GRAZ JOURNAL

Peter Rosegger und Graz: Der Weg vom Alpl in die Landeshauptstadt

Peter Rosegger (1843-1918) war der meistgelesene Autor seiner Zeit. Von 1865 bis zu seinem Tod blieb Graz sein zweiter Wohnsitz - hier gründete er 1876 den Heimgarten.

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Peter Rosegger und Graz: Der Weg vom Alpl in die Landeshauptstadt

Kindheit auf dem Kluppeneggerhof am Alpl

Der Kluppeneggerhof, Roseggers Geburtshaus, liegt auf rund 1.200 Meter Seehöhe am Alpl in der Gemeinde Krieglach, rund 80 Kilometer nördlich von Graz. Die Familie Rosegger besaß einen kleinen Waldbauernhof mit 34 Hektar Grund, überwiegend Wald. Der Vater Lorenz Rosegger war Waldbauer, die Mutter Maria Katharina betreute den Haushalt und sieben Kinder, von denen Peter das zweitälteste war. Die Lebensverhältnisse waren hart: lange Wege zur Dorfschule in St. Kathrein am Hauenstein, lange Winter, wenig Kontakt zur Außenwelt, aber eine starke mündliche Erzählkultur in der Familie. Roseggers spätere Erzählstücke leben von dieser Wurzel.

Weil seine Eltern ihn für den Bauernberuf körperlich zu schwach hielten, begann er mit 17 Jahren bei einem wandernden Schneider die Ausbildung zum Schneider. Er zog mit dem Meister von Hof zu Hof, lernte Menschen kennen, las in jeder freien Minute und schrieb nebenbei Gedichte in steirischem Dialekt. Auf einem dieser Wanderschneider-Aufenthalte kam er auf die Idee, seine Texte an die „Grazer Tagespost" zu schicken - die damals wichtigste Tageszeitung der steirischen Landeshauptstadt. Das Geburtshaus wird heute als Museum geführt und ist Teil der Rosegger-Museen des Universalmuseum Joanneum, das die Erinnerungsstätten am Alpl und in Krieglach betreut.

Die Entdeckung durch Adalbert Svoboda 1864

Im Jahr 1864 las der Redakteur der „Grazer Tagespost" Dr. Adalbert Svoboda die eingesandten Dialektgedichte eines unbekannten Schreiberlings mit dem Namen „Peter Rosegger". Er erkannte das literarische Talent und nahm Kontakt zu dem jungen Autor auf. In einem aufwändigen Briefwechsel überzeugte Svoboda den 21-jährigen Rosegger, nach Graz zu kommen und dort eine angemessene Ausbildung zu beginnen. Er empfahl ihn an die Akademie für Handel und Industrie in Graz, wo der Direktor Franz Dawidowsky bereit war, Rosegger kostenfrei aufzunehmen und in seinem Internat unterzubringen. Zusätzlich übernahm der Industrielle Peter von Reininghaus - Bruder des Brauerei-Gründers Johann Peter Reininghaus, nach dem das heutige Grazer Stadtviertel Reininghaus benannt ist - die finanzielle Unterstützung für die Lebenshaltungskosten Roseggers.

Im September 1865 traf Rosegger in Graz ein. Er war 22 Jahre alt und hatte bis dahin nie länger als ein paar Tage von seiner Heimat weg gewesen. Die Stadt Graz zählte damals etwa 80.000 Einwohner und war die Hauptstadt des Herzogtums Steiermark im späten Habsburgerreich. Für den Waldbauernsohn war die Ankunft in der Landeshauptstadt ein Kulturschock: die ersten großen Straßen, die ersten Kaffeehäuser, die erste Theateraufführung, die er je besuchte. Roseggers spätere Darstellungen seiner ersten Grazer Jahre sind voll von dieser Erfahrung - einer Mischung aus Dankbarkeit, Staunen und kritischer Distanz.

Die Ausbildung an der Akademie für Handel und Industrie 1865-1869

Die Akademie für Handel und Industrie, an der Rosegger eingeschrieben war, lag in der Grazer Innenstadt und bot eine praxisorientierte Ausbildung in Sprachen, Rechnen, Handelskorrespondenz und kaufmännischen Fächern. Es war keine klassische Gelehrtenschule, sondern eine Einrichtung für junge Männer, die später in der Wirtschaft arbeiten wollten - Kaufleute, Buchhalter, Unternehmer. Rosegger passte sich den Anforderungen an, ohne sich ganz in die Rolle des künftigen Kaufmanns zu finden. Er nutzte die Jahre 1865 bis 1869 vor allem zum Aufbau seiner Allgemeinbildung: Er las in der Grazer Universitätsbibliothek, lernte Französisch und Italienisch, besuchte Vorträge und Theateraufführungen.

Parallel schrieb er intensiv. Seine ersten zwei Grazer Bücher waren Gedichtbände in steirischem Dialekt: „Zither und Hackbrett" (1870, erschienen in Graz bei Leuschner und Lubensky) und „Tannenharz und Fichtennadeln" (1871). Sie brachten ihm erste Anerkennung in der regionalen Literaturkritik. Zu gleicher Zeit veröffentlichte er zunehmend in der „Grazer Tagespost" und in der „Heimat" (einer katholischen Literaturzeitschrift in Wien), wodurch er langsam ein größeres Publikum gewann.

Der literarische Durchbruch: „Die Schriften des Waldschulmeisters" 1875

Im Jahr 1873 heiratete Rosegger in Graz Anna Pichler, die Tochter eines Grazer Kaufmanns. Die Ehe war kurz und tragisch: Anna starb 1875 bei der Geburt ihres zweiten Kindes. Rosegger verarbeitete den Verlust in Briefen und Tagebuchnotizen mit großer Bitterkeit, und er flüchtete sich in die Arbeit. Im selben Jahr 1875 erschien sein bis heute bekanntester Roman „Die Schriften des Waldschulmeisters" - die fiktive Aufzeichnung eines Dorflehrers in den obersteirischen Wäldern, der das Leben seiner Gemeinde und die Veränderungen der Zeit beobachtet. Das Buch wurde sofort ein Erfolg, fand nach Paul Heyse und Gottfried Keller Zuspruch bei den wichtigsten Literaturkritikern des deutschsprachigen Raums, wurde in mehrere Sprachen übersetzt und machte Rosegger in ganz Europa bekannt.

Mit dem Durchbruch veränderte sich auch Roseggers wirtschaftliche Situation. Aus dem unterstützungsbedürftigen Schüler von 1865 wurde bis 1876 ein finanziell unabhängiger Autor mit einem europäischen Publikum. Er heiratete 1879 ein zweites Mal (Anna Knaur, die ihm drei weitere Kinder schenkte) und begann, sowohl in Graz als auch in Krieglach zu wohnen. Das 1877 in Krieglach erbaute Sommerhaus wurde später sein Hauptwohnsitz, aber Graz blieb über die Wintermonate und für viele öffentliche Auftritte sein zweites Zuhause.

Die Gründung des „Heimgarten" 1876

Am 1. Oktober 1876 gründete Rosegger in Graz die Monatszeitschrift „Heimgarten - Eine Monatsschrift für Haus und Herz". Verlegt wurde das Magazin bei Leuschner und Lubensky, dem wichtigsten Grazer Verlag jener Zeit. Der „Heimgarten" war von Anfang an mehr als eine literarische Zeitschrift: Er war eine kulturelle Plattform, auf der Rosegger eigene Geschichten und Essays veröffentlichte, junge Autoren förderte und sich zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen äußerte. Die Zeitschrift erschien bis 1935, also siebzehn Jahre über Roseggers Tod hinaus, und erreichte in ihrer Blütezeit zwischen 1885 und 1910 eine Auflage von rund 10.000 Exemplaren - für eine monatliche Kulturzeitschrift im deutschsprachigen Raum eine beachtliche Zahl.

Der Inhalt des „Heimgarten" war eine Mischung aus Belletristik, Essayistik, regionalem Kulturbericht, Naturbeobachtung und sozialer Kommentierung. Rosegger nutzte die Plattform, um sich für bessere Schulen auf dem Land einzusetzen (die „Waldheimatschulen", für die er selbst große Spenden sammelte), gegen die Vertreibung der Kleinbauern durch Großgrundbesitzer, für den Schutz der steirischen Wälder und Dialekte und für die Würde der einfachen Menschen. Seine politische Haltung war schwer einzuordnen - konservativ in sozialen Fragen, liberal in kulturellen, nationalistisch in Sprachfragen und kritisch gegenüber der zentralen Wiener Bürokratie. Diese Mischung spiegelte die Spannungen der späten Monarchie und machte Rosegger zur Projektionsfläche vieler unterschiedlicher Leser.

Rosegger als Grazer Ehrenbürger

Am 25. Juni 1913, zum 70. Geburtstag Roseggers, ernannte ihn die Stadt Graz zum Ehrenbürger. Das war eine seltene Auszeichnung, die nur wenigen bedeutenden Persönlichkeiten zuteilwurde, und sie würdigte Rosegger explizit als Brückenfigur zwischen der Stadt Graz und der Waldheimat. Die Universität Graz verlieh ihm im selben Jahr die Ehrendoktorwürde (Dr. phil. h. c.) - die Universität Heidelberg hatte 1903 bereits eine entsprechende Ehrung ausgesprochen, Graz folgte eine Dekade später. Auch die Universität Wien verlieh Rosegger 1913 eine Ehrendoktorwürde.

Rosegger nahm die Ehrungen mit Dankbarkeit und einer gewissen Distanz entgegen. Er war kein Eitelkeitsmensch, und die Anerkennung durch die akademischen Institutionen war ihm weniger wichtig als der direkte Kontakt zu seinen Lesern. Die Stadt Graz widmet ihm auf ihrem offiziellen Persönlichkeiten-Portal einen eigenen Eintrag, der seine wichtigsten biografischen und publizistischen Stationen dokumentiert.

Die späten Jahre und der Tod 1918

In den letzten zwei Jahrzehnten seines Lebens verbrachte Rosegger immer mehr Zeit in Krieglach und immer weniger in Graz. Sein Haus in Krieglach, 1877 nach eigenen Entwürfen erbaut, wurde zu seinem Arbeitsraum, und er schrieb dort viele seiner letzten Werke: „Als ich jung noch war" (1895), „Erdsegen" (1900), „Das ewige Licht" (1897), „Mein Himmelreich" (1905). Die Zeit des Ersten Weltkriegs 1914-1918 belastete ihn sehr. Er verlor Freunde und Verwandte im Krieg, und seine frühere Begeisterung für den deutsch-österreichischen Nationalstaat wandelte sich in Skepsis und Trauer. Seine letzten Briefe aus dem Jahr 1918 sind voll von Sorge um die Zukunft Österreichs und der Steiermark.

Peter Rosegger starb am 26. Juni 1918 in seinem Haus in Krieglach. Er wurde auf dem Krieglacher Friedhof beigesetzt. Sein Tod wurde in ganz Österreich und Deutschland in den Zeitungen groß gemeldet. Die Grazer Tagespost, die ihn 1864 zum ersten Mal veröffentlicht hatte, widmete ihm eine ganze Sonderausgabe. In Graz wurde eine Trauerfeier abgehalten, und das „Heimgarten"-Magazin erschien in einer Sonderausgabe mit einem Nachruf von Otto von Cholewa, dem damaligen Redakteur.

Roseggers Werke im Überblick

TitelJahrGattung
Zither und Hackbrett1870Gedichte in Dialekt
Tannenharz und Fichtennadeln1871Gedichte
Die Schriften des Waldschulmeisters1875Roman
Waldheimat1877Erzählungen
Jakob der Letzte1888Roman
Als ich jung noch war1895Autobiografische Erzählungen
Das ewige Licht1897Roman
Erdsegen1900Roman
Mein Himmelreich1905Religiöse Betrachtungen
Heimgarten (Zeitschrift)1876-1935Monatsschrift

Rosegger im heutigen Graz

Heute findet man Peter Rosegger in Graz an mehreren Orten. Im Stadtpark steht seit 1929 eine Bronzebüste von ihm, geschaffen vom Bildhauer Hans Brandstetter, die den Dichter in älteren Jahren zeigt. Die Peter-Rosegger-Straße im Bezirk Eggenberg ist nach ihm benannt, ebenso mehrere Grazer Schulen, darunter die Volksschule Peter Rosegger in der Brucknerstraße. Die Steiermärkische Landesbibliothek in der Kalchberggasse besitzt einen umfangreichen Rosegger-Nachlass mit Originalmanuskripten, Briefen und der ersten Auflage fast aller seiner Bücher. Eine Grazer Rosegger-Gesellschaft pflegt die wissenschaftliche Beschäftigung mit seinem Werk und organisiert jährliche Veranstaltungen.

Für einen Besuch der Originalschauplätze muss man allerdings die Stadt verlassen. Das Geburtshaus am Alpl und das Rosegger-Haus in Krieglach sind als Museen des Universalmuseum Joanneum geöffnet. Der Kluppeneggerhof ist von einem Parkplatz in St. Kathrein am Hauenstein in einer halben Stunde zu Fuß erreichbar, das Haus in Krieglach liegt direkt im Ortszentrum. Beide Stationen lassen sich an einem Tag gut mit einer Bahnreise von Graz über die Südbahnstrecke (ÖBB S1) kombinieren. Die Steiermark Tourismus GmbH dokumentiert die Routen auf der Seite Hochsteiermark - Peter Roseggers Geburtshaus.

Rosegger und die moderne Literaturkritik

Roseggers literarischer Ruf hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach gewandelt. Zu Lebzeiten war er einer der meistgelesenen Autoren im deutschsprachigen Raum, mit Auflagen, die heute kaum vorstellbar sind. In der Nachkriegszeit geriet er in den Schatten der Moderne - die Frankfurter Schule, die experimentelle Prosa der Grazer Gruppe um Alfred Kolleritsch und die Avantgarde der 1960er Jahre hatten wenig Platz für die erzählerische Bodenständigkeit Roseggers. Er wurde als „Heimatdichter" abgetan, was in der Literaturkritik der 1970er Jahre fast einem Schimpfwort gleichkam.

Seit den 1990er Jahren hat sich das Bild differenziert. Literaturhistoriker an der Karl-Franzens-Universität Graz und am Literaturhaus Graz haben Roseggers Werk neu gelesen und darin neben dem idealisierenden Konservatismus auch scharfe soziale Kritik, bewusste Sprachkunst und eine moderne Ambivalenz entdeckt. Sein Roman „Jakob der Letzte" (1888) - die Geschichte eines Bauern, der als letzter seiner Siedlung gegen die Abwanderung kämpft - gilt heute als eines der wichtigsten Dokumente der österreichischen Landflucht des späten 19. Jahrhunderts und wird in den Lehrplänen der Grazer Universität regelmäßig behandelt.

Eine Rosegger-Tour durch Graz

5 Stationen für eine Rosegger-Tour

  1. Rosegger-Büste im Stadtpark: Von Hans Brandstetter 1929 geschaffen, steht im westlichen Teil des Parks nahe der Keplerbrücke.
  2. Peter-Rosegger-Straße im Bezirk Eggenberg: Hauptverkehrsachse nach Westen, nach dem Dichter benannt.
  3. Steiermärkische Landesbibliothek, Kalchberggasse 2: Rosegger-Nachlass mit Manuskripten und Briefen, Einsicht nach Voranmeldung möglich.
  4. Kluppeneggerhof am Alpl (Museum): Mit der S1 und Bus ab Graz Hbf in etwa zwei Stunden erreichbar, Öffnungszeiten April bis Oktober.
  5. Rosegger-Haus in Krieglach: Roseggers Sommer- und späterer Hauptwohnsitz, heute Museum mit originalem Arbeitsraum und Sterbezimmer.

Eine steirische Lebensgeschichte

Peter Roseggers Leben ist eine der erfolgreichsten österreichischen Bildungsgeschichten des 19. Jahrhunderts. Der Waldbauernsohn aus Alpl, der mit 17 als Wanderschneider losging, wurde zu einem der bekanntesten Schriftsteller des deutschsprachigen Raums, zum Ehrenbürger von Graz und zum Ehrendoktor mehrerer Universitäten. Seine Geschichte zeigt, wie die bürgerliche Gesellschaft des späten Habsburgerreichs - mit ihrer Mischung aus Aufstiegsmöglichkeiten und sozialem Gefälle - Begabungen aus ärmlichen Verhältnissen fördern konnte, wenn sich die richtigen Förderer fanden. Rosegger hatte das Glück, an Adalbert Svoboda zu geraten, an Franz Dawidowsky und an Peter von Reininghaus; ohne diese drei Männer wäre seine Biografie anders verlaufen.

Für Graz bleibt Rosegger eine zentrale kulturelle Figur. Er ist kein Grazer im engen Sinn - geboren wurde er am Alpl, gestorben ist er in Krieglach - aber seine eigentliche literarische Karriere begann in Graz, wurde von Grazern ermöglicht und blieb mit der Stadt verbunden. Die Beziehung war kein Ersatz für die Waldheimat, sondern ihre notwendige Ergänzung. Rosegger hat beide Welten gebraucht: die abgeschiedene, raue Landschaft seiner Kindheit und die bürgerliche, lesende Grazer Kulturszene seiner Erwachsenenjahre. Beide Orte machten aus ihm, was er war. Und beide Orte halten sein Andenken heute lebendig - Graz mit Büste, Straßen und Bibliothek, Krieglach mit dem Museum, der Waldschule und dem Geburtshaus. Wer Rosegger heute lesen will, findet seine Bücher in jedem guten Buchhandel und in den Bibliotheken beider Orte; wer seine Welt erleben will, braucht beide Stationen: Graz und Alpl, Stadt und Wald.

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