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Graz – UNESCO City of Design: Zwischen Welterbe und Friendly Alien

Graz – UNESCO City of Design: Zwischen Welterbe und Friendly Alien

Wer durch Graz spaziert, erlebt etwas Einzigartiges: In kaum einer anderen Stadt liegen Renaissance und Avantgarde so nah beieinander. Man schlendert durch die historischen Gassen der Altstadt mit ihren prächtigen Innenhöfen – und blickt plötzlich auf eine blaue, biomorphe Blase, die wie ein freundlicher Außerirdischer am Murufer gelandet zu sein scheint.

Diese Mischung aus Tradition und Moderne ist kein Zufall, sondern Programm. Seit März 2011 trägt Graz den Titel UNESCO City of Design – als erste und einzige Stadt Österreichs in diesem exklusiven Netzwerk, das weltweit Städte verbindet, die Design als Motor für nachhaltige Stadtentwicklung verstehen.

Graz auf einen Blick

  • Einwohner: ca. 305.200 (Stand 2025)
  • UNESCO City of Design: seit März 2011
  • UNESCO Weltkulturerbe: Altstadt (1999) und Schloss Eggenberg (2010)
  • Europäische Kulturhauptstadt: 2003
  • Studierende: ca. 61.000
  • Kreativwirtschaft: 14% der regionalen Wertschöpfung

Der Weg zur UNESCO City of Design

Die Ernennung zur City of Design kam nicht aus dem Nichts. Kunst, Kultur und Kreativität sind seit Jahrzehnten Teil der DNA von Graz. Die Stadt etablierte sich früh als Zentrum der österreichischen Avantgarde – mit dem traditionsreichen steirischen herbst als ältestem Festival für zeitgenössische Kunst in Europa und als Brutstätte der modernen Literatur mit Autoren wie Peter Handke, Werner Schwab, Barbara Frischmuth und Wolfgang Bauer.

Der bisherige Höhepunkt wurde 2003 erreicht, als Graz zur Europäischen Kulturhauptstadt gekürt wurde. Mit diesem Anlass entstanden architektonische Ikonen wie das Kunsthaus von Peter Cook und Colin Fournier und die Murinsel von Vito Acconci – Bauten, die das Stadtbild nachhaltig veränderten und Graz international als Architektur-Destination bekannt machten.

„Ein Städtenetzwerk zu formen, das menschenfreundliche und nachhaltige Stadtentwicklung mit der treibenden Kraft der Kreativität fördert." — Motto des UNESCO Creative Cities Network

2007 wurde die Creative Industries Styria (CIS) als Kompetenzzentrum für die Kreativwirtschaft gegründet und legte damit den Grundstein für die Bewerbung. 2009 reichte Graz den Antrag ein, im März 2011 folgte die offizielle Ernennung – Graz stand nun auf Augenhöhe mit Designstädten wie Berlin, Shanghai, Buenos Aires, Kobe und Saint-Étienne.

Das Kunsthaus: Der „Friendly Alien"

Das Kunsthaus Graz ist das architektonische Wahrzeichen des modernen Graz. Wie ein riesiger blauer Tropfen ist es 2003 in die Stadt „gefallen" – so beschreiben es die Grazer liebevoll. Die Architekten Peter Cook und Colin Fournier schufen einen Baukörper, der alle Konventionen sprengt: biomorph, futuristisch, kontrovers.

Architektur-Highlight

Kunsthaus Graz

Architekten: Peter Cook & Colin Fournier

Eröffnung: 2003 (Kulturhauptstadt-Jahr)

Spitzname: „Friendly Alien" (freundlicher Außerirdischer)

Besonderheit: BIX-Medienfassade mit 930 Lichtringen

Nozzles: Rüsselartige Öffnungen mit Blick auf Uhrturm

Das Kunsthaus zeigt wechselnde Ausstellungen zeitgenössischer Kunst.

Die einzigartige BIX-Medienfassade – 20 Meter hoch und 40 Meter breit – besteht aus über 1.200 Acrylglasplatten und 930 Lichtringen, die von einem zentralen Computer gesteuert werden. Nachts wird sie zur Leinwand für Kunstinstallationen und Interaktionen mit dem Stadtraum. Die Berliner Firma realities:united (Jan und Tim Edler) entwickelte dieses weltweit einzigartige System.

Besonders clever: Durch die sogenannten „Nozzles" – die rüsselartigen Öffnungen an der Oberseite – sehen Besucher vom Inneren des Museums direkt auf den Uhrturm am Schlossberg. So verbinden die Architekten bewusst das alte und das neue Wahrzeichen der Stadt.

Die Murinsel: Kunst auf dem Wasser

Ebenfalls für das Kulturhauptstadt-Jahr 2003 entstand die Murinsel – eine schwimmende Plattform mitten in der Mur, entworfen vom New Yorker Künstler Vito Acconci. Die muschelförmige Konstruktion aus Stahl und Glas verbindet beide Flussufer und beherbergt ein Café, ein Amphitheater und einen Kinderspielplatz.

Was als temporäres Projekt gedacht war, wurde zum Dauerbrenner: Die Murinsel ist heute eine der meistfotografierten Sehenswürdigkeiten der Stadt – besonders eindrucksvoll bei Nacht, wenn sie beleuchtet auf dem Wasser schimmert.

Weitere Architektur-Highlights

Graz bietet noch viel mehr moderne Architektur, die das Stadtbild prägt:

  • Stadthalle Graz (Klaus Kada): Multifunktionshalle mit markanter Glasfassade, ebenfalls 2003 eröffnet.
  • Helmut-List-Halle: Veranstaltungszentrum in einem ehemaligen Industriebau, Paradebeispiel für kreative Umnutzung.
  • Joanneumsviertel: Unterirdische Verbindung der Museen im Joanneum-Quartier mit spektakulärem Glashof.
  • Grazer Congress: Historischer Kongressbau mit modernen Erweiterungen.
  • Lendviertel: Aufstrebender Stadtteil mit kreativer Szene, Galerien und innovativer Architektur.

UNESCO-Welterbe: Die historische Seite

Neben der modernen Architektur besitzt Graz auch zwei UNESCO-Welterbestätten – ein einzigartiges Zusammenspiel von Alt und Neu.

Die Altstadt (seit 1999)

Die Grazer Altstadt gehört zu den besterhaltenen historischen Stadtzentren Europas. Hier lässt sich die Baugeschichte über Jahrhunderte hinweg ablesen: gotische Kirchen, Renaissance-Innenhöfe, barocke Palais, Gründerzeit-Fassaden. Anders als in vielen Städten wirkt die Altstadt dabei nie museal, sondern lebendig und urban.

Schloss Eggenberg (seit 2010)

Das barocke Schloss Eggenberg wurde 2010 als Erweiterung in die Welterbe-Liste aufgenommen. Die prächtige Anlage mit 365 Fenstern (eines für jeden Tag des Jahres) und 24 Prunkräumen ist ein Meisterwerk der Barockarchitektur und beherbergt heute Sammlungen des Universalmuseums Joanneum.

UNESCO-Auszeichnungen Jahr
Altstadt – Weltkulturerbe 1999
Schloss Eggenberg – Weltkulturerbe 2010
City of Design 2011

Die Kreativwirtschaft in Graz

Design ist in Graz nicht nur Architektur – es ist ein Wirtschaftsfaktor. Im Großraum Graz beträgt der Anteil der Kreativwirtschaft an der gesamten Wertschöpfung rund 14 Prozent. Die Stadt ist Heimat zahlreicher Designstudios, Agenturen, Architekturbüros und innovativer Start-ups.

Design-Initiativen und Events

  • Design Month Graz: Jährliches Festival mit Ausstellungen, Workshops und Events rund um Design.
  • Creative Night Graz: Kreative öffnen ihre Ateliers und Studios für Besucher.
  • Designers in Residence: Programm, das internationale Designer mit steirischen Unternehmen zusammenbringt.
  • designforum Steiermark: Präsentationsfläche für Designer im Kunsthaus Graz.
  • Architekturexport: Initiative zur internationalen Positionierung steirischer Architektur.
Institution

Creative Industries Styria (CIS)

Die CIS ist das Kompetenzzentrum für die steirische Kreativwirtschaft. Sie fungiert als Schnittstelle zwischen Designern, Unternehmen und Politik und organisiert zahlreiche Projekte und Events.

Web: cis.at | City of Design: cityofdesign.graz.at

Ausbildung und Forschung

Mit rund 61.000 Studierenden ist Graz eine echte Universitätsstadt. Die Hochschulen bilden den Nachwuchs für die Kreativwirtschaft aus und betreiben Forschung an der Schnittstelle von Design, Technologie und Wirtschaft.

  • Technische Universität Graz: Architektur, Industrial Design, Stadtplanung
  • Kunstuniversität Graz (KUG): Bühnengestaltung, Mediendesign
  • FH Joanneum: Informationsdesign, Produktdesign, Ausstellungsdesign
  • Ortweinschule: Höhere technische Lehranstalt für Kunst und Design

Das Netzwerk der UNESCO Creative Cities

Graz ist Teil eines globalen Netzwerks von über 40 Cities of Design weltweit. Diese Städte teilen die Überzeugung, dass Design ein Motor für nachhaltige Stadtentwicklung ist – von der Stadtplanung über Produktdesign bis zur digitalen Innovation.

Andere Mitglieder des Netzwerks sind unter anderem Berlin, Helsinki, Montreal, Singapur, Shanghai, Kobe, Buenos Aires, Detroit und Dundee. Der Austausch zwischen den Städten ermöglicht gemeinsame Projekte, Residency-Programme und den Transfer von Best Practices.

Design erleben: Tipps für Besucher

  • Kunsthaus Graz: Wechselnde Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, BIX-Fassade bei Nacht erleben
  • Murinsel: Café-Besuch mit Blick auf die Mur, besonders stimmungsvoll abends
  • Lendviertel: Hippes Szeneviertel mit Galerien, Designshops und kreativer Gastronomie
  • Designspaziergänge: Geführte Touren zu moderner Architektur (Graz Tourismus)
  • Design Month Graz: Jährliches Festival im Frühling mit vielfältigem Programm

Graz Design Thing

Das offizielle Designsouvenir der Stadt verbindet Alt und Neu: Ein Schattenlicht aus Edelstahl zeigt sowohl den Uhrturm als auch das Kunsthaus – moderne und traditionelle Architektur zum Mitnehmen. Erhältlich bei Graz Tourismus und im Museumsshop des Kunsthauses.

Fazit: Kreativität als Lebensgefühl

Graz zeigt, wie eine Stadt Geschichte und Innovation verbinden kann, ohne eines dem anderen zu opfern. Die Altstadt ist UNESCO-Welterbe – und nur wenige Meter entfernt steht das futuristische Kunsthaus. Der steirische herbst bringt Avantgarde-Kunst in barocke Innenhöfe. Junge Designer treffen auf traditionelles Handwerk.

Die Ernennung zur UNESCO City of Design ist keine befristete Auszeichnung – Graz ist permanent Teil des Netzwerks. Das bedeutet: Der Gestaltungsprozess geht weiter, Design soll in alle Bereiche des städtischen Lebens einfließen.

Für Besucher bietet Graz damit ein einzigartiges Erlebnis: eine Stadt, die ihre Vergangenheit ehrt und gleichzeitig mutig in die Zukunft blickt. Wo sonst kann man vom gotischen Uhrturm auf einen „freundlichen Außerirdischen" schauen?

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