GRAZ JOURNAL

Die Geschichte von Graz: Von der Römerzeit bis heute

Ein Überblick über 2000 Jahre Grazer Geschichte - von den Römern über die Habsburger bis zur Kulturhauptstadt Europas. Der große Chronik-Artikel.

· 11 Min. Lesezeit · Von
Die Geschichte von Graz: Von der Römerzeit bis heute

Ur- und Frühgeschichte: Die keltisch-römische Schicht

Die ältesten menschlichen Spuren im heutigen Stadtgebiet von Graz reichen in die Jungsteinzeit zurück. Am Fuß des Schloßbergs, an den Murterrassen und auf den Höhen des Plabutsch haben Archäologen Werkzeuge, Tongefäße und Siedlungsreste aus dem dritten und zweiten Jahrtausend vor Christus gefunden. In der Hallstattzeit zwischen 800 und 450 vor Christus lebten auf dem Schloßberg und auf den umliegenden Hügeln Siedler, die bereits Eisen verarbeiteten und in ausgedehnten Grabhügelgruppen bestattet wurden. Das Grazer Umland war Teil der keltischen Noriker-Kultur, deren Metallverarbeitung im gesamten Mittelmeerraum geschätzt wurde.

Mit der römischen Eroberung Noricums um 15 vor Christus geriet auch das Becken um Graz in den Einflussbereich Roms. Die wichtigsten römischen Siedlungen der Region lagen in Flavia Solva bei Wagna und in Poetovio (heute Ptuj in Slowenien). Graz selbst war kein städtischer römischer Siedlungsplatz, aber die Durchgangswege von Süden nach Norden, durch das Murtal in Richtung Ennstal, führten hier vorbei. Römische Münzen, Ziegelstempel und Grabsteine, die in den folgenden Jahrhunderten in Graz und Umgebung gefunden wurden, dokumentieren diese Präsenz. Viele dieser Fundstücke sind heute in der Alten Galerie und in den archäologischen Sammlungen des Archäologiemuseums im Schloss Eggenberg zu sehen.

Vom slawischen Gradec zur Stadt Graz

Nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches wanderten in der Völkerwanderungszeit Awaren, später Slawen in das Gebiet. Der Name Graz selbst geht auf das slawische Wort "gradec" zurück, was so viel wie "kleine Burg" oder "befestigter Platz" bedeutet. Der Schloßberg, ein markant aus dem Becken aufragender Dolomitfelsen, war als Wachtplatz und Fluchtburg naturgegeben; hier entstand die frühe slawische Siedlung, aus der die Stadt Graz hervorging.

Im Laufe des achten und neunten Jahrhunderts wurde die Region Teil des bayerischen Einflussgebietes, dann des Heiligen Römischen Reiches und schließlich der Mark an der mittleren Mur. 1122 starb mit Ottokar II. ein bedeutender Markgraf aus dem Traungauer-Geschlecht. Die Markgrafschaft bestand unter seinen Nachfolgern fort, bis sie 1180 unter Ottokar IV. zum Herzogtum Steiermark erhoben wurde. Als Ottokar IV. 1192 kinderlos starb, endete die Traungauer-Linie. Die entscheidende Urkunde für die frühe Geschichte von Graz ist die Georgenberger Handfeste vom 17. August 1186, mit der die Übergabe der Steiermark an die Babenberger geregelt wurde. Diese Urkunde wird bis heute im Steiermärkischen Landesarchiv in Graz aufbewahrt und ist eines der bedeutendsten mittelalterlichen Rechtsdokumente des deutschsprachigen Raums.

Die erste urkundliche Nennung von Graz als "civitas" - also als Stadt im rechtlichen Sinn - datiert aus dem Jahr 1189. Zu diesem Zeitpunkt war die Siedlung am Fuß des Schloßbergs bereits ein befestigter Markt mit Hauptplatz, Kirche und eigenem Stadtrat. Die Sackstraße, die Herrengasse und der Hauptplatz bildeten den Kern dieser frühen Stadt. In den folgenden Jahrzehnten wuchs Graz, erhielt 1281 ein erstes Stadtrecht und wurde nach und nach zum Zentrum der innerösterreichischen Lande.

Habsburger Residenzstadt und innerösterreichische Hauptstadt

1379 kam es durch den Neuberger Teilungsvertrag zur Aufteilung der habsburgischen Länder in eine albertinische (Wien) und eine leopoldinische (innerösterreichische) Linie. Graz wurde Residenz der Leopoldiner und damit Hauptstadt eines ausgedehnten Territoriums, das neben der Steiermark auch Kärnten, Krain, das Küstenland und später Tirol umfasste. Die Verlagerung der Residenz hatte weitreichende Folgen: Höflinge, Künstler, Kaufleute, Handwerker und Gelehrte zogen nach Graz, die Grazer Burg wurde erweitert, das Landhaus als Sitz der ständischen Verwaltung errichtet.

Der bedeutendste Herrscher dieser Zeit war Friedrich III. (1415-1493), der 1452 in Rom zum römisch-deutschen Kaiser gekrönt wurde und damit der letzte in Rom gekrönte Kaiser des Heiligen Römischen Reiches war. Friedrich regierte rund dreiundfünfzig Jahre als römisch-deutscher König beziehungsweise Kaiser - die längste Regierungszeit eines römisch-deutschen Herrschers, die nur später von Franz Joseph als Habsburger übertroffen wurde. Friedrich residierte phasenweise in Graz und hinterließ sein berühmtes Monogramm AEIOU an vielen Grazer Bauten, so auch am Grazer Dom und an der Burg. Friedrich III. starb 1493 in Linz und wurde im Stephansdom in Wien beigesetzt. Seine steirischen Spuren sind in der Stadt jedoch unübersehbar.

Unter Friedrichs Sohn Maximilian I. und dessen Enkel Ferdinand I. erlebte Graz eine weitere Blüte. Die Errichtung des Landhaushofs in italienischer Renaissance-Architektur zwischen 1557 und 1565 durch den Architekten Domenico dell'Allio aus Lugano setzte einen europäischen Maßstab. Ab 1564 wurde Graz unter Erzherzog Karl II. endgültig zur Hauptstadt Innerösterreichs und zum Zentrum einer Politik, die bereits im Geist der Gegenreformation stand.

Reformation und Gegenreformation

Im sechzehnten Jahrhundert schloss sich der steirische Adel überwiegend der lutherischen Reformation an. Graz wurde zeitweise eine protestantische Stadt, mit protestantischen Predigern, protestantischen Schulen und einer evangelischen Mehrheit unter den Bürgern und Landständen. In dieser Phase lebte und wirkte auch der Mathematiker und Astronom Johannes Kepler in Graz, der hier zwischen 1594 und 1600 als Lehrer an der protestantischen Stiftsschule angestellt war und 1596 sein "Mysterium Cosmographicum" schrieb.

Mit Erzherzog Ferdinand II. (Regent ab 1596, Kaiser ab 1619) wendete sich das Blatt radikal. Ferdinand, streng katholisch erzogen und Anhänger der Gegenreformation, verbannte ab 1598 die protestantischen Prediger aus Graz und zwang 1600 auch Johannes Kepler zum Verlassen der Stadt. Die Zwangskatholisierung Innerösterreichs war hart und rigoros. Protestantische Bücher wurden verbrannt, evangelische Kirchen geschlossen, Adelige und Bürger, die sich nicht bekehren wollten, mussten das Land verlassen. In der Grazer Geschichte ist diese Phase als "Gegenreformation" einschneidend. Das bedeutendste Bauwerk der Ferdinandischen Zeit ist das Mausoleum Ferdinands II. in der Burggasse, dessen Baubeginn 1614 auf den Architekten Giovanni Pietro de Pomis zurückgeht und das nach dessen Tod 1633 von Pietro Valnegro fortgeführt wurde. Die Innenausstattung des Mausoleums entwarf ab etwa 1687 Johann Bernhard Fischer von Erlach, die Fertigstellung zog sich bis 1714 hin.

1619 wurde Ferdinand II. zum römisch-deutschen Kaiser gewählt. Mit der Kaiserwahl verlagerte sich das politische Zentrum von Graz nach Wien. Die innerösterreichische Residenz bestand zwar formell weiter, doch Graz verlor schrittweise an Bedeutung und entwickelte sich zu einer Provinzhauptstadt mit ausgeprägt bürgerlicher Prägung.

Das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert

Die Zeit zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und der Aufklärung war für Graz eine Phase der Konsolidierung. Die Stadt blieb von den großen Verwüstungen des Krieges weitgehend verschont, war jedoch immer wieder von Pestepidemien betroffen. Die Pestsäule auf dem Karmeliterplatz und die barocken Kirchenneubauten, darunter die Mariahilferkirche am Lendplatz, stammen aus dieser Zeit. Graz wurde zum Bildungszentrum: Die Jesuiten eröffneten eine Lehranstalt, die 1585 zur Universität erhoben wurde. Diese Universität ist die Vorgängerin der heutigen Karl-Franzens-Universität Graz und eine der ältesten des deutschsprachigen Raums.

Unter Maria Theresia und Kaiser Joseph II. erreichten die Reformen der Aufklärung auch Graz. Die Verwaltung wurde modernisiert, die Jesuiten 1773 aus dem Bildungswesen verdrängt, Klöster aufgelöst und deren Vermögen zur Finanzierung von Schulen verwendet. Joseph II. erließ 1782 ein Toleranzedikt, das den Protestanten wieder eingeschränkte Religionsfreiheit brachte, und ordnete die Auflösung zahlreicher Klöster an, deren Baubestände zum Teil bis heute das Stadtbild prägen.

Graz im neunzehnten Jahrhundert: Reform, Industrie, Wachstum

Das neunzehnte Jahrhundert veränderte Graz fundamental. Unter Erzherzog Johann - dem "steirischen Prinzen" - wurde das Joanneum 1811 gegründet, eine der frühesten öffentlichen Museumsstiftungen des deutschsprachigen Raums. Sie bildete den Grundstein für die spätere Technische Universität, die Landesbibliothek und das heutige Universalmuseum Joanneum. Johann war nicht nur Förderer von Wissenschaft und Landwirtschaft, sondern von 1850 bis 1858 Bürgermeister von Stainz.

Die Schleifung der alten Stadtbefestigung zwischen 1784 und 1860 änderte das Gesicht der Stadt nachhaltig. Kaspar Andreas Ritter von Jacomini erwarb große Flächen südlich des Eisernen Tors und legte die "Jakominivorstadt" an. Auf den geschleiften Bastionen und ehemaligen Wehrgängen entstanden der Stadtpark, der Burggarten und die Ringstraßen des Altstadtgürtels. 1844 erhielt Graz mit der Südbahn Anschluss an das europäische Eisenbahnnetz, und der Hauptbahnhof wurde zum Tor in den mitteleuropäischen Wirtschaftsraum. Die Bevölkerung wuchs rasant: 1850 lebten etwa 56.000 Menschen in Graz, 1900 bereits rund 168.000.

In dieser Zeit wurden die großen Gründerzeitviertel in Geidorf, St. Leonhard und Jakomini gebaut. Die Herz-Jesu-Kirche (1881-1887) mit ihrem fast einhundertzehn Meter hohen Turm und das Hauptgebäude der Technischen Hochschule (eröffnet 1888 durch Kaiser Franz Joseph) sind sichtbare Zeichen dieser Wachstumsphase. Die 1851 in Betrieb genommene Gasversorgung, die 1894 eröffnete Hochquellenwasserleitung und die 1894 eingeführte Elektrizität machten Graz zu einer modernen Stadt europäischen Zuschnitts.

Das zwanzigste Jahrhundert: Weltkriege, Diktatur, Wiederaufbau

Der Zusammenbruch der Donaumonarchie 1918 traf Graz hart. Die Stadt verlor über Nacht ihre Rolle als Zentrum einer weitreichenden innerösterreichischen Wirtschaftszone. Die Zwischenkriegszeit war geprägt von wirtschaftlicher Not, politischen Konflikten zwischen Sozialdemokraten, Christlichsozialen und deutschnationalen Gruppierungen sowie der schrittweisen Radikalisierung, die 1938 in die nationalsozialistische Machtübernahme mündete. Bereits am 12. März 1938 empfingen große Teile der Grazer Bevölkerung die einmarschierende Wehrmacht jubelnd am Hauptplatz. Adolf Hitler ernannte Graz 1938 zur "Stadt der Volkserhebung" - ein Ehrentitel, der bis heute im kollektiven Gedächtnis der Stadt als schwere Hypothek nachwirkt.

Mit der Eingemeindung von zehn Vorstadtgemeinden am 1. Jänner 1939 ("Groß-Graz") wuchs das Stadtgebiet von 21,6 auf rund 127 Quadratkilometer an - nahezu um das Sechsfache. Zu den eingemeindeten Gemeinden zählten Liebenau, St. Peter, Waltendorf, Mariatrost, Ries, Andritz, Gösting, Eggenberg, Wetzelsdorf und Straßgang. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Graz ab 1943/44 wiederholt Ziel alliierter Luftangriffe, insbesondere wegen der Eisenbahnknotenpunkte und der Rüstungsbetriebe. Im Schloßberg wurde ab dem 9. August 1943 ein Luftschutzstollensystem angelegt, das zehntausende Menschen in den Bombennächten Schutz bieten sollte. Die schwersten Angriffe ereigneten sich im Februar und März 1945.

Graz wurde am 8. und 9. Mai 1945 von Einheiten der sowjetischen Roten Armee befreit. In den folgenden Wochen galt Graz als Teil der sowjetischen Besatzungszone; sowjetische Kommandanturen und Militärverwaltungen steuerten das öffentliche Leben. Erst am 23. Juli 1945, als die alliierten Besatzungszonen für Österreich neu geregelt wurden, rückten britische Truppen in Graz ein und übernahmen die Verwaltung. Die Steiermark wurde britische Besatzungszone und blieb es bis zum Staatsvertrag 1955. Historische Quellen zu diesen Wochen sind unter anderem bei der Dokumentationsstelle des österreichischen Widerstandes dokumentiert.

Die Nachkriegszeit und die Wiederentdeckung

Der Wiederaufbau in den späten vierziger und fünfziger Jahren folgte pragmatischen Regeln: Schäden wurden behoben, einige Bauten rekonstruiert, andere durch Neubauten ersetzt. Die Grazer Altstadt überstand die Bombardierungen insgesamt besser als andere Städte und behielt ihre historische Substanz weitgehend. Aus der spezifisch grazerischen Bewahrungsmentalität erwuchs ein Interesse an Stadtdenkmalpflege, das später für die UNESCO-Eintragung entscheidend werden sollte.

1959/1960 wurde das Forum Stadtpark als bürgerliche Kulturinitiative im leerstehenden Café-Pavillon im Stadtpark gegründet. Es wurde bald zum Zentrum einer experimentellen Kunst- und Literaturszene, aus der Autoren wie Peter Handke, Alfred Kolleritsch, Wolfgang Bauer und später Elfriede Jelinek und Friederike Mayröcker hervorgingen. 1968 erweiterte sich das Forum Stadtpark mit der Gründung des Steirischen Herbsts um ein Festival zeitgenössischer Kunst, das bis heute eines der ältesten Avantgarde-Festivals Europas ist. Die Geschichte des Steirischen Herbsts ist zugleich eine Geschichte der Öffnung der Stadt gegenüber internationaler Gegenwartskunst.

Welterbe 1999, Kulturhauptstadt 2003, Gegenwart

Am 1. Dezember 1999 nahm das UNESCO-Welterbekomitee in Marrakesch die Altstadt von Graz auf die Liste des Welterbes auf. Die Begründung hob die außerordentliche Geschlossenheit und architektonische Vielschichtigkeit der Altstadt hervor: Von gotischen Bürgerhäusern über Renaissance-Höfe bis zu Barockkirchen und Historismus-Bauten spiegele Graz 900 Jahre europäische Baukunst in einem einzigen städtischen Ensemble. 2010 wurde das Welterbe um Schloss Eggenberg erweitert, das nun gemeinsam mit der Altstadt eine gemeinsame Welterbestätte bildet.

2003 war Graz als erste österreichische Stadt Europäische Kulturhauptstadt. Rund zwei Milliarden Schilling (etwa einhundertvierzig Millionen Euro) flossen in Neubauten, Sanierungen und kulturelle Programme. Das Kunsthaus Graz am Lendkai, entworfen von den britischen Architekten Peter Cook und Colin Fournier, und die Murinsel von Vito Acconci wurden zu weithin sichtbaren Zeichen dieser Transformation. Das Kunsthaus Graz ist heute Teil des Universalmuseums Joanneum und eine der meistbesuchten zeitgenössischen Kunsthallen Österreichs.

Graz hat in den letzten zwanzig Jahren eine Entwicklung durchlaufen, die viele Stadtforscher als Verwandlung einer Provinzhauptstadt in eine europäische Wissensmetropole beschreiben. Die Universitäten und Fachhochschulen zählen heute insgesamt rund 60.000 Studierende. Die Stadt wuchs von etwa 230.000 Einwohnern im Jahr 2000 auf über 305.000 im Jahr 2025. Die historische Geschichte bleibt dabei präsent - in der Grazer Burg mit ihrer Doppelwendeltreppe, im Landhaushof, in den Schichten des Schloßbergs, im Mausoleum Ferdinands und in den Straßen und Plätzen, deren Substanz vielfach bis ins zwölfte Jahrhundert zurückreicht.

Mehr aus Geschichte