Nachkriegs-Graz: Vom Trümmerfeld zur Kulturhauptstadt
Wie Graz sich nach 1945 neu erfand: Rote Armee, britische Besatzung, Wiederaufbau, Forum Stadtpark, Steirischer Herbst und der Weg zur Kulturhauptstadt Europas.
Die sowjetische Phase Mai bis Juli 1945
Am 8. Mai 1945, dem Tag der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches, erreichten sowjetische Truppen die Stadtgrenze von Graz. Ein sowjetisches Korps, Teil der 3. Ukrainischen Front unter Marschall Fjodor Tolbuchin, war von Ungarn her in die Steiermark vorgestoßen. Die Wehrmacht hatte Graz ohne größeren Widerstand aufgegeben; die Verantwortlichen im Rathaus hatten in letzter Minute ausgehandelt, dass die Rote Armee nicht gegen eine weiterkämpfende Garnison vorrücken müsse. So blieb Graz vor einer Straßenschlacht verschont, doch die Einwohner mussten sich auf eine Besatzung einstellen, die in den folgenden Wochen für viele Grazer eine der schwierigsten Zeiten ihres Lebens werden sollte.
Die sowjetische Militärverwaltung richtete sich schnell ein. Sie beschlagnahmte öffentliche Gebäude, requirierte Wohnraum, organisierte die Nahrungsversorgung und ließ Handwerksbetriebe und Fabriken wieder anlaufen. Gleichzeitig kam es in der ganzen Steiermark, auch in den Grazer Vorstädten, zu Übergriffen sowjetischer Soldaten auf die Zivilbevölkerung - ein dunkler Teil der Nachkriegsgeschichte, der in der späteren Historiographie erst spät aufgearbeitet wurde. Der Grazer Bevölkerung fehlten Lebensmittel, Brennmaterial und Transportmittel. Die ersten Wochen nach Kriegsende waren von Improvisation, Angst und der Erleichterung geprägt, dass die Bomben aufgehört hatten zu fallen.
In den Jaltaer Vereinbarungen der Alliierten war festgelegt worden, dass Österreich in vier Besatzungszonen aufgeteilt würde, wobei die Steiermark der britischen Zone zugeschlagen wurde. Die Umsetzung dieser Vereinbarung dauerte jedoch Wochen. Erst am 23. Juli 1945 rückten die ersten britischen Panzereinheiten aus Kärnten in die Steiermark ein und übernahmen die Verwaltung von Graz von der Roten Armee. Die Sowjets zogen geordnet ab. Die Grazer Bevölkerung empfing die Briten mit gemischten Gefühlen - der Wechsel der Besatzer war eine Erleichterung, aber auch ein Zeichen dafür, dass Österreich seine Souveränität auf Jahre hinaus nicht zurückerlangen würde.
Die britische Besatzungszone 1945 bis 1955
Die britische Militärverwaltung organisierte Graz nach einem pragmatischen Modell. Oberste Behörde war die "Allied Commission for Austria", vertreten in Graz durch den britischen Kommandanten. Die Verwaltung der Stadt blieb formal bei österreichischen Beamten, aber alle wichtigen Entscheidungen - Entnazifizierung, Presselizenzen, Rationierung, Wirtschaftsgenehmigungen - bedurften britischer Zustimmung. Die britischen Besatzungssoldaten lebten in eigenen Kasernen, unter anderem in der Belgierkaserne am Schwarzen Weg, und prägten zehn Jahre lang das Straßenbild der Stadt.
Die Entnazifizierung war eine schwierige Aufgabe. Von den rund 200.000 Grazern mussten 1945 mehrere tausend wegen ihrer NSDAP-Mitgliedschaft registriert werden. Die Volksgerichte in der Steiermark führten zahlreiche Prozesse gegen Kriegsverbrecher und Täter der NS-Gewaltherrschaft. Die Ergebnisse sind bis heute nicht vollständig in der öffentlichen Erinnerung angekommen. Die Dokumentationsstelle des österreichischen Widerstandes hat in den letzten Jahrzehnten umfangreiche Forschungsarbeit zur Aufarbeitung dieser Phase geleistet, darunter biografische Datenbanken der steirischen Opfer des Nationalsozialismus.
Die wirtschaftliche Situation blieb bis Ende der vierziger Jahre prekär. Lebensmittel wurden rationiert, der Schwarzmarkt blühte, die Währung war instabil. Mit dem Marshallplan ab 1948 kamen amerikanische Hilfsgelder auch in die britische Zone, die Infrastruktur wurde repariert, Fabriken wiederaufgebaut. 1950 begann sich die Lage zu bessern. Die Währungsreform und der allmähliche Aufschwung der österreichischen Wirtschaft trugen dazu bei, dass Graz in den frühen fünfziger Jahren wieder Fuß fasste.
Der Wiederaufbau der Altstadt
Die Grazer Altstadt war im Vergleich zu anderen österreichischen und deutschen Städten relativ glimpflich davongekommen. Die Bombardierungen der Jahre 1944 und 1945 hatten vor allem den Hauptbahnhof, die Eggenberger Industrieviertel, das Gelände der Grazer Waggonfabrik und einige Wohnblöcke in Jakomini getroffen. Die historische Altstadt innerhalb der ehemaligen Befestigungslinie blieb in ihrer Grundstruktur erhalten. Trotzdem gab es erhebliche Schäden an Dächern, Fassaden und einigen Kirchen.
Der Wiederaufbau folgte in Graz überwiegend konservativen Prinzipien. Anders als in vielen anderen deutschsprachigen Städten, die nach 1945 radikal modernisiert wurden, blieb Graz bei einer historisierenden Rekonstruktion. Das war zum Teil eine Folge begrenzter finanzieller Mittel, zum Teil Ausdruck einer spezifisch grazerischen Bewahrungsmentalität. In den fünfziger und sechziger Jahren wurden zwar einige Bauten in nüchternem Nachkriegsmodernismus errichtet - das Warenhaus Kastner & Öhler etwa, das seine Erweiterungen von 1954 und später erhielt -, aber das Straßenbild der Altstadt blieb weitgehend unverändert. Diese Kontinuität war Jahrzehnte später die Grundlage für die Welterbe-Eintragung.
Gleichzeitig wurden die größten zerstörten Infrastrukturbauten neu errichtet. Der Hauptbahnhof wurde zwischen 1949 und 1956 in vereinfachter Form wiederhergestellt. Die Mehrzahl der beschädigten Brücken über die Mur - die Keplerbrücke, die Radetzkybrücke, die Augartenbrücke und andere - wurden ersetzt oder instand gesetzt. Die technischen Universitäten und die Karl-Franzens-Universität nahmen Schritt für Schritt ihren Betrieb wieder auf.
Der Staatsvertrag 1955 und die Nachkriegsgesellschaft
Am 15. Mai 1955 wurde im Schloss Belvedere in Wien der österreichische Staatsvertrag unterzeichnet. Die vier Besatzungsmächte zogen sich bis Oktober 1955 zurück; Österreich war nach zehn Jahren wieder ein souveräner Staat, der in seiner am 26. Oktober 1955 beschlossenen "immerwährenden Neutralität" seinen außenpolitischen Grundkonsens fand. Für Graz bedeutete der Staatsvertrag das Ende der britischen Besatzung. Die britischen Truppen zogen aus der Belgierkaserne ab; die Kaserne wurde dem Österreichischen Bundesheer übergeben. Eine öffentliche Feier auf dem Hauptplatz markierte den Abzug der Briten.
Die Nachkriegsgesellschaft in Graz war, wie überall in Österreich, von Verdrängung und Schweigen geprägt. Die Frage nach Täterschaft, Widerstand und Mitverantwortung wurde weitgehend ausgeblendet. Erst in den sechziger und siebziger Jahren begann eine jüngere Generation von Historikern - unter anderem Heimo Halbrainer, Gerhard Botz und andere - die NS-Vergangenheit der Stadt kritisch zu erforschen. Die Ergebnisse dieser Arbeit sind heute im Programm und in den Publikationen des Vereins CLIO dokumentiert, einer Grazer Geschichtswerkstatt, die sich insbesondere der regionalen NS-Forschung widmet.
Forum Stadtpark und Steirischer Herbst: Graz wird Avantgarde-Stadt
Am 20. Mai 1959 fand im leerstehenden Café-Pavillon im Stadtpark, einem historischen Lokal aus dem späten neunzehnten Jahrhundert, die konstituierende Versammlung einer Gruppe junger Grazer Künstler und Intellektueller statt, die eine Institution unabhängiger Gegenwartskunst gründen wollten. Offiziell eröffnet wurde das Forum Stadtpark am 4. November 1960 unter dem Titel "Junge Kunst in Graz". Treibende Kräfte waren Emil Breisach, Günter Waldorf, Wilfried Skreiner und andere. Das Forum Stadtpark wurde bald zu einer der wichtigsten Adressen für experimentelle Literatur, Musik und bildende Kunst im deutschsprachigen Raum. Aus dem Kreis seiner Gründer und Mitarbeiter gingen die Autoren der "Grazer Gruppe" hervor, darunter Alfred Kolleritsch, Peter Handke, Wolfgang Bauer, Barbara Frischmuth, Peter Rosei, Gert Jonke und - später - Elfriede Jelinek, die zum Forum-Umkreis gehörte.
1968 wurde aus dem Forum Stadtpark heraus der Steirische Herbst gegründet, ein Festival zeitgenössischer Kunst, das aller Formen der Avantgarde Raum geben sollte: experimentelle Musik, Theater, bildende Kunst, Literatur, Film. Die offizielle Gründungsveranstaltung fand im Oktober 1968 im Landhaushof statt, zum Teil unter erheblichen politischen Auseinandersetzungen - der konservative Grazer Bürgermeister Gustav Scherbaum stand dem "Schock-Festival" skeptisch gegenüber, während die Landesregierung unter Josef Krainer den Avantgarde-Kurs unterstützte. In den folgenden Jahrzehnten wurde der Steirische Herbst zu einem der ältesten und renommiertesten Festivals zeitgenössischer Kunst in Europa. Die eigene Festivalgeschichte dokumentiert diese sechs Jahrzehnte im Detail.
In den siebziger und achtziger Jahren erlebte Graz eine kulturelle Blüte, die weit über die Stadtgrenzen hinaus wirkte. Die "Grazer Autorenversammlung" als österreichweit tätiger Schriftstellerverband wurde 1973 gegründet, das Literaturhaus Graz folgte in den neunziger Jahren. Musikfestivals wie der Steirische Herbst und die "Musik protokoll" etablierten neue Musik und Klangkunst als feste Größen. In der bildenden Kunst entstand eine experimentelle Szene um Künstler wie Richard Kriesche und Werner Reiterer, die Graz als Ort des radikalen Zeitgenössischen positionierte.
Stadtpolitik: Vom schwarzen Graz zum offenen Graz
Politisch war Graz in der Nachkriegszeit eine überwiegend konservative Stadt mit ÖVP-Dominanz. Von 1945 bis 1973 stellte die ÖVP den Bürgermeister, danach folgten Phasen sozialdemokratischer Mehrheiten. Die SPÖ-Bürgermeister Alfred Stingl (1985-2003) führte die Stadt in die Kulturhauptstadt-Ära. Sein Nachfolger als Bürgermeister wurde Siegfried Nagl (ÖVP), der 2003 das Bürgermeisteramt übernahm und bis 2021 innehatte. Unter Nagl prägte die ÖVP, später mit wechselnden Koalitionen, die Stadtpolitik.
2021 gewann erstmals die KPÖ die Bürgermeisterwahl in einer größeren österreichischen Stadt. Elke Kahr, seit langem in der Kommunalpolitik aktiv und bekannt für ihr Mietrechts-Engagement, wurde zur Grazer Bürgermeisterin gewählt und leitete eine Koalition aus KPÖ, Grünen und SPÖ. Die aktuellen Zahlen zur Grazer Bevölkerung, Wirtschaft und Verwaltung werden auf den offiziellen Statistikseiten der Stadt Graz jährlich aktualisiert.
UNESCO-Welterbe 1999 und die Erweiterung 2010
Am 1. Dezember 1999 nahm das UNESCO-Welterbekomitee in Marrakesch die Altstadt von Graz in die Liste des Welterbes der Menschheit auf. Die Begründung hob die Geschlossenheit und architektonische Vielschichtigkeit der Altstadt hervor, die gotische, Renaissance-, barocke und historistische Bauten zu einem einzigartigen städtischen Ensemble verbindet. Die Welterbestätte umfasst eine Kernzone von rund zweiundsiebzig Hektar und eine Pufferzone von zweihundertzweiundvierzig Hektar. 2010 wurde das Welterbe um Schloss Eggenberg erweitert, das als eigenständige Kernzone (zirka zwanzig Hektar) hinzugefügt wurde. Seit dieser Erweiterung trägt die Welterbestätte den Titel "City of Graz - Historic Centre and Schloss Eggenberg".
Die Welterbe-Eintragung war die Frucht jahrzehntelanger Bewahrungspolitik. Der Grazer Altstadterhaltungsgesetz von 1974 - die erste landesgesetzliche Regelung zum Altstadtschutz in Österreich - war maßgeblich. Es verpflichtete Bauherren zur Erhaltung historischer Fassaden, regelte die Sichtachsen und sicherte die Struktur der mittelalterlichen Straßenzüge. Ohne dieses Gesetz wäre die Welterbe-Eintragung kaum möglich gewesen.
Kulturhauptstadt 2003: Kunsthaus, Murinsel, Transformation
Im Jahr 2003 war Graz erste österreichische Kulturhauptstadt Europas. Rund einhundertvierzig Millionen Euro flossen in Bauvorhaben und Programmaktivitäten. Die beiden bleibenden baulichen Zeichen waren das Kunsthaus Graz am Lendkai, entworfen von den britischen Architekten Peter Cook und Colin Fournier mit der biomorphen blauen Außenhaut und der BIX-Medienfassade, sowie die Murinsel des New Yorker Künstlers Vito Acconci, eine schwimmende Plattform mit Café und Amphitheater, die die beiden Murufer verbindet. Das Kunsthaus ist seither Teil des Universalmuseums Joanneum und eine der am stärksten frequentierten Ausstellungshallen zeitgenössischer Kunst in Österreich.
2003 zählte Graz rund zwei Millionen zusätzliche Besucher. Die Stadt erlebte eine Sichtbarkeitsexplosion, und der Imagewandel von einer bürgerlichen Provinzhauptstadt zu einer modernen Wissenschafts- und Kulturstadt nahm Fahrt auf. In den Jahren nach 2003 folgten weitere bauliche Projekte: die Sanierung des Joanneumsviertels, die Revitalisierung des Lendhafens, neue Kulturhäuser wie das Literaturhaus und das Schubertkino. Der "Kulturjahr-Effekt" wurde in zahlreichen Evaluationen untersucht; die Bilanzen zeigen, dass Graz einer der erfolgreichsten Kulturhauptstadt-Titelträger war.
Graz heute: Wissenschaft, Wachstum, Wandel
Im Jahr 2025 zählt Graz rund 305.000 Einwohner - etwa 50.000 mehr als zur Jahrtausendwende. Die Stadt ist die zweitgrößte Österreichs, die Universitäten und Fachhochschulen bringen rund 60.000 Studierende. Automobilindustrie (Magna Steyr), Softwareentwicklung und Forschung prägen die Wirtschaft. Die Altstadt ist UNESCO-Welterbe, das Kunsthaus und die Murinsel sind international bekannt, die kulturelle Infrastruktur mit Oper, Schauspielhaus, Stadthalle und einer dichten Museumslandschaft wird kontinuierlich weitergeführt.
Die Erinnerung an die harten Nachkriegsjahre 1945 bis 1955 ist aus dem Alltagsbewusstsein der meisten Grazer weitgehend verschwunden. Nur wenige Orte - der Gedenkort am ehemaligen Grazer Bahnhof, einige Stolpersteine in der Innenstadt, die Ausstellungen im Stadtarchiv und im Steiermärkischen Landesarchiv - halten die Erinnerung lebendig. Eine Stadt, die 1945 in Trümmern lag, ist in achtzig Jahren zu einer Wissensmetropole europäischen Zuschnitts geworden. Die Geschwindigkeit und Gründlichkeit dieser Transformation ist das, was die Grazer Nachkriegsgeschichte als Besonderheit herausheben.