Verschwundene Grazer Berufe und Handwerke
Vom Laternenanzünder bis zum Säbelschleifer: Die Berufe, die in Graz einst gebräuchlich waren und die heute verschwunden sind.
Die Laternenanzünder und das Gaszeitalter
Im Jahr 1851 ging in Graz das erste Gaswerk in Betrieb, und mit ihm kam ein Beruf, der für die nächsten siebzig Jahre zum festen Bestandteil des Stadtbildes werden sollte: der Laternenanzünder. Er trug eine lange Stange, an deren Spitze ein Dochtflämmchen brannte, und zog in den Abendstunden von Laterne zu Laterne. Für jede Laterne musste er den Gashahn öffnen, die Zündflamme darüber halten und den Mantel sichtbar zum Leuchten bringen. Am Morgen, vor Sonnenaufgang, machte er denselben Weg in umgekehrter Richtung und drehte die Hähne wieder zu.
Die Grazer Laternenanzünder arbeiteten in festgelegten Revieren und mussten ihre Route oft in weniger als einer Stunde absolvieren. Ein Mann war für etwa hundertfünfzig Laternen zuständig. Die Arbeitszeit war ungewöhnlich: Im Winter begann der Dienst bereits am späten Nachmittag, im Sommer erst nach zweiundzwanzig Uhr. Der Beruf galt als ruhig und verlässlich, war aber schlecht bezahlt und verlangte robuste Gesundheit, denn gleichgültig ob Schnee, Regen oder Hitze - die Laternen mussten brennen. In alten Gemeindeprotokollen, die das Stadtarchiv Graz verwahrt, taucht der Beruf noch in den zwanziger Jahren auf.
Mit der Elektrifizierung der Straßenbeleuchtung, die in Graz ab 1894 einsetzte, verlor der Beruf nach und nach seine Grundlage. Die neuen Bogenlampen wurden zentral geschaltet. Die letzten Gaslaternen der Innenstadt erloschen in den frühen dreißiger Jahren, die zugehörigen Laternenanzünder wurden in andere Dienste übernommen oder gingen in den Ruhestand. Heute stehen in der Sporgasse, am Schloßbergplatz und in einigen Innenhöfen der Altstadt noch einige Laternen im historischen Stil - sie werden elektrisch betrieben und sind reine Dekoration.
Der Scheren- und Säbelschleifer
Der fahrende Schleifer war in Graz bis in die fünfziger Jahre ein gewohnter Anblick. Sein Werkzeug war ein Handwagen mit einem Schleifstein aus Sandstein, der über einen Tretmechanismus in Rotation versetzt wurde. Unter dem Stein hing ein Wasserkübel, damit der Funkenflug gedämpft und das Metall nicht anlief. Der Schleifer rief seine Dienste durch die Gassen, klingelte mit einer Glocke oder pfiff - die Hausfrauen reichten ihm Messer, Scheren, Hackel und manchmal auch Sensen aus den Fenstern des ersten Stocks herab, er schliff sie am Stand und reichte sie wieder hinauf.
Eine besondere Spezialform war der Säbel- und Degenschleifer, der in Graz eine lange Tradition hatte. Die Stadt war bis in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts Standort mehrerer Militärgarnisonen, und die Klingen der Offiziere mussten regelmäßig nachgeschliffen werden. Dazu kamen die bürgerlichen Paraden- und Jagdwaffen, die gepflegt sein wollten. Die Grazer Schleifer hatten enge Beziehungen zu den Messerer- und Schwertfegerwerkstätten in der Schmiedgasse, deren Name noch heute an das Handwerk erinnert. Wer die historischen Waffen des Landeszeughauses in der Herrengasse 16 mit ihren zehntausenden Klingen, Spießen und Harnischteilen sieht, bekommt eine Vorstellung davon, wie groß das Bedürfnis nach Pflege dieser Metalle einst war.
Der Beruf war körperlich hart und gesundheitlich gefährlich. Über den Schleifstein wirbelte feiner Sandstein- und Metallstaub, der eingeatmet zu schweren Lungenleiden führte - die sogenannte Schleiferkrankheit war in der Fachliteratur des neunzehnten Jahrhunderts gut dokumentiert. Mit der Industrialisierung, der Verbreitung rostfreier Stähle und der Massenproduktion billiger Messer verlor der fahrende Schleifer seine wirtschaftliche Grundlage. In den späten sechziger Jahren verschwand er endgültig aus dem Grazer Straßenbild.
Der Rauchfangkehrer in historischer Form
Der Rauchfangkehrer - auf Österreichisch nie Kaminfeger genannt - hat in Graz einen der wenigen alten Berufe, der bis heute überlebt hat. Allerdings hat sich seine Tätigkeit fundamental gewandelt. Bis ins neunzehnte Jahrhundert war der Rauchfangkehrer der Mann, der jungen Burschen die Schornsteine Grazer Bürgerhäuser hinaufschickte, damit diese mit Besen und Schabern den Ruß herunterholten. Kinderarbeit im Kamin war in ganz Europa verbreitet, auch in den Grazer Vorstädten. Die Kinder waren klein genug, um durch die engen, oft nur dreißig bis vierzig Zentimeter breiten Züge zu kriechen, aber ihre Gesundheit litt schwer. Lungenkrankheiten, Hautkrebs und Knochenverformungen waren die Folge.
Ab der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts wurde die Kinderarbeit in den Rauchfängen durch neue Techniken und Gesetzgebung verdrängt. Die Meister nutzten nun Seile, Kugeln und lange Bürsten, um von oben und unten zu arbeiten. Das Handwerk professionalisierte sich, die Innung organisierte Lehrzeit und Prüfungen. Bis heute arbeiten Grazer Rauchfangkehrer in klarer Bezirkseinteilung, und der Rauchfangkehrerkalender der Steiermark regelt Zuständigkeiten, Prüfpflichten und Kehrintervalle. Der Beruf hat sich vom rauchgeschwärzten Handwerk zur brandschutztechnischen Fachdisziplin gewandelt, die neben der Reinigung auch Messungen an Gas- und Pelletheizungen vornimmt.
Wasserträger und Brunnmeister
Bis zur Eröffnung der ersten Grazer Hochquellenwasserleitung im Jahr 1894 hatten die Grazer kein fließendes Wasser in den Wohnungen. Das Wasser kam aus Haus- und Straßenbrunnen, aus den öffentlichen Laufbrunnen an den Plätzen und, wenn nötig, direkt aus der Mur. Wer in den oberen Stockwerken wohnte, konnte das Wasser nicht selbst holen - hier arbeiteten die Wasserträger. Sie trugen ein hölzernes Joch über der Schulter, an dem zwei Holzkübel oder Blechkannen hingen, und stiegen die engen Treppen der Altstadthäuser hinauf.
Ein Wasserträger bezahlte dem Brunnmeister eine kleine Gebühr für das Recht, Wasser aus dem Brunnen zu entnehmen, und ließ sich vom Hausstand nach Gewicht oder pro Kanne bezahlen. Die Brunnmeister waren städtische Beamte, die für die Instandhaltung der Grazer Brunnen sorgten, Holzrohre ersetzten, Pumpen reparierten und bei Schäden die Wasserhüter informierten. Nach Fertigstellung der Hochquellenleitung - das Wasser kommt noch heute aus dem Hochschwab- und Zirbitzkogelgebiet - wurden die Wasserträger innerhalb weniger Jahre überflüssig. Die Brunnmeister verschmolzen nach und nach mit den städtischen Wasserwerken. Die Firma Holding Graz Wasserwirtschaft betreibt heute die Nachfolgeorganisation, die die Versorgung aus den Quellgebieten sicherstellt.
Der Milchbauer und seine Kannen
Bis weit in das zwanzigste Jahrhundert wurde die Grazer Milchversorgung von Bauern aus den umliegenden Dörfern Thal, Stattegg, Gratwein und Kainbach sichergestellt. Diese Milchbauern fuhren mit Pferdewagen, später mit motorisierten Dreirädern, vor Tagesanbruch in die Stadt und lieferten die Milch direkt an den Haushalt. Jeder Kunde stellte morgens seine saubere Kanne vor die Tür, und der Milchbauer füllte aus seinem großen Sammelfass die benötigte Menge ein. Die Bezahlung erfolgte wöchentlich oder monatlich in bar.
Der Beruf setzte Vertrauen zwischen Hof und Kundschaft voraus, denn die Milch kam unpasteurisiert und ungekühlt. Die Grazer Hausfrauen mussten sie sofort aufkochen oder in den Keller stellen. In den zwanziger und dreißiger Jahren führten die Steirische Landwirtschaftskammer und die städtischen Gesundheitsbehörden strengere Hygienevorschriften ein, die vielen kleinen Lieferanten wirtschaftlich den Boden entzogen. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen Molkereien die Sammlung und Pasteurisierung. Die Milchmänner wurden durch anonyme Lieferketten ersetzt. In den sechziger Jahren war der direkte Verkauf vom Bauern an den städtischen Haushalt nur noch in Ausnahmefällen möglich, in den siebziger Jahren praktisch verschwunden.
Der Hausierer, der Scherenmacher, der Kupferschmied
Das Wort Hausierer hat heute einen abschätzigen Klang, beschrieb aber über Jahrhunderte einen anerkannten Beruf. Hausierer zogen mit Bauchladen oder Koffer durch die Grazer Vorstädte und boten Waren an, die in den festen Geschäften zu teuer oder zu selten waren: Zwirn, Bänder, Kämme, Knöpfe, Nadeln, billige Uhrenkettchen, Streichhölzer, Kleinspielzeug, später auch Postkarten und Bilderbögen. Viele Hausierer stammten aus dem Vintschgau, aus dem Böhmerwald oder aus dem Jüdischen. Sie brauchten eine obrigkeitliche Lizenz, die in Graz die Bezirkshauptmannschaft oder das Magistrat ausstellte.
Auch spezialisierte Handwerker hatten es schwer, in die modernen Zeiten zu finden. Der Scherenmacher, der Scheren und Messerklingen aus Rohmetall selbst schmiedete und montierte, verschwand mit der industriellen Werkzeugherstellung. Der Kupferschmied - in Graz lange in der Schmiedgasse konzentriert - war spezialisiert auf Kochgeschirr, Teekessel, Brauereikessel und die großen Kupferpfannen für Marmelade und Sirup. Die Aluminiumwaren der Zwischenkriegszeit und das Edelstahl-Kochgeschirr der Nachkriegszeit verdrängten die Kupferprodukte aus den Haushalten. Die letzten Grazer Kupferschmiede arbeiteten in den fünfziger Jahren, hauptsächlich für Reparaturaufträge der Gastronomie.
Der Küfer oder Fassbinder baute die hölzernen Weinfässer und Bierbütten, die in jedem Grazer Keller standen. Das Handwerk verlangte genaue Holzkenntnis, präzises Biegen der Dauben über offenem Feuer und das exakte Schneiden der Eisenringe. Mit der Umstellung der Brauereien auf Metalltanks und der Einführung industrieller Weinfässer aus Edelstahl ging das Handwerk in den fünfziger und sechziger Jahren stark zurück. Heute arbeiten in der Steiermark nur noch wenige Handwerker in diesem Bereich, meist für Spezialaufträge der Edelbranntwein- und Weingutherstellung.
Der Totengräber und die Schinder
In einer Zeit, in der die städtischen Friedhöfe noch in der Obhut der Pfarrgemeinden standen, war der Totengräber ein eigener Berufsstand. Er hob die Gräber aus, senkte die Särge ein, hielt die Wege instand und pflegte die Bäume. In Graz arbeiteten Totengräber unter anderem am St. Leonhard-Friedhof, am Katharinen-Friedhof in St. Peter und am Urnenfriedhof am Steinfeld. Die Bezahlung war schlecht, das soziale Ansehen gering, die Tradition reicht jedoch weit zurück. Heute sind die Grazer Friedhöfe kommunal organisiert und werden von Friedhofsgärtnern und Technikern der Stadt betreut.
Noch finsterer war der Beruf des Schinders oder Wasenmeisters, der für die Beseitigung toter Tiere, die Zerlegung von Kadavern und die Verwertung von Fellen, Hörnern, Hufen und Knochen zuständig war. Schinder lebten außerhalb der Stadt, oft in eigenen Häusern am Rande der Vorstädte, und waren sozial geächtet. Mit der Einrichtung moderner Tierkörperverwertungsbetriebe im zwanzigsten Jahrhundert verschwand der Beruf. Die Erinnerung an den Schinderplatz außerhalb des Eisernen Tors lebt in Grazer Flurnamen nur noch in Archivbeständen fort.
Der Dienstmann am Bahnhof
Am Hauptbahnhof und am Ostbahnhof Graz standen bis in die sechziger Jahre die Dienstmänner mit ihren nummerierten Kappen. Sie trugen Koffer, Kisten und Möbel für Reisende, die kein Taxi wollten oder brauchten, und arbeiteten auf eigene Rechnung. Jeder Dienstmann hatte eine städtische Lizenz mit einer sichtbaren Nummer, die auch zur Haftung im Fall von Beschwerden diente. Die Dienstmänner waren gewerkschaftlich organisiert und verdienten nach Tarif - ein halbwegs kalkulierbares Einkommen in einer schweren Zeit.
Mit der Massenmotorisierung der sechziger und siebziger Jahre, dem Aufkommen der Rollkoffer in den achtziger Jahren und der Verlagerung des Güterverkehrs auf Lkw und Paketdienste verlor der Beruf seine Grundlage. Die letzten Grazer Dienstmänner arbeiteten in den frühen achtziger Jahren. Heute bietet der 2003 neu gestaltete Grazer Hauptbahnhof moderne Gepäckaufbewahrung und Rollwagen zur Selbstbedienung an - der Mensch mit der nummerierten Kappe ist Geschichte.
Der Eisverkäufer, der Säumer und der Schirmflicker
Vor der Verbreitung elektrischer Kühlschränke in den fünfziger und sechziger Jahren war das Eis im Sommer ein kostbares Gut. Aus den Grazer Umlandseen, dem Leechwaldteich und den Teichen bei Gösting brachen im Winter Arbeiter große Blöcke Natureis, die in strohgedämmten Eiskellern gelagert und im Sommer an Bürgerhäuser, Metzgereien und Gastronomie verkauft wurden. Der Eisverkäufer fuhr mit seinem Wagen durch die Straßen, rief die Kundschaft und sägte aus dem Block kleinere Stücke auf Wunsch. Mit der Einführung industriell hergestellten Kühlmittels und später des Haushaltskühlschranks verschwand dieser Beruf innerhalb von zwei Jahrzehnten.
Der Säumer oder Pferdeknecht, der für den innerstädtischen Fracht- und Warentransport zuständig war, verschwand mit der Motorisierung. In den zwanziger Jahren gab es in Graz laut Handelsregister noch Dutzende Fuhrwerksunternehmen, in den fünfziger Jahren waren es nur noch wenige, in den siebziger Jahren keine mehr. Die Fuhrwerke der Grazer Brauereien - Reininghaus, Göss und Puntigam - verschwanden in derselben Zeit.
Der Schirmflicker arbeitete in festen Werkstätten oder als fahrender Handwerker. Er reparierte zerrissene Stoffbespannungen, gebrochene Speichen und defekte Griffe an Regenschirmen, die vor dem Krieg für viele Familien zu teuer waren, um sie einfach wegzuwerfen. Mit der Industrialisierung der Schirmherstellung in den sechziger Jahren und dem Aufkommen billiger Taschenschirme aus asiatischer Produktion wurde die Reparatur unwirtschaftlich. Heute existiert der Beruf in Graz nicht mehr.
Was von den alten Berufen bleibt
Die verschwundenen Berufe haben in Graz Spuren hinterlassen, die aufmerksame Passanten noch heute entdecken können. Die Schmiedgasse verweist auf die Messerer- und Schmiedewerkstätten, die sich hier im Mittelalter konzentrierten. Der Name Lendkai kommt vom mittelhochdeutschen Wort für Landungsplatz und erinnert an die Flößer, Schiffsleute und Warenträger, die die Mur hinauf- und hinabzogen. Die Sporgasse trägt ihren Namen von den Sporernmachern - Handwerkern, die Sporen für Reiter anfertigten. Die Murgasse verweist auf die Fischerzünfte, die bis ins achtzehnte Jahrhundert hier ansässig waren.
Wer sich tiefer mit den Grazer Zunftbüchern, Steuerlisten und Lehrbriefen beschäftigen möchte, findet umfangreiches Material im Stadtarchiv Graz am Hauptplatz und im Steiermärkischen Landesarchiv. Auch das Universalmuseum Joanneum, das 1811 von Erzherzog Johann gegründet wurde und heute einen der umfassendsten kulturgeschichtlichen Bestände Österreichs verwaltet, bewahrt Werkzeuge, Gesellenstücke und Berufsutensilien alter Handwerke - von Zunftkrügen der Messerer bis zu Sammelfassungen der Fassbinder. Die Ausstellungen der historischen Sammlungen dokumentieren, welch verzweigtes Wirtschaftsleben sich hinter dem Begriff "Grazer Bürgertum" verbarg und wie weit entfernt seine Arbeitswelten von den heutigen Dienstleistungen sind.
Die Berufe der alten Grazer waren meist körperlich schwer, gesundheitlich gefährdend und schlecht entlohnt. Die Romantisierung der verlorenen Handwerkstraditionen darf darüber nicht hinwegtäuschen. Gleichzeitig waren viele dieser Berufe stark in der Stadt verwurzelt, gaben Familien über Generationen Arbeit und prägten das Gesicht von Graz in einer Weise, die der heutigen, anonymen Dienstleistungs- und Büroarbeit fehlt. Die Straßennamen, die Zunftzeichen an alten Hausfassaden und die Werkzeuge in den Museumsvitrinen sind das, was von einer versunkenen Arbeitswelt geblieben ist.