GRAZ JOURNAL
wirtschaftaktuellespolitik

Gaskraftwerk Mellach: Einsatz gegen Strommangel

Anhaltende Trockenheit lässt die österreichische Wasserkraft schwächeln - das Fernheizkraftwerk Mellach südlich von Graz fährt deshalb eine seiner zwei Maschineneinheiten hoch, um die Versorgungssicherheit zu stützen.

· Von

Die anhaltende Trockenheit des Sommers 2026 trifft Österreichs Stromnetz an einer empfindlichen Stelle: Laut Verbund produzieren die heimischen Wasserkraftwerke derzeit rund ein Drittel weniger Strom als üblich, weil die Wasserpegel in Flüssen wie Mur und Drau deutlich gesunken sind. Als Konsequenz wurde das Fernheizkraftwerk Mellach, gelegen südlich von Graz in der Gemeinde Fernitz-Mellach, teilweise hochgefahren.

Linie 20 übernimmt die Last

Aktuell ist die sogenannte „Linie 20" in Betrieb - eine Maschineneinheit mit einer elektrischen Leistung von rund 417 Megawatt, die über Kühlturmkühlung verfügt. Die zweite Einheit, „Linie 10" mit 421 MW, ist planmäßig von April bis September 2026 stillgelegt und steht damit nicht zur Verfügung. Betreiber ist die VERBUND Thermal Power GmbH & Co KG; das Fernheizkraftwerk ging erstmals 1986 in Betrieb und versorgte Jahrzehnte lang Graz mit Strom und Fernwärme.

Werksgruppenleiter Christof Kurzmann-Friedl von Verbund beschreibt die Lage klar: „Wenn die Sonne nicht scheint, der Wind nicht weht, die Wasserkraft aufgrund des ausbleibenden Niederschlages nicht zur Verfügung steht, dann braucht man eine andere Leistung. Die kann importiert werden - oder man kann sie auch selbst produzieren, da kann ein Gaskraftwerk einen relevanten Beitrag liefern."

Tagsüber Photovoltaik, nachts das Problem

Das Ungleichgewicht zeigt ein klares Tagesmuster: Während die Photovoltaik tagsüber einen großen Teil des Wasserkraftausfalls ausgleicht, entsteht in den Nachtstunden - wenn kaum Wind weht und keine Solarenergie fließt - eine Versorgungslücke. Diese wird entweder durch Stromimporte oder durch flexible Gaskraftwerke wie Mellach geschlossen. Verbund hält auf seiner Kraftwerks-Website fest, das Kraftwerk stehe „in Bereitschaft und wird ausschließlich mit dem Brennstoff Erdgas mit einer Leistung von bis zu 165 MWel bedarfsorientiert in Betrieb genommen."

Mur als begrenzender Faktor

Der Betrieb unterliegt strengen behördlichen Auflagen: Das Rückkühlwasser, das in die Mur eingeleitet wird, darf die Flusstemperatur unterhalb des Kraftwerks auf keinen Fall über 25 Grad Celsius heben. Gerade in Hitze- und Trockenperioden, wenn der Fluss ohnehin warm und wasserarm ist, wirkt diese Auflage als natürliche Obergrenze für den Kraftwerksbetrieb. Graz und die Südsteiermark stehen damit vor einer doppelten Herausforderung: schwächelnde regionale Wasserkraft einerseits, begrenzte Kapazität der fossilen Reserve andererseits.

Strategische Rolle für die Energiewende

Die Austrian Power Grid (APG) unterstreicht die Bedeutung solcher Anlagen: „Die APG benötigt auch in den kommenden Jahren die Netzreserve mit hochflexiblen leistungsstarken Gaskraftwerken zum sicheren Management ihrer Infrastrukturen." Mellach gilt im europaweiten Stromnetz als wichtiger Baustein für Netzstabilität und Blackoutvorsorge.

Experten warnen, dass Extremsituationen wie die aktuelle Trockenheit in Standardberechnungen zur Lastdeckungsreserve oft nicht berücksichtigt werden. Genau unter solchen Bedingungen sinkt die verlässlich verfügbare Kapazität, während die Importabhängigkeit Österreichs steigt. Der August 2026 illustriert damit exemplarisch eine Versorgungslücke, die durch den Klimawandel künftig häufiger auftreten könnte - und für die fossile Brückentechnologien vorerst keine einfache Alternative haben.