NS-Vergangenheit: Uni Graz klärt Gebäudegeschichte
Das Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft der Universität Graz zieht im Februar 2027 in das historisch belastete Gebäude am Universitätsplatz 4. Ab Herbst 2026 werden bisher unbeachtete Archivalien zur NS-Geschichte des Instituts aufgearbeitet und ein Kunstwettbewerb für Erinnerungsorte durchgeführt.
Das Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft der Universität Graz steht vor einem folgenreichen Umzug: Im Februar 2027 verlässt es die Merangasse und bezieht das Gebäude am Universitätsplatz 4 auf dem Hauptcampus. Das Gebäude trägt eine schwere historische Last - und genau das nimmt das Institut zum Anlass für ein umfassendes Aufarbeitungsprojekt.
Ein Gebäude mit dunkler Geschichte
Das Haus am Universitätsplatz 4 war während der NS-Zeit ein zentraler Ort nationalsozialistischer Aktivität. Das Gebäude in der Schubertstraße 6 - so die frühere Adressierung - wurde nach dem „Anschluss" 1938 vom Reichsstudentenwerk erworben und am April 1939 als „Studentenhaus" vom damaligen Gauleiter Sigfried Uiberreither feierlich eröffnet. Zwei nationalsozialistische Fresken, die 1939 von Franz Köck gemalt worden waren, wurden nach dem Krieg übermalt und erst bei einer Renovierung im Jahr 1977 wiederentdeckt. Rektor Peter Riedler kommentierte den Fund: „Dieses Fresko ist nicht nur Dokument, sondern ein Mahnmal für die dunkle Zeit des Nationalsozialismus, die sich nie mehr wiederholen darf."
Zudem lehrte im künftigen Institutsgebäude Otto Tumlirz, der am Pädagogik-Institut in der NS-Zeit die Rassenhygiene in seinen Vorlesungen vertrat. Das Institut hält dazu fest: „Somit schließt sich vom neuen Gebäude auch der Bogen zur Pädagogik und zu Otto Tumlirz, der am Pädagogik-Institut in der NS-Zeit die Rassenhygiene in seinen Vorlesungen vertrat."
Archivarbeit und Kunstwettbewerb
Ab Herbst 2026 widmet sich das Institut - finanziert durch das Kulturamt der Stadt Graz - bisher unbeachteten Archivalien zur Geschichte des Instituts in Austrofaschismus, NS-Zeit und Nachkriegszeit. Ziel ist es, Forschungslücken zu schließen und Grundlagen für eine lebendige Erinnerungskultur zu schaffen. „Ab Herbst 2026 werden wir uns, finanziert aus Mitteln des Kulturamts der Stadt Graz, bisher unbeachteten Archivalien widmen, die noch mehr Aufschluss geben können über die Zeit unseres Instituts im Austrofaschismus, in und nach der NS-Zeit", heißt es seitens des Instituts.
Parallel dazu läuft unter der Ägide des Centrums für Jüdische Studien gemeinsam mit dem Verein Rotor ein Kunstwettbewerb. Die Künstlerinnen und Künstler haben ihre Ideen bereits im Juni 2026 eingereicht; die Jury-Sitzung fand im Sommer statt. Im Gebäude sollen Orte der Erinnerung, der Reflexion und der Aktivierung entstehen. Die Ergebnisse sollen im Herbst 2027 der Öffentlichkeit präsentiert werden.
Breite Aufarbeitung an der Universität Graz
Der Umzug des Instituts fügt sich in eine längere Geschichte der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit der Universität Graz ein. Nach dem „Anschluss" 1938 wurden zahlreiche Lehrende vertrieben - darunter die Nobelpreisträger Otto Loewi, Viktor Hess und Erwin Schrödinger - sowie knapp ein Drittel der Studierenden. Der Akademische Senat hatte am 17. März 1938, vier Tage nach dem Anschluss, sogar beantragt, die Hochschule in „Adolf Hitler Universität" umbenennen zu dürfen - das Unterrichtsministerium lehnte das Ansuchen im September 1938 ab. Zwischen 2008 und 2017 wurden in der Universitätsbibliothek 127 Bücher, die während des NS-Regimes geraubt worden waren, an ihre rechtmäßigen Eigentümer rückgeführt.
Mit dem geplanten Einzug des Instituts und dem laufenden Kunstprojekt entsteht mitten in der Grazer Innenstadt ein öffentlich zugänglicher Ort der Erinnerungskultur. Die Finanzierung durch das Kulturamt der Stadt Graz unterstreicht die gesamtstädtische Bedeutung des Vorhabens.