Robert Stolz und Graz: Vom Mehlplatz zum Welterfolg
Robert Stolz (1880-1975) wurde im Palais Inzaghi am Mehlplatz geboren. Über 1.700 Kompositionen, ein Denkmal im Stadtpark seit 1972, ein Museum seit 1991.
Kindheit im Palais Inzaghi am Mehlplatz
Der Mehlplatz liegt im Herzen der Grazer Altstadt, zwischen Herrengasse und Murinsel, und trägt seinen Namen vom historischen Mehlhandel, der hier bis ins späte 19. Jahrhundert stattfand. Das Palais Inzaghi - ein barockes Bürgerhaus aus dem 17. Jahrhundert - stand am Platz Nummer 1 und war zu Zeiten Roberts Stolz in zwei Funktionen unterwegs: als Wohnsitz und als Sitz des „Öffentlichen Musikbildungs-Instituts", das die Eltern des Komponisten führten. Jakob Stolz (1832-1919) war Kapellmeister, Komponist und einer der prominenten Grazer Musiklehrer der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ida Stolz, geborene Bondy, war Konzertsängerin. Die Familie Stolz bewohnte die oberen Stockwerke und unterrichtete in den Salons des Erdgeschosses Klavier, Gesang und Musiktheorie. Die Stadt Graz widmet dem Komponisten einen eigenen Eintrag auf ihrem Graz.at-Persönlichkeiten-Portal.
Robert war das sechste Kind der Familie und zeigte nach Aussage der Eltern schon als Vierjähriger absolutes Gehör. Sein Vater gab ihm bereits mit fünf Klavierunterricht, seine erste Komposition verfasste er angeblich mit sieben. Die musikalische Ausbildung in seinem Elternhaus war umfassend: Klavier, Komposition, Harmonielehre, Dirigieren. Ab etwa 1893 studierte er am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien bei Robert Fuchs und später bei Engelbert Humperdinck (dem Komponisten von „Hänsel und Gretel") in Berlin. Die Ausbildung endete 1897 mit einer Art Abschluss, danach kehrte Stolz nach Graz zurück.
Erste Kapellmeister-Positionen 1898-1907
Bereits 1898, mit 18 Jahren, trat Stolz seine erste professionelle Stelle an: Kapellmeister am Stadttheater Maribor (damals Marburg an der Drau, heute Slowenien). Das Engagement war eine typische Einstiegsposition für junge österreichische Dirigenten - man probte und dirigierte Operetten, Singspiele und leichte Opern, leitete kleine Orchester und machte Erfahrung im Theaterbetrieb. 1902 wechselte Stolz an das Stadttheater Salzburg, nach nur einem Jahr zog er weiter nach Brünn (heute Brno in Tschechien), wo er bis 1907 Kapellmeister am Stadttheater war. Zwischendurch leistete er seinen Militärdienst in der österreichisch-ungarischen Armee als Sanitätsgehilfe ab.
Am 7. September 1907 wurde Stolz zum Kapellmeister am Theater an der Wien berufen - dem damals wichtigsten Operetten-Haus im deutschsprachigen Raum. Hier begann seine eigentliche Karriere als Wiener Operetten-Komponist. In den folgenden zehn Jahren entwickelte er sich zum „Star-Dirigenten der Silbernen Operetten-Ära", wie die zeitgenössische Musikkritik es nannte. Parallel zu seiner Dirigententätigkeit begann er, eigene Werke zu schreiben - zunächst kleine Lieder und Couplets, dann kompletta Operetten und Singspiele.
Die Wiener Jahre und die ersten großen Erfolge
Zwischen 1907 und 1930 schrieb Stolz in Wien dutzende Operetten und hunderte Lieder. Zu den bekanntesten Wiener Werken zählen „Der Tanz ins Glück" (1920), „Mädi" (1923), „Die Tänzerin Fanny Elssler" (1934 uraufgeführt) und viele kleinere Operetten, die an den Wiener und Berliner Theatern liefen. Viele seiner Lieder aus dieser Zeit wurden Wiener Evergreens: „Servus, du!", „Du sollst der Kaiser meiner Seele sein", „Hallo, du süße Klingelfee". Stolz hatte einen Begriff für eingängige Melodien und Texte, und er produzierte in einem Tempo, das auch für die damals übliche Wiener Schlagerindustrie außergewöhnlich war.
Seine bekannteste Komposition entstand 1929/30 für den ersten deutschsprachigen Tonfilm „Zwei Herzen im Dreivierteltakt". Regie führte Géza von Bolvary, das Drehbuch stammte von Walter Reisch, und Stolz schrieb die Musik. Der Titelwalzer wurde einer der ersten internationalen Filmmusik-Welterfolge des Tonfilms - innerhalb weniger Monate wurden Platten in Deutschland, Österreich, Großbritannien und den USA verkauft, das Lied wurde in mehreren Sprachen nachgesungen. Stolz erhielt erstmals eine wirkliche internationale Reichweite. Das Werk gilt bis heute als Meilenstein des frühen Tonfilms im deutschsprachigen Raum.
Filmmusik der 1930er Jahre
Mit dem Erfolg von „Zwei Herzen im Dreivierteltakt" etablierte sich Stolz als führender Filmkomponist des frühen deutschsprachigen Tonfilms. Zwischen 1930 und 1938 komponierte er die Musik für dutzende Filme in Berlin und Wien - Operettenfilme, Liebesromanzen, Komödien. Zu den bekanntesten zählen „Ein Lied geht um die Welt" (1933, mit Joseph Schmidt), „Frühjahrsparade" (1934, mit Franziska Gaal) und „Ungeküsst soll man nicht schlafen gehen" (1936). Seine Lieder aus diesen Filmen wurden regelmäßig Nummer-eins-Hits auf den Platten des Grammophonmarkts.
Nach dem „Anschluss" Österreichs im März 1938 wurde die Situation für Stolz schwierig. Er war zwar selbst nicht jüdischer Herkunft, aber er hatte zahlreiche jüdische Textdichter, Librettisten und Regiepartner, die von der nationalsozialistischen Rassenpolitik verfolgt wurden. Stolz unterstützte sie finanziell und versuchte, ihre Ausreise zu organisieren. Ende 1938 zog er mit seiner fünften Ehefrau Einzi Trotha, geborene Ulrich, selbst ins Ausland - zunächst in die Schweiz, dann nach Frankreich. 1940 gelang die Weiterreise in die USA, wo er bis 1946 lebte und arbeitete.
Die Emigration in den USA und die Rückkehr
In New York arbeitete Stolz als Dirigent und Komponist für Rundfunk, Broadway und Hollywood. Er leitete Konzerte, schrieb die Musik für einige amerikanische Filme und dirigierte Aufnahmen für Columbia Records. Sein Ruhm in Amerika war allerdings begrenzt - er war „der österreichische Operetten-Komponist", sein Stil galt als zu europäisch für den amerikanischen Markt. Gleichzeitig setzte er sich aktiv für emigrierte Kolleginnen und Kollegen ein, organisierte Benefiz-Konzerte und spendete für Hilfsorganisationen.
1946 kehrte Stolz nach Europa zurück. Er ließ sich in Wien nieder und wurde dort in den folgenden Jahrzehnten zur zentralen Figur einer späten Operetten-Renaissance. Er dirigierte die Wiener Philharmoniker, die Wiener Symphoniker und internationale Orchester bei Konzerten seiner eigenen Werke, trat im Fernsehen auf und schrieb weiter Kompositionen bis ins hohe Alter. Seine letzte Operette „Trauminsel" wurde 1962 uraufgeführt, sein letztes Lied schrieb er im Jahr 1974, ein Jahr vor seinem Tod.
Das Robert-Stolz-Denkmal im Grazer Stadtpark 1972
Am 27. Juli 1972, einen Monat vor Stolz' 92. Geburtstag, wurde im Grazer Stadtpark ein Robert-Stolz-Denkmal enthüllt. Der Bildhauer Erwin Huber hatte die Bronze-Skulptur bereits 1970 geschaffen, die offizielle Aufstellung und Enthüllung fanden zwei Jahre später statt. Das Denkmal zeigt Stolz in Dirigentenpose und steht an einer prominenten Stelle im östlichen Teil des Parks, nahe der Grünfläche vor dem Meerscheinschlössl. Stolz war bei der Enthüllung persönlich anwesend - er war 1972 91 Jahre alt und noch erstaunlich vital. Die Ehrung zu Lebzeiten unterstreicht, wie sehr Graz ihren berühmten Sohn bereits zu seinen Lebzeiten würdigte.
Die Einordnung ist wichtig: Das Denkmal ist kein postumes Grabmal, sondern eine Ehrung zu Lebzeiten. Stolz konnte sich selbst bei der Feier bedanken - ein Moment, der ihn später in einem Interview sichtlich bewegt hatte. Die Stadt Graz hat den Komponisten damit aktiv in sein kulturelles Selbstverständnis aufgenommen, noch bevor sein Werk in der engeren Musikgeschichte kanonisiert war. Das Denkmal ist heute einer der beliebtesten Treffpunkte im Stadtpark und wird regelmäßig von Grazer Musikfreunden mit Blumen geschmückt, besonders zu seinem Geburtstag am 25. August. Neben dem Denkmal verläuft die „Robert-Stolz-Promenade" - eine nach ihm benannte Fußwegachse durch den Park.
Tod 1975 und das Robert-Stolz-Museum im Mehlplatz-Palais 1991
Robert Stolz starb am 27. Juni 1975 in Berlin, im Alter von 94 Jahren. Er war bis wenige Tage vor seinem Tod aktiv, hatte noch im Jahr 1974 neue Lieder geschrieben und Konzerte dirigiert. Seine Witwe Einzi Stolz, die etwa 30 Jahre jünger war als er, wurde zur Nachlassverwalterin und kämpfte in den folgenden Jahrzehnten um die Pflege seines Werkes. Sie gründete 1975 die Robert-Stolz-Museum-Gesellschaft und begann, Originalmanuskripte, Briefe, Noten und persönliche Gegenstände ihres Mannes zu sammeln, mit dem Ziel, in Graz oder Wien ein Museum zu etablieren.
1989 wurde das Palais Inzaghi am Mehlplatz 1 - das Geburtshaus von Stolz und der ehemalige Sitz des Musikbildungs-Instituts seiner Eltern - für die museumsreife Nutzung ausgewählt. Nach zweijährigen Renovierungsarbeiten eröffnete im Jahr 1991 das Robert-Stolz-Museum als Dependance des Stadtmuseums Graz (heute GrazMuseum). Die Ausstellung zeigte originale Noten, Korrespondenzen mit anderen Komponisten, Fotografien aus allen Lebensphasen und Teile des Arbeitszimmers von Stolz aus seiner Wiener Wohnung. 2003, im Kulturhauptstadtjahr, wurde das Museum aus Kostengründen geschlossen. Die Bestände wurden in das GrazMuseum am Sackstraße überführt und später teilweise in den Depots eingelagert. Die Stadt Graz kündigte 2024 Pläne für ein neues Robert-Stolz-Museum im Geburtshaus am Mehlplatz an, die auf der offiziellen Stadtportal-Meldung dokumentiert sind.
Die wichtigsten Werke von Robert Stolz
| Werk | Jahr | Gattung |
|---|---|---|
| Servus, du! | 1911 | Lied |
| Du sollst der Kaiser meiner Seele sein | 1916 | Lied aus Operette „Der Favorit" |
| Der Tanz ins Glück | 1920 | Operette (Raimundtheater Wien) |
| Mädi | 1923 | Operette |
| Zwei Herzen im Dreivierteltakt | 1930 | Filmmusik für ersten deutschen Tonfilm |
| Ein Lied geht um die Welt | 1933 | Filmmusik (mit Joseph Schmidt) |
| Frühjahrsparade | 1934 | Filmmusik (mit Franziska Gaal) |
| Venus in Seide | 1932 | Operette (Theater an der Wien) |
| Im weißen Rößl am Wolfgangsee (Beitrag) | 1930 | Koproduktion mit Ralph Benatzky |
| Trauminsel | 1962 | Letzte Operette |
Stolz im Grazer Musikleben der Gegenwart
Die Stadt Graz hat Robert Stolz nie aus ihrem kulturellen Selbstverständnis entlassen. Die Grazer Oper (heute Oper Graz) führt regelmäßig Stolz-Operetten und Stolz-Medleys auf, die Grazer Philharmoniker spielen seine Orchesterwerke im Konzertprogramm, und Grazer Chöre haben seine Lieder als festen Bestandteil des heimischen Repertoires. Zum 100. Geburtstag 1980 und zum 125. im Jahr 2005 wurden in Graz Sonderausstellungen und Festkonzerte organisiert. Das Institut für Musikethnologie der Kunstuniversität Graz forscht zur Geschichte der Wiener Operette und zitiert Stolz regelmäßig in seinen Publikationen.
Die jährliche AIMS-Sommerakademie (American Institute of Musical Studies) in Graz führt jedes Jahr einen „Salon Stolz" als Wettbewerbsformat für junge Sängerinnen und Sänger durch, bei dem Robert-Stolz-Lieder und -Arien im Mittelpunkt stehen. Die AIMS dokumentiert diesen Wettbewerb auf ihrer Seite AIMS Graz - Robert-Stolz-Salon. Damit bleibt die Tradition des Komponisten im aktiven musikalischen Gebrauch erhalten, auch jenseits der großen institutionellen Würdigungen.
Stolz-Orte in Graz
5 Orte mit Robert-Stolz-Bezug in Graz
- Palais Inzaghi am Mehlplatz 1: Geburtshaus von Robert Stolz, ehemaliges Musikbildungs-Institut der Eltern, heute von außen zu besichtigen.
- Robert-Stolz-Denkmal im Stadtpark: Enthüllt 1972 zu Lebzeiten des Komponisten, Skulptur von Erwin Huber.
- Robert-Stolz-Promenade im Stadtpark: Fußweg parallel zum Denkmal, Teil der zentralen Stadtparkachse.
- Robert-Stolz-Straße im Bezirk St. Leonhard: Wohnstraße, nach dem Komponisten benannt.
- Oper Graz, Kaiser-Josef-Platz: Spielstätte seiner Operetten, regelmäßig im Spielplan.
Stolz im Vergleich mit anderen Grazer Musikern
Die Grazer Musikgeschichte ist reich an Namen, aber Robert Stolz ist bis heute einer der wenigen, die weltweite Bekanntheit erreicht haben. Gundula Janowitz, die in Graz aufwuchs und ihre Ausbildung am Grazer Konservatorium erhielt, wurde im Opern-Bereich zur internationalen Größe. Olga Neuwirth, 1968 in Graz geboren, gehört heute zu den wichtigsten lebenden Komponistinnen der Neuen Musik. Beat Furrer, ebenfalls ein Grazer (wenngleich in der Schweiz geboren), lehrt an der Kunstuniversität Graz und hat mit seinen Opern eine feste Stellung im zeitgenössischen Musikbetrieb. Aber Stolz war derjenige, dessen Lieder Millionen Menschen auf drei Kontinenten mitsingen konnten - eine Form der Popularität, die in der ernsten Musik seither selten geworden ist.
Diese Popularität brachte aber auch den Verdacht mit sich, dass Stolz „nur Unterhaltung" gewesen sei - ein Vorwurf, den die strenge Musikwissenschaft des 20. Jahrhunderts mehrfach erhoben hat. Die Einschätzung hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten differenziert: Musikhistoriker wie Anno Mungen und Vera Grund haben gezeigt, dass Stolz' kompositorisches Handwerk, seine Harmonik und seine Instrumentationskunst dem damaligen Wiener Operetten-Standard mindestens ebenbürtig waren, in vielen Fällen darüber hinausgingen. Sein Platz in der österreichischen Musikgeschichte ist heute gesichert, auch wenn er nicht in der Gesellschaft Mahlers oder Schönbergs auftaucht.
Ein Grazer, der die Welt zum Singen brachte
Robert Stolz bleibt eine der wenigen Grazer Persönlichkeiten, die mit ihrer Arbeit eine globale Reichweite erreicht haben. Seine Lieder waren in den 1930er und 1940er Jahren Teil der populärmusikalischen Weltkultur, seine Filmmusik für „Zwei Herzen im Dreivierteltakt" war einer der ersten internationalen Tonfilm-Hits, seine späten Operetten-Renaissance-Konzerte in den 1950er und 1960er Jahren verbanden ein ganzes Publikum mit dem verschwundenen Wien der Vorkriegszeit. Dass er in Graz geboren wurde, im Palais Inzaghi am Mehlplatz, ist keine Nebensächlichkeit, sondern der biografische Ausgangspunkt eines Lebens, das die österreichische Musikkultur mitprägte.
Für Graz ist Stolz eine der wenigen musikalischen Figuren, deren Denkmal zu Lebzeiten enthüllt wurde - ein Privileg, das in der Grazer Denkmalgeschichte selten ist. Wer heute im Stadtpark an der Bronze-Skulptur vorbeigeht, steht an einem Ort, an dem ein 91-jähriger Mann 1972 die Hand seines jüngeren Selbst schüttelte, das 18-jährig 1898 Graz verlassen hatte, um Kapellmeister in Marburg zu werden. Zwischen dem Aufbruch und der Enthüllung des Denkmals liegen 74 Jahre und mehr als 1.700 Kompositionen. Das ist das Maß des Lebens, das Robert Stolz aus Graz mit in die Welt genommen hat.