Enge historische Gassen und Straßen laden das ganze Jahr über zum Flanieren ein. 1999 wurde die Grazer Altstadt wegen ihres hervorragend erhaltenen Stadtkerns zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt – eine Auszeichnung, die den außergewöhnlichen universellen Wert dieser architektonischen Schatzkammer bestätigt. 2010 kam Schloss Eggenberg hinzu, sodass Graz heute als „Stadt Graz – Historisches Zentrum und Schloss Eggenberg" auf der Welterbeliste steht.
Was die Grazer Altstadt so einzigartig macht: An ihr ist die geschichtliche Entwicklung fast lückenlos ablesbar. Historischer Stadtkern und Schloss Eggenberg sind das Spiegelbild einer jahrhundertelangen Verbindung von künstlerischen und architektonischen Bewegungen, die ihren Ursprung im deutschen und mediterranen Raum sowie am Balkan fanden.
„Die Stadt Graz und Schloss Eggenberg bilden das außergewöhnliche Beispiel einer harmonischen Integration der architektonischen Stile aufeinanderfolgender Epochen. Erscheinungsbild von Stadt und Schloss lassen deren gemeinsame historische und kulturelle Entwicklung deutlich ablesen." — UNESCO-Begründung
Geschichte: Von der slawischen Siedlung zur Residenzstadt
Die Wurzeln von Graz reichen bis ins frühe Mittelalter zurück. Erste Besiedlungen gab es bereits im 9. Jahrhundert, wovon Funde eines alten Gräberfeldes in der Hofgasse zeugen. Der Name „Gracz" wurde erstmals 1128 urkundlich erwähnt – abgeleitet vom slawischen Wort „gradec" für kleine Burg.
Im 12. Jahrhundert entwickelte sich Graz zu einem wichtigen Handelszentrum, begünstigt durch die strategische Lage an der Mur. Im 13. Jahrhundert kam die Stadt unter habsburgische Herrschaft und wurde zur Residenzstadt ausgebaut. Der Hauptplatz entstand erst im 15. Jahrhundert – davor befand sich hier ein Sumpfgebiet.
Die mittelalterlichen Wurzeln
Die mittelalterlichen Hofstätten entlang der Sackstraße, am Hauptplatz und in der Herrengasse belegen, dass viele Bürger neben Handel und Handwerk auch Landwirtschaft betrieben. Erst mit der Zeit verdichtete sich die Bebauung, und die charakteristischen Innenhöfe entstanden – über 50 davon sind heute noch erhalten und prägen das südländische Flair der Stadt.
Grazer Altstadt in Zahlen
- UNESCO-Status: Weltkulturerbe seit 1999
- Fläche: ca. 2 km² (1. Bezirk „Innere Stadt")
- Innenhöfe: über 50 historische Höfe
- Baustile: Gotik, Renaissance, Barock, Klassizismus, Jugendstil
- Zusätzlicher Status: City of Design seit 2011
Altstadtrunde: Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten
Hauptplatz und Rathaus
Der Grazer Hauptplatz bildet das pulsierende Zentrum der Altstadt. Umgeben von prachtvollen Bürgerhäusern aus verschiedenen Epochen, wird er vom imposanten Rathaus dominiert, das Ende des 19. Jahrhunderts im Stil des Historismus errichtet wurde. In der Platzmitte steht das Erzherzog-Johann-Brunnen – ein beliebter Treffpunkt für Einheimische, die sich „bei der Weikhard-Uhr" verabreden.
Auf dem Hauptplatz findet auch der beliebte Weihnachtsmarkt statt, und im Sommer dient er als Kulisse für Open-Air-Veranstaltungen.
Herrengasse: Die Flaniermeile
Die Herrengasse ist die einen Kilometer lange zentrale Achse der Altstadt – sie erstreckt sich vom Jakominiplatz bis zum Hauptplatz. Hier trifft sich Jung und Alt zum Shoppen und Flanieren. Die prachtvollen Barockfassaden und historischen Gebäude machen sie zu einer der schönsten Einkaufsstraßen Österreichs.
Besonders sehenswert:
- Gemaltes Haus: Die Fassade des Hauses Herrengasse 3 ist vollständig mit barocken Fresken von Johann Mayer aus dem Jahr 1742 verziert – ein einzigartiges Beispiel für Fassadenmalerei.
- Landhaus: Das Landhaus mit seinem berühmten Arkadenhof gilt als Meisterwerk der italienischen Renaissance in Österreich.
- Graz Tourismus Information: In der ehemaligen „Kanonenhalle" des Zeughauses (Herrengasse 16) finden Besucher alle wichtigen Infos.
Landhaushof: Renaissance-Juwel
Der Landhaushof gilt mit seinen eleganten Arkaden als Meisterwerk der italienischen Renaissance nördlich der Alpen. Der Hof wurde im 16. Jahrhundert von Domenico dell'Allio erbaut und diente als Sitz der steirischen Landstände. Die dreistöckigen Arkadengänge mit ihren toskanischen Säulen verströmen mediterranes Flair.
Im Sommer finden hier Konzerte und Veranstaltungen statt – der Hof bietet eine einzigartige Akustik und Atmosphäre.
Landeszeughaus
Direkt neben dem Landhaus befindet sich das Landeszeughaus – die weltweit größte historische Waffensammlung. Mit rund 32.000 Exponaten aus dem 15. bis 18. Jahrhundert ist es ein einzigartiges Zeugnis der Verteidigungsgeschichte gegen das Osmanische Reich. Harnische, Helme, Schwerter, Pistolen und Gewehre stehen hier auf fünf Etagen in Reih und Glied.
Erbaut: 1642–1645 · Architekt: Antonio Solar · Öffnungszeiten: April–Oktober Di–So 10–17 Uhr
Sporgasse: Die romantischste Gasse
Vom Hauptplatz führt die gepflasterte Sporgasse leicht bergauf – sie gilt als eine der ältesten und romantischsten Gassen der Stadt. Ihren Namen verdankt sie den Sporenmachern, die hier einst ansässig waren. Heute reihen sich Eisdielen aneinander (die „Eismeile von Graz"), dazwischen versteckte Innenhöfe und charmante kleine Läden.
Glockenspielplatz
Am Glockenspielplatz erklingt dreimal täglich (um 11, 15 und 18 Uhr) das berühmte Grazer Glockenspiel. Es wurde 1905 von Tischlermeister Gottfried Maurer gestiftet und zeigt ein Pärchen in steirischer Tracht, das zu traditionellen Volksliedern tanzt. Ein kleines, aber bezauberndes Spektakel, das Einheimische wie Touristen gleichermaßen begeistert.
Dom und Mausoleum
Der Grazer Dom (Domkirche zum heiligen Ägydius) ist ein spätgotisches Bauwerk aus dem 15. Jahrhundert. Ursprünglich als Hofkirche Kaiser Friedrichs III. errichtet, zeigt er an der Außenwand noch ein mittelalterliches Fresko der „Landplagen" – Pest, Türken und Heuschrecken.
Gleich daneben erhebt sich das Mausoleum Kaiser Ferdinands II. – ein Meisterwerk des Manierismus mit prächtiger Kuppel, das als eines der bedeutendsten Baudenkmäler seiner Art gilt.
Doppelwendeltreppe
In der Grazer Burg (Hofgasse) verbirgt sich ein architektonisches Kuriosum: die gotische Doppelwendeltreppe von 1499. Zwei spiralförmige Treppen winden sich umeinander, treffen sich auf jedem Stockwerk und trennen sich wieder – ein Symbol für die Verbundenheit und Trennung, das bis heute fasziniert.
Die versteckten Innenhöfe
Ein besonderer Reiz der Grazer Altstadt sind die über 50 versteckten Innenhöfe, die sich hinter unscheinbaren Hauseingängen verbergen. Sie verleihen der Stadt ihr südländisches Flair und laden zum Entdecken ein:
- Landhaushof: Das Renaissance-Juwel mit seinen dreistöckigen Arkaden
- Priesterseminar (Hofgasse 14): Mit dem berühmten „Schneemann" – einer Skulptur, die auch im Sommer steht
- Palais Attems (Sackstraße 17): Barocker Innenhof mit Brunnen
- Reinerhof (Herrengasse 7): Gotischer Hof mit Laubengängen
Die „Innenhofwanderung" ist ein Geheimtipp für alle, die Graz abseits der Haupttouristenströme entdecken wollen.
Tradition trifft Moderne
Was die Grazer Altstadt besonders macht: Sie ist kein Museum, sondern lebendiger Stadtraum. Zwischen den historischen Fassaden haben sich moderne Architektur-Ikonen eingefügt, die Graz 2011 den Titel „UNESCO City of Design" einbrachten.
Kunsthaus Graz
Das Kunsthaus, von den Grazern liebevoll „Friendly Alien" genannt, ist das wohl ungewöhnlichste Gebäude der Stadt. Der blaue, biomorphe Bau der Architekten Peter Cook und Colin Fournier (2003) steht im spannenden Kontrast zu den barocken Dachlandschaften – und ist doch harmonisch in das Welterbe integriert.
Murinsel
Seit dem Kulturhauptstadtjahr 2003 verbindet die muschelförmige Murinsel des New Yorker Künstlers Vito Acconci die beiden Murufer. Die schwimmende Plattform beherbergt ein Café und einen Veranstaltungsraum – ein Symbol für die Verbindung von Tradition und Moderne.
Die besten Altstadtrundgänge
| Route | Dauer | Highlights |
|---|---|---|
| Klassische Altstadtrunde | ca. 2 Stunden | Hauptplatz → Herrengasse → Landhaus → Sporgasse → Dom → Mausoleum |
| Innenhöfe-Tour | ca. 1,5 Stunden | Landhaushof → Priesterseminar → Palais Attems → Reinerhof |
| Design-Walk | ca. 2 Stunden | Kunsthaus → Murinsel → Lendviertel mit Street Art |
| Fotospaziergang | ca. 1 Stunde | Hauptplatz → Sporgasse → Hofgasse → Oper (am besten früh morgens) |
Praktische Informationen
Anreise
Die Altstadt ist größtenteils Fußgängerzone und lässt sich am besten zu Fuß oder mit dem Rad erkunden. Alle Straßenbahnlinien fahren durch die Herrengasse vom Hauptplatz bis zum Jakominiplatz – der „Jako" ist der zentrale Verkehrsknotenpunkt.
Parken in der Altstadt
- Schlossberg-Garage: Schlossbergplatz (ca. 450 Stellplätze)
- Kastner & Öhler-Garage: Sackstraße
- Andreas-Hofer-Garage: Andreas-Hofer-Platz
- Blaue Zone: Kurzparkzone rund um die Altstadt
- Tipp für Motorräder: Eigene Parkplätze in der Schmiedgasse
Geführte Touren
Geführte Altstadtrundgänge starten täglich bei der Graz Tourismus Information (Herrengasse 16). Besonders empfehlenswert: die Themenführungen „Versteckte Innenhöfe" oder „Graz bei Nacht". Für Individualtouristen gibt es die BusBahnBim-App der Verbundlinie mit allen Fahrplanauskünften.
Graz Card
Die Graz Card (erhältlich für 24, 48 oder 72 Stunden) ermöglicht freie Fahrt mit allen öffentlichen Verkehrsmitteln (inkl. Schlossberglift und -bahn) sowie freien oder ermäßigten Eintritt in zahlreiche Museen und Sehenswürdigkeiten.
Fazit: Warum die Grazer Altstadt einzigartig ist
Die Grazer Altstadt ist mehr als ein Ensemble historischer Gebäude – sie ist ein lebendiger Organismus, der Geschichte und Gegenwart auf einzigartige Weise verbindet. Wo sonst in Europa findet man einen so gut erhaltenen mittelalterlichen Stadtkern, der gleichzeitig City of Design ist?
Die berühmten Höfe mit ihrem südländischen Flair, die lebendigen Gassen voller Cafés und Boutiquen, die Verbindung von Gotik, Renaissance und Barock mit zeitgenössischer Architektur – all das macht Graz zu einer Stadt, an der man sich nicht satt sehen kann. Kein Wunder, dass die Grazer ihre Altstadt „wie einen Schatz" hüten.
Daher lieben die Grazer und Grazerinnen ihre Altstadt und hüten sie zusammen mit der UNESCO wie einen Schatz. Doch auch vermeintlich bekannte Gassen stecken voller Überraschungen.