GRAZ JOURNAL

Geidorf: Der bürgerliche Bezirk und sein Uni-Viertel

Geidorf im Detail: Gründerzeit-Fassaden, Universitätsviertel, Hilmteich, LKH-Klinikum und das Elisabetthochhaus. Der vollständige Bezirks-Guide mit aktuellen Daten.

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Geidorf: Der bürgerliche Bezirk und sein Uni-Viertel

Vom „Dorf am flachen Land" zum drittältesten Bezirk

Der Name Geidorf leitet sich vom mittelhochdeutschen Wort „Gaidorf" ab und bedeutet übersetzt „Dorf am flachen Land". Historisch lag die ursprüngliche Siedlung innerhalb der alten Grazer Stadtmauer, in der Nähe des Paulustors; sie wurde später an ihren heutigen Standort nördlich der Altstadt verlegt. Archäologische Funde bei Renovierungsarbeiten an der Leechkirche belegen, dass das Gebiet bereits in der Urnenfelderzeit - also etwa im 12. bis 8. Jahrhundert vor Christus - besiedelt war.

Als politisch-administrative Einheit entstand Geidorf 1869, als die damaligen 15 Grazer Stadtviertel zu fünf Bezirken zusammengefasst wurden. Damit ist Geidorf einer der drei ältesten Außenbezirke der Kernstadt. Ein markantes Datum in der lokalen Wirtschaftsgeschichte ist das Jahr 1825: Damals wurde die Grazer Zuckerfabrik gegründet - sie beherbergte die erste Dampfmaschine der Steiermark und war einer der ersten Industriebetriebe des Bezirks. Jahrzehntelang prägten Mühlen und Manufakturen am Mühlgang die wirtschaftliche Struktur.

Die Eingemeindung von 1938 brachte dem Bezirk mit Mariatrost einen größeren Nachbarn, der nach 1946 wieder als eigener Bezirk abgetrennt wurde. Die Grenzen, wie sie heute gelten, haben sich seither nur marginal verändert.

Geografie: Zwischen Schloßberg, Mur und Klinikum

Geidorf wird im Süden durch den Grazer Schloßberg begrenzt, im Westen durch die Mur, im Osten reicht der Bezirk bis zum Universitätsklinikum und zum Leechwald. Im Norden grenzt er an Andritz. Der höhergelegene Osten steigt sanft zum Hilmteich und zu den Auslaufhängen des Grazer Berglands an, während der westliche Teil in der flachen Murebene liegt. Diese Topografie ist ein wichtiger Grund für die unterschiedlichen Lagequalitäten im Bezirk: Je weiter östlich, desto ruhiger - und teurer.

Ein wichtiges Verkehrsbauwerk ist die Grazer Nordspange, die seit 2002 als Unterflurtrasse große Teile des Durchgangsverkehrs aus dem Bezirk heraushält. Zuvor hatte der Verkehr in Richtung Andritz und weiter nach Norden die Wohngebiete belastet; heute verläuft die Hauptverkehrsachse unterirdisch.

Das Universitätsviertel: Bildung im Mittelpunkt

Kaum ein anderer Grazer Bezirk ist so stark durch Bildung und Wissenschaft geprägt wie Geidorf. Die wichtigsten Institutionen im Überblick:

Karl-Franzens-Universität Graz: Laut offizieller Geschichtsdarstellung der Universität wurde sie 1585 durch Erzherzog Karl II. von Innerösterreich zunächst mit einer Philosophischen und einer Theologischen Fakultät am Jesuitenkolleg gegründet. Die Juristische Fakultät kam 1778 hinzu; Kaiser Franz I. stellte die Hochschule 1827 als Karl-Franzens-Universität wieder her, 1863 wurde sie um eine Medizinische Fakultät erweitert. Heute ist sie mit rund 27.500 Studierenden (Wintersemester 2024/25) die größte Universität der Steiermark und zählt zu den ältesten Österreichs. Der Hauptcampus in Geidorf beherbergt sechs Fakultäten, darunter die Geistes- und Kulturwissenschaftliche, die Naturwissenschaftliche und die Rechtswissenschaftliche Fakultät. Das zentrale Gebäude am Universitätsplatz ist ein Bau des 19. Jahrhunderts, daneben entstanden in den letzten Jahrzehnten neue Institutsgebäude wie das RESOWI-Zentrum und das Wall-Zentrum.

Medizinische Universität Graz: 2004 aus der medizinischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität ausgegliedert, umfasst sie heute rund 5.000 Studierende. Ihre klinischen Einrichtungen befinden sich großteils auf dem Gelände des LKH-Universitätsklinikums.

Pädagogische Hochschule Steiermark und Kirchliche Pädagogische Hochschule Graz: Beide Institutionen bilden Lehrerinnen und Lehrer aus und haben ihren Sitz in Geidorf.

Campus 02 Fachhochschule der Wirtschaft: Eine der wichtigsten Fachhochschulen der Stadt, spezialisiert auf Wirtschaftsstudien, Informationstechnologie und Automatisierungstechnik.

Neben den Hochschulen liegen in Geidorf auch einige der renommiertesten Gymnasien der Stadt: das BG/BRG Carneri, das BG/BRG Kirchengasse, das BRG Körösistraße, das Bischöfliche Gymnasium sowie die Ortweinschule, eine höhere technische Lehranstalt mit Schwerpunkten in Kunst und Design.

Ein weiteres Kulturgut mit akademischer Bedeutung ist die Universitätsbibliothek Graz. Sie ist mit rund vier Millionen Medien die drittgrößte Bibliothek Österreichs nach der Österreichischen Nationalbibliothek und der Universitätsbibliothek Wien.

Das LKH-Universitätsklinikum: Europas flächengrößtes Krankenhaus

Im östlichen Teil des Bezirks, an der Grenze zu Ries, erstreckt sich das LKH-Universitätsklinikum Graz über eine Fläche von rund 60 Hektar. Errichtet ab 1912 im Pavillonstil, gehört es flächenmäßig zu den größten Krankenhäusern Europas. Die einzelnen Kliniken sind auf mehr als 50 Gebäude verteilt, was dem Gelände den Charakter eines eigenen Stadtviertels im Bezirk gibt. Die LKH-eigene Kirche „Zum Heiligsten Erlöser" und großzügige Grünflächen prägen die Anlage. Heute arbeiten hier mehr als 7.000 Mitarbeiter in der Patientenversorgung, Lehre und Forschung.

Wichtige Straßen, Plätze und Bauwerke

Die zentralen Verkehrsachsen von Geidorf sind die Elisabethstraße (die Nord-Süd-Verbindung vom Paulustor ins Klinikum), die Grabenstraße und die Heinrichstraße. Die Heinrichstraße ist mit ihren Gründerzeit-Fassaden eines der geschlossensten Altbau-Ensembles der Stadt.

An der Elisabethstraße steht das Elisabetthochhaus, ein Wohnhochhaus aus den 1960er Jahren. Mit 75 Metern Höhe und 25 Stockwerken ist es das höchste Wohngebäude von Graz. Vom städtebaulichen Standpunkt umstritten - seine Höhe unterbricht die ansonsten moderate Bebauung des Bezirks deutlich - hat es dennoch Kultstatus unter Grazern.

Ein architektonisches Kleinod ist das Meerscheinschlössl, ein barockes Lustschloss, das heute zur Karl-Franzens-Universität gehört und für Empfänge, Konferenzen und kulturelle Veranstaltungen genutzt wird. Der Bau stammt aus dem späten 17. Jahrhundert und ist eines der wenigen erhaltenen adeligen Sommerhäuser in der Nähe der Altstadt.

Die Leechkirche: Grazer Kirchenbau im Mittelalter

Unter den Sakralbauten des Bezirks ragt die Leechkirche heraus. Sie ist nicht nur die älteste vollständig erhaltene Kirche in Graz, sondern gilt auch als einer der bedeutendsten frühgotischen Kirchenbauten der Steiermark. Ihre Wurzeln reichen zurück ins 12. Jahrhundert, als an dieser Stelle eine Kapelle des Deutschen Ordens stand. Der heutige Bau entstand im Kern im späten 13. Jahrhundert und folgt einem schlichten, auf Vertikalität angelegten Gestaltungskonzept. Die Kirche ist heute Pfarrkirche der Universität Graz und wird für akademische Festakte, Gottesdienste und Konzerte genutzt. Bei Renovierungsarbeiten Ende des 20. Jahrhunderts wurden unter den Fundamenten Funde aus der Urnenfelderzeit freigelegt, die eine frühe Besiedlung des Gebietes belegen.

Die Grabenkirche an der Grabenstraße im Süden des Bezirks wurde 1652 geweiht. Sie ist ein Bau des Frühbarocks mit klar gegliederter Fassade und gehört zu den bekannteren Pfarrkirchen der Stadt. Die Salvatorkirche ist ein weiterer barocker Sakralbau in zentraler Lage im Bezirk. Ergänzt wird das Ensemble durch zahlreiche kleinere Kapellen und Institutsbauten mit sakralen Elementen auf dem Universitätsgelände.

Alltag und Wohnen in Geidorf

Geidorf ist kein ausgesprochenes Einkaufsviertel. Wer klassische Fußgängerzonen mit Mode- und Elektronikgeschäften sucht, wird eher in der Inneren Stadt und der Herrengasse fündig. Was den Bezirk aber auszeichnet, ist die hohe Dichte an kleineren Geschäften, Bäckereien, Bioläden und traditionellen Kaffeehäusern, die sich um die Grabenstraße, die Heinrichstraße und den Hauptcampus der Universität verteilen. Die Nähe zu Universität und Klinikum sorgt für eine stetige Nachfrage nach Gastronomie: Mensen und Mittagsmenü-Lokale prägen das Geschehen untertags, abends verlagert sich das Nachtleben eher in die Innere Stadt und nach Lend.

Die Dichte an Gründerzeithäusern hat auch eine wirtschaftliche Seite. Geidorf zählt zu den teuersten Wohnbezirken von Graz. Die durchschnittlichen Miet- und Kaufpreise liegen konstant über dem städtischen Mittel; besonders begehrt sind die sanierten Altbauten rund um die Heinrichstraße, die Merangasse und die Hanglagen oberhalb des Hilmteichs. Die Bevölkerung wächst langsam, aber stetig - ein Muster, das die Struktur eines etablierten, attraktiven Wohnbezirks widerspiegelt. Zwischen den Volkszählungen hat Geidorf seit den 1980er Jahren kontinuierlich zugelegt und ist mit seiner derzeitigen Einwohnerzahl einer der bevölkerungsstärksten Bezirke der inneren Stadtzone.

Die Bevölkerungsstruktur ist geprägt durch einen hohen Anteil an Studierenden, Lehrenden, Ärzten, Klinikpersonal und klassischem Bildungsbürgertum. Dadurch ergibt sich ein Alltag, der gleichzeitig akademisch, familiär und bürgerlich ist - ein ungewöhnlicher Mix, der in anderen österreichischen Landeshauptstädten in dieser Form selten zu finden ist.

Naherholung: Hilmteich, Rosenhain, Leechwald

Der Hilmteich ist das bekannteste Naherholungsgebiet im Osten von Geidorf, direkt am Übergang zum Leechwald. Der Teich umfasst rund 0,92 Hektar Wasserfläche und liegt auf 377 Metern über dem Meeresspiegel. Die Geschichte des Gewässers ist typisch für den städtischen Wandel: Um das Jahr 1570 entstand hier eine Lehmgrube, die später mit Wasser gefüllt wurde. 1841 wurde eine künstliche Eisfläche angelegt, 1857 kaufte die eigens gegründete Hilmerteich-Aktiengesellschaft das Gewässer und vergrößerte es um etwa ein Drittel. 1858 folgte der Bau des Hilmteichschlössels, eines Restaurants im Stil des Historismus. 1868 erwarb die Stadt Graz das gesamte Areal für 49.000 Gulden. Heute wird der Teich im Sommer zum Rudern genutzt, im Winter zum Eislaufen, ganzjährig wird gefischt. Die Uferpromenade verbindet Geidorf mit Mariatrost und ist Ausgangspunkt für Wanderungen über den Leechwald bis nach Mariazell.

Der Rosenhain ist ein weiteres innerstädtisches Naherholungsgebiet: ein bewaldeter Hügelrücken zwischen Geidorf und der Ries mit ausgewählten Spazierwegen, Aussichtspunkten und einem beliebten Gastronomiebetrieb. Der Leechwald schließt östlich an und ist das größte zusammenhängende Waldgebiet im innerstädtischen Bereich.

Sportliche Infrastruktur findet sich im Universitätssportzentrum (USI) mit Laufbahn und Schwimmbad sowie im Margaretenbad, einem traditionsreichen Freibad im nordwestlichen Teil des Bezirks.

Fußball-Geschichte: Das Casino-Stadion

Ein historischer Fußnote: Das Casino-Stadion in Geidorf war von 1902 bis 2005 die Heimstätte des Grazer AK. Nach der Insolvenz des Vereins im Jahr 2007 und der wechselvollen Vereinsgeschichte der folgenden Jahre wurde das Stadion nicht mehr im Profibetrieb genutzt. Die Anlage ist heute weniger bekannt, ihre Adresse steht aber im Sportgedächtnis der Stadt.

Verkehr und Anbindung

Geidorf ist verkehrstechnisch gut erschlossen. Drei Straßenbahnlinien der Holding Graz Linien führen durch den Bezirk:

  • Linie 1 (Eggenberg - Jakominiplatz - Mariatrost): Sie verläuft entlang der östlichen Grenze von Geidorf vorbei am Hilmteich und ist die wichtigste Anbindung für den Mariatroster Bereich.
  • Linie 3 (Krenngasse - Andritz): Sie verbindet den nordöstlichen Teil von Geidorf über Jakominiplatz und Hauptplatz mit Andritz.

Ergänzend verkehren zahlreiche Buslinien der Holding Graz - darunter die Linien 30, 31, 39, 41, 53, 58, 62 und 63 - und stellen die Feinverbindungen zu den umliegenden Stadtvierteln her.

Die Anbindung an den Individualverkehr erfolgt über die bereits erwähnte Nordspange (unterirdisch) und die Radialstraßen in Richtung Innenstadt. Parken ist in weiten Teilen von Geidorf bewirtschaftet; die Grüne Zone gilt in den meisten Straßen innerhalb der Kernzone des Bezirks.

Politik und Verwaltung

An der Spitze des Bezirks steht seit der Gemeinderatswahl 2021 Bezirksvorsteher Hanno Wisiak (KPÖ). Der Bezirksrat zählt 15 Sitze und setzt sich aus Vertretern von KPÖ (4), Grünen (4), ÖVP (4) sowie je einem Sitz für SPÖ, NEOS und FPÖ zusammen. Damit spiegelt Geidorf in etwa das gesamtstädtische Bild wider, in dem die KPÖ seit 2021 die Bürgermeisterin stellt.

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