GRAZ JOURNAL
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Napola-Forschung: Uni Graz sucht Zeitzeugen

Historikerin Nadjeschda Stoffers von der Universität Graz erforscht die nationalsozialistischen Eliteschulen (Napolas) in der ehemaligen „Ostmark" – darunter auch die Einrichtung in Seckau. Sie sucht dringend Zeitzeugen sowie persönliche Dokumente und Gegenstände.

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Die Historikerin Nadjeschda Stoffers vom Institut für Geschichte der Universität Graz ruft Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie deren Nachkommen auf, sich zu melden: Im Rahmen eines Forschungsprojekts in Kooperation mit dem Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung untersucht sie die Nationalpolitischen Lehranstalten, kurz Napolas, auf dem Gebiet des heutigen Österreich. Gesucht werden Erinnerungen, aber auch persönliche Unterlagen wie Briefe, Tagebücher, Fotos, Schulaufsätze oder Gegenstände aus jener Zeit.

Neun Einrichtungen in der „Ostmark"

Zwischen 1939 und 1945 existierten auf dem Gebiet des heutigen Österreich insgesamt neun solcher NS-Erziehungsanstalten, darunter in Wien, Traiskirchen, Göttweig, Seckau (Steiermark), Vorau, St. Paul im Lavanttal und Lambach. Im gesamten Deutschen Reich und den besetzten Gebieten gab es mehr als 40 Napola-Standorte. Die Einrichtungen nahmen Buben und Mädchen ab zehn Jahren auf – jedoch nur jene, die den rassistischen Kriterien des Regimes entsprachen und eine mehrtägige Aufnahmeprüfung bestanden. Der Schulalltag war strikt geregelt: Appelle, Sport, Unterricht, vormilitärische Übungen, Studierstunden und Arbeitseinsätze bestimmten das Leben der Kinder und Jugendlichen.

Stoffers beschreibt die Aufnahmeprüfungen als teils gefährlich: „Das konnte zum Beispiel sein, dass man als Nichtschwimmer von einem mehrere Meter hohen Turm runterspringen musste." Die Forscherin stellt grundlegende Fragen an die Überlieferung: „Wie erlebten sie die Aufnahmeprüfung und den Internatsalltag? Welche Rolle spielten Konzepte wie Kameradschaft für die Kinder und Jugendlichen? Wie gestaltete sich die nationalsozialistische Erziehung und Ideologisierung in diesen totalen Institutionen?"

Forschungslücke trotz einzelner Publikationen

Obwohl es einzelne wissenschaftliche Arbeiten, lokalhistorische Publikationen sowie autobiografische Berichte ehemaliger Schülerinnen und Schüler gibt, fehlen laut Stoffers umfassende Forschungsprojekte zu den Napolas in der damaligen „Ostmark". Auf das Thema stieß sie eher zufällig: Bei Recherchen für die Ausstellung Zusammen. Flucht und Alltag in Traiskirchen entdeckte sie, dass das heutige Areal der Bundesbetreuungsstelle Ost während der NS-Zeit als Napola genutzt wurde. Seither hat sie bereits mit zwei Personen gesprochen, die im Internat in Traiskirchen untergebracht waren.

Steirischer Bezug: Napola Seckau

Für Graz und die Steiermark ist das Projekt von besonderer Bedeutung: Mit Seckau befand sich eine der neun österreichischen Napola-Einrichtungen auf steirischem Boden. Die Dringlichkeit des Projekts ergibt sich aus dem fortgeschrittenen Alter der letzten lebenden Zeitzeugen. „Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen über ihre Schulzeit in der Napola sind jetzt noch möglich", betont Stoffers.

Wer selbst eine Napola besucht hat, Familienangehörige mit entsprechenden Erinnerungen oder persönlichen Materialien kennt oder anderweitig Hinweise geben kann, wird gebeten, Kontakt aufzunehmen. Nadjeschda Stoffers ist erreichbar unter der E-Mail-Adresse [email protected] oder telefonisch unter +43 664 533 85 03 (Institut für Geschichte, Liebiggasse 9, 8010 Graz).