GRAZ JOURNAL

TU Graz: Studiengänge, Fakultäten und Campus im Porträt

Die Technische Universität Graz mit rund 13.500 Studierenden: sieben Fakultäten, über 50 Studien, zwei Hauptcampus in Rechbauerstraße und Inffeldgasse. Gründung 1811 durch Erzherzog Johann.

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TU Graz: Studiengänge, Fakultäten und Campus im Porträt

Gründung durch Erzherzog Johann und der Weg zur Volluniversität

Am 26. November 1811 unterzeichnete Erzherzog Johann die Stiftungsurkunde des Joanneums - einer Sammlung naturwissenschaftlicher, technischer und künstlerischer Objekte, aus der eine höhere Lehranstalt hervorgehen sollte. Die ersten Lehrveranstaltungen begannen 1812: Mathematik, Chemie, Mineralogie, Botanik, Technologie. Es handelte sich um ein aufklärerisches Projekt, mit dem Johann - als Habsburger und gleichzeitig als Förderer der Steiermark - den Rückstand Innerösterreichs in Wirtschaft, Landwirtschaft und Industrie aufholen wollte.

Im Laufe der Jahrzehnte wurden aus dem Lehrangebot des Joanneums mehrere Institutionen: das Landesmuseum Joanneum blieb als Sammlungsträger erhalten, der technisch-naturwissenschaftliche Unterricht wurde zunehmend verselbständigt. 1864 erhielt die Lehrkörperschaft den Namen „Steiermärkisch-ständische Technische Hochschule", 1872 verlieh Kaiser Franz Joseph ihr den Titel „k.k. Technische Hochschule". Das heutige Hauptgebäude an der Rechbauerstraße - die sogenannte Alte Technik - wurde 1888 bezogen. 1901 erhielt die Technische Hochschule Graz das Promotionsrecht, 1937 durfte sie erstmals Doktoratstitel verleihen. Den formellen Status als Universität („Universität") bekam sie jedoch erst 1975 mit dem Universitäts-Organisationsgesetz.

Einer der bekanntesten Studierenden, die mit der TU Graz verbunden werden, ist Nikola Tesla. Tesla inskribierte 1875 als Student der Physik und der Elektrotechnik an der damaligen „k.k. Technischen Hochschule Graz" und verbrachte hier zwei Semester, ehe er die Stadt nach persönlichen Turbulenzen verließ. Die TU Graz erinnert mit einer Gedenktafel im Hauptgebäude an ihn; der Campus der Neuen Technik beherbergt im Inffeldgelände einen „Nikola Tesla Auditorium"-Saal.

Die sieben Fakultäten der TU Graz

Die TU Graz ist seit der Reform 2003 in sieben Fakultäten organisiert. Die offizielle TU-Graz-Übersicht der Fakultäten listet Institute, Dekanate und Studienangebote im Detail.

Fakultät für Architektur

Die Fakultät für Architektur ist klein, aber international sichtbar. Sie verwaltet rund 1.500 Studierende im Bachelor- und Masterstudium Architektur und hat in den letzten Jahrzehnten Impulse für die „Grazer Schule" der Architektur gesetzt: eine Strömung mit Vertretern wie Günther Domenig, Volker Giencke oder Riegler Riewe, die das zeitgenössische Grazer Stadtbild mit prägten. Die Fakultät residiert im Gebäude an der Rechbauerstraße 12. Ein häufiger Irrtum betrifft das Kunsthaus Graz - der „Friendly Alien" am Lendkai wurde 2003 nicht von TU-Graz-Alumni, sondern von den britischen Architekten Peter Cook und Colin Fournier entworfen.

Fakultät für Bauingenieurwissenschaften

Konstruktiver Ingenieurbau, Wasserbau und Verkehrswesen, Geotechnik, Baubetrieb sowie Umwelt- und Verfahrenstechnik sind die Hauptinstitute der Bauingenieur-Fakultät. Sie arbeitet eng mit steirischen Baufirmen und mit der Asfinag zusammen und ist bei großen Infrastrukturprojekten wie der Koralmbahn (ÖBB) regelmäßig in Forschungs- und Beratungsrollen involviert.

Fakultät für Maschinenbau und Wirtschaftswissenschaften

Die nach Studierendenzahl größte Fakultät der TU. Sie betreibt die Studienrichtungen Maschinenbau, Wirtschaftsingenieurwesen Maschinenbau, Verfahrenstechnik, Wirtschaftsingenieurwesen Verfahrenstechnik, Verbrennungskraftmaschinen/Fahrzeugtechnik und mehrere andere. Die Fakultät pflegt enge Verbindungen zu Magna Steyr, AVL List, Andritz AG und anderen steirischen Industrieunternehmen - viele Diplomarbeiten entstehen in Kooperationsprojekten mit der Industrie.

Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik

Mikroelektronik, Nachrichtentechnik, Automatisierungstechnik, Leistungselektronik, Hochspannungstechnik. Die Fakultät für Elektrotechnik ist traditionell einer der Aushängeschilder der TU, mit Stärken in der Halbleiter- und Sensortechnologie - was nicht zuletzt der Nähe zu Infineon Technologies in Villach und den Forschungskooperationen mit AT&S geschuldet ist.

Fakultät für Informatik und Biomedizinische Technik

Informatik wird an der TU Graz seit 1990 als eigenes Studium angeboten und hat sich in den letzten drei Jahrzehnten zu einem der größten Studien der gesamten Universität entwickelt. Die Fakultät umfasst heute Institute für Softwaretechnologie, Cognitive Systems, Computer Graphics and Knowledge Visualization, Computer Vision and Graphics, IT Security (das berühmte IAIK-Institut, bekannt für die Spectre- und Meltdown-Entdeckungen 2018), Information Systems sowie die Biomedizinische Technik. Das IAIK rund um Daniel Gruss und Michael Schwarz hat mit der Offenlegung der Spectre-Sicherheitslücke in modernen Prozessoren 2018 internationale Aufmerksamkeit erlangt und dürfte zu den bekanntesten IT-Security-Forschungsgruppen Europas zählen.

Fakultät für Mathematik, Physik und Geodäsie

Die Fakultät verwaltet die Studien Technische Mathematik, Finanz- und Versicherungsmathematik, Technische Physik und Geodäsie/Geoinformation. Sie ist die kleinste Fakultät der TU, hat aber wissenschaftlich Gewicht: Das Institut für Theoretische Physik - Computational Physics und das Institut für Numerische Mathematik arbeiten an Grundlagenfragen mit internationalem Niveau.

Fakultät für Technische Chemie, Verfahrenstechnik und Biotechnologie

Diese Fakultät trägt gemeinsam mit der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Uni Graz den Verbund NAWI Graz. Sie bietet Chemie, Verfahrenstechnik, Molekularbiologie, Biotechnologie, Chemical and Pharmaceutical Engineering sowie einige englischsprachige Masterstudien an.

Studien und beliebte Richtungen

Die TU Graz bietet in Summe 19 Bachelor- und 36 Master-Studien an, dazu rund zehn Doktoratsprogramme. Das vollständige Verzeichnis findet sich unter TU Graz Studienangebot. Die beliebtesten Studienrichtungen nach Inskriptionen sind Informatik, Maschinenbau, Architektur, Elektrotechnik, Bauingenieurwissenschaften, Wirtschaftsingenieurwesen und Softwareentwicklung/Wirtschaft. Alle Bachelorstudien sind auf eine Regelstudienzeit von sechs Semestern (180 ECTS) ausgelegt, alle Masterstudien auf vier Semester (120 ECTS). Das Doktoratsstudium dauert in der Regel mindestens sechs Semester.

Englischsprachige Masterstudien

Die TU Graz hat in den letzten Jahren ihr englischsprachiges Masterangebot konsequent ausgebaut. Zu den Englisch unterrichteten Studien gehören unter anderem Computer Science, Information and Computer Engineering, Software Engineering and Management, Biomedical Engineering, Electrical Engineering, Space Sciences and Earth from Space, Advanced Materials Science sowie Chemical and Pharmaceutical Engineering. Sie richten sich explizit an internationale Studierende und bilden einen wachsenden Anteil der Masterinskriptionen.

Studium Abschluss Regelstudienzeit Sprache
InformatikBSc / MSc6 / 4 SemesterDE / EN
MaschinenbauBSc / MSc6 / 4 SemesterDE
ElektrotechnikBSc / MSc6 / 4 SemesterDE / EN
ArchitekturBSc / MSc6 / 4 SemesterDE
BauingenieurwissenschaftenBSc / MSc6 / 4 SemesterDE
Biomedical EngineeringMSc4 SemesterEN
Wirtschaftsingenieurwesen MaschinenbauBSc / MSc6 / 4 SemesterDE
Software Engineering and ManagementMSc4 SemesterEN

Alte Technik und Neue Technik: Die beiden Hauptcampus

Alte Technik, Rechbauerstraße 12

Die Alte Technik ist das historische Herz der TU. Das Hauptgebäude an der Rechbauerstraße wurde 1888 eröffnet und ist ein repräsentativer Bau des späten Historismus mit Sandsteinfassade, Giebelstatuen und einer großen Aula. Heute sind hier die Fakultät für Architektur, die Fakultät für Bauingenieurwissenschaften und Teile der Fakultät für Maschinenbau untergebracht, dazu die Fachbibliothek und das Rektorat der Universität. Direkt angrenzend liegen das Institut für Städtebau und das Grazer Zentrum für Architektur - beides Orte, an denen städtebauliche Forschung und Lehre zusammenfinden.

Die Alte Technik liegt nur wenige Gehminuten vom Hauptplatz entfernt und ist an den öffentlichen Verkehr über die Haltestellen Dietrichsteinplatz und Elisabethbrücke angebunden (Tramlinien 4, 5, 6, 7 sowie Buslinie 63). Das Areal liegt im Bezirk Jakomini und schließt direkt an den Campus der Neuen Technik im östlich benachbarten St. Leonhard an.

Neue Technik, Inffeldgasse / Stremayrgasse

Die Neue Technik ist der größere und modernere Campus. Sie wurde ab den 1960er Jahren im Bezirk St. Leonhard errichtet und erstreckt sich heute über mehrere Straßenzüge: Inffeldgasse, Stremayrgasse, Petersgasse, Kopernikusgasse. Hier haben die meisten Institute der Elektrotechnik, der Informatik, der Technischen Mathematik und Physik, der Biotechnologie und Verfahrenstechnik ihren Sitz. Die großen Hörsäle - HS i1, HS i7, HS i13 - fassen mehrere hundert Studierende und sind das Zuhause der Einführungsvorlesungen für Erstsemester.

Der Campus Neue Technik ist von der Innenstadt aus in rund 15 Minuten zu Fuß oder mit der Buslinie 63 erreichbar. Er hat einen eigenen Charakter: weniger historisch, funktionaler, dafür mit modernen Forschungsgebäuden, einer großen Mensa sowie dem Sitz der Hochschülerschaft (HTU). Das HTU Graz bietet hier Rechtsberatung, Sozialberatung, Mentoring-Programme und studentische Veranstaltungen an.

Zulassung, Studienbeiträge und StEOP

Die Zulassung zur TU Graz ist für die meisten Studien offen: Die allgemeine Universitätsreife (Matura oder vergleichbarer Abschluss) genügt, die Inskription erfolgt über das TUGRAZonline-Portal. Einzige Ausnahme: Das Bachelorstudium Informatik ist seit dem Studienjahr 2022/23 zulassungsbeschränkt. Interessierte müssen sich bis Mitte Juli für das Wintersemester bewerben und durchlaufen ein schriftliches Aufnahmeverfahren mit Aufgaben zu Mathematik, logischem Denken und englischem Textverständnis. Die Zahl der verfügbaren Plätze liegt bei rund 600 pro Jahr. Auch die Architektur hat ein Aufnahmeverfahren (Eignungstest), das jedoch weniger selektiv ist als das Informatik-Auswahlverfahren.

In den ersten Semestern müssen alle Bachelor-Studierenden die sogenannte Studieneingangs- und Orientierungsphase (StEOP) absolvieren - ein Pflichtpaket aus Einführungslehrveranstaltungen, das innerhalb bestimmter Fristen erfolgreich abgelegt werden muss, bevor die weiteren Studieninhalte zugänglich werden. Gerade in Mathematik- und Physik-Pflichtfächern scheitert ein erheblicher Teil der Erstsemester-Studierenden an der StEOP-Prüfung; die Abbrecherquote in den Einführungssemestern ist an der TU Graz erfahrungsgemäß hoch.

Die Studienbeiträge entsprechen dem österreichischen Standard: In der Toleranzzeit (Regelstudienzeit plus zwei Semester) ist das Studium für EU- und EWR-Bürger gebührenfrei, lediglich der ÖH-Beitrag von 24,70 Euro pro Semester (ab Wintersemester 2025/26 25,20 Euro) fällt an. Nach Ablauf der Toleranzzeit werden 363,36 Euro pro Semester erhoben. Für Drittstaatsangehörige beträgt der Studienbeitrag 726,72 Euro pro Semester ab dem ersten Semester. Informationen zu Ausnahmen, Erlass und Rückerstattung bieten die ÖH Österreich und die HTU Graz.

Forschung und Industriekooperationen

Die TU Graz hat fünf „Fields of Expertise" definiert, in denen sie sich wissenschaftlich positioniert: Advanced Materials Science, Human & Biotechnology, Information, Communication & Computing, Mobility & Production sowie Sustainable Systems. Sie ist Partneruniversität im Verbund NAWI Graz (gemeinsam mit der Uni Graz) und war Gründungsmitglied des „Silicon Alps Cluster" für Mikroelektronik in Österreich. Im QS World University Ranking 2024 belegt sie im Fachbereich Engineering & Technology unter den Top 200 weltweit; in der Informatik ist Graz traditionell die höchstplatzierte österreichische Universität.

Die enge Industrievernetzung ist ein Alleinstellungsmerkmal. Die TU Graz ist beteiligt an zahlreichen COMET-Zentren (Kompetenzzentren für exzellente Technologien) mit steirischen Unternehmen, etwa dem Virtual Vehicle Research Center, das sich mit Fahrzeugsimulation und autonomen Systemen beschäftigt, sowie dem Know-Center für Data Science. Praktika, Werkstudentenstellen und Diplomarbeiten in Kooperation mit Magna Steyr, AVL List, Siemens Graz, Infineon Villach, AT&S, Knapp AG oder Andritz sind für Studierende der höheren Semester eher die Regel als die Ausnahme.

Studentenleben, HTU und Technikerball

Die HTU Graz (Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft der TU Graz) ist die Interessenvertretung der Studierenden. Sie betreibt Beratungsstellen, die Skripten-Ausgabe, Sozialreferate und organisiert zahlreiche Veranstaltungen. Die einzelnen Studienvertretungen - „FIT" für Informatik, „FMB" für Maschinenbau, „Basisgruppe E-Technik" und viele weitere - sind die ersten Anlaufstellen für Erstsemester und bieten oft Tutorien, Prüfungsfragensammlungen und Mentoring-Programme an.

Der jährliche Technikerball der TU Graz, veranstaltet von der HTU und den Fachschaften, findet traditionell Ende Jänner in der Grazer Messe statt und zählt zu den größten Universitätsbällen Österreichs; in guten Jahren werden über 3.000 Gäste erwartet. Für die Erstsemester gibt es zu Beginn jedes Wintersemesters die „Erstsemestrigen-Tage", in denen neue Studierende ihre Fakultät, ihre Mitstudierenden und die Campus-Strukturen kennenlernen.

Die TU Graz hat ein etwas anderes Studentenprofil als die Karl-Franzens-Universität: Der Männeranteil liegt in den Ingenieurstudien traditionell bei 70 bis 85 Prozent (die Fakultät für Architektur und die Biomedizinische Technik sind die beiden Bereiche mit den ausgeglichensten Geschlechterverhältnissen). Auch die internationale Zusammensetzung unterscheidet sich: An der TU studieren überdurchschnittlich viele Studierende aus Deutschland, Italien, Südosteuropa, Indien und China - vor allem in den englischsprachigen Masterstudien.

Karrierechancen nach dem Studium

Die Berufsaussichten für Absolventinnen und Absolventen der TU Graz gelten als hervorragend. Laut der regelmäßigen Studierenden-Sozialerhebung (zuletzt publiziert durch das Institut für Höhere Studien) finden TU-Graz-Absolventen in der Regel innerhalb von sechs Monaten nach dem Studium eine einschlägige Beschäftigung; in den besonders gefragten Bereichen Informatik, Elektrotechnik und Maschinenbau oft bereits vor dem offiziellen Abschluss. Die Gehaltsstrukturen der österreichischen Industrie sind in technischen Berufen vergleichsweise attraktiv; Einstiegsgehälter für Masterabsolventinnen und -absolventen liegen in den Ingenieursfächern laut aktuellen Statistiken der Arbeiterkammer regelmäßig zwischen 45.000 und 55.000 Euro brutto pro Jahr - mit deutlicher Steigerung nach wenigen Berufsjahren.

Wer sich für ein Studium an der TU Graz interessiert, sollte zwei Dinge berücksichtigen: Die Einstiegshürde ist hoch - insbesondere die Mathematikfächer der ersten Semester sind berüchtigt für hohe Durchfallquoten. Und der Arbeitsaufwand ist in den technischen Studien tendenziell höher als in geisteswissenschaftlichen Fächern: 30 ECTS pro Semester bedeuten an der TU in der Realität meist deutlich mehr als die nominellen 750 Arbeitsstunden. Wer diese Anforderungen bewältigt, verlässt die TU Graz mit einem Abschluss, der im österreichischen und internationalen Arbeitsmarkt einen klaren Wert hat.

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