im Bezirk Lend: Nach dem Astronomen benannte Straße am westlichen Murufer.
- Die Kepler-Brücke über die Mur: Verbindung zwischen Lend und Geidorf, Fußgänger- und Straßenbahnbrücke.
- Die Karl-Franzens-Universität am Universitätsplatz: Institut für Physik mit Kepler-Hörsaal und jährlicher Kepler-Vorlesung.
Die Bedeutung der Grazer Jahre für die Wissenschaftsgeschichte
Keplers sechs Grazer Jahre sind eine kurze Phase in einem Leben, das ihn später über Prag, Linz, Ulm und Sagan führte. Aber es waren die entscheidenden Jahre für seine Selbstfindung als Wissenschaftler. In Graz wurde aus dem jungen Theologen der Astronom, in Graz entstand das erste große Werk, in Graz schrieb er die ersten Briefe an Galilei und Brahe, in Graz lernte er zu verteidigen, was er dachte - gegen die Gegenreformation, gegen den Druck der Konvertierung, gegen den wirtschaftlichen Ruin seiner Familie.
Für die Grazer Stadtgeschichte ist Kepler einer der wenigen Denker von wirklich globaler Bedeutung, die hier gearbeitet haben. Seine Grazer Jahre sind damit auch ein Lehrstück über das Verhältnis zwischen freiem Denken und politischer Macht. Dass die Gegenreformation einen der größten Geister der europäischen Wissenschaft aus der Stadt vertreiben konnte, ohne dass sie es bemerkte - das ist eine Warnung, die bis heute gilt. Keplers sechs Jahre in der Paradeisgasse haben die Wissenschaftsgeschichte mehr geprägt als fast alles, was später in Graz geschah. Wer heute durch die Grazer Altstadt geht und am ehemaligen Landhaus vorbeikommt, steht an dem Ort, an dem ein junger Mann aus Württemberg die ersten Schritte in eine Welt machte, in der Mathematik, Beobachtung und Theorie gemeinsam ein neues Verständnis des Himmels ermöglichten.