GRAZ JOURNAL

Erzherzog Johann: Der steirische Prinz und sein Graz

Erzherzog Johann - der Habsburger, der die Steiermark liebte. Seine Rolle in Graz, das Joanneum, Anna Plochl und sein unvergessenes Vermächtnis.

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Erzherzog Johann: Der steirische Prinz und sein Graz

Herkunft und frühe Jahre

Johann Baptist Josef Fabian Sebastian von Österreich wurde am 20. Januar 1782 in Florenz geboren, damals Residenz seines Vaters, des späteren Kaisers Leopold II. Johann war das dreizehnte Kind in der großen Habsburger-Familie und wuchs in einem intellektuell anregenden Umfeld auf: Sein Vater war ein aufgeklärter Reformfürst, seine Mutter Maria Ludovica eine gebildete spanische Prinzessin. Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1792 übernahm sein älterer Bruder, Kaiser Franz II., die Verantwortung für die jüngeren Geschwister und ließ Johann in Wien durch Privatlehrer unterrichten.

Der junge Erzherzog zeigte früh Interesse an Naturwissenschaften, Mineralogie, Bergbau und Militärgeschichte. Mit siebzehn Jahren wurde er bereits an militärische Führungsaufgaben herangeführt, und während der napoleonischen Kriege kommandierte er mehrere Korps. Die Niederlage von Hohenlinden 1800 und später die Schlachten in Italien und Kärnten hinterließen beim jungen Erzherzog das Gefühl, dass das Kaiserreich dringend reformiert werden musste, um den modernen Kriegen und Wirtschaftssystemen gewachsen zu sein. Er wurde zum Skeptiker der Wiener Hofkultur und suchte einen anderen Raum, in dem er seine Ideen verwirklichen konnte - und dieser Raum wurde die Steiermark.

Die Entdeckung der Steiermark

Ab 1802 bereiste Johann systematisch die inneren Alpenländer, die Obersteiermark, den Schneeberg, die Radstätter Tauern und die Salzkammergut-Region. Er dokumentierte Gesteinsformationen, Erzvorkommen, Almen, Bauernhöfe und die Lebensverhältnisse der bäuerlichen Bevölkerung. Seine Reiseaufzeichnungen, die heute im Steiermärkischen Landesarchiv liegen, sind eine bedeutende Quelle zur Sozialgeschichte Innerösterreichs um 1800. In Graz bezog er regelmäßig Quartier, und mit der Zeit wurde die steirische Landeshauptstadt zu seinem intellektuellen und organisatorischen Zentrum.

Anders als viele Wiener Habsburger betrachtete Johann die Alpenländer nicht als Kronland, das man verwaltete, sondern als Lebensraum, den man gestalten konnte. Er kaufte das Schloss Brandhof am Fuß des Seebergs, erwarb Ländereien bei Vordernberg, investierte in das dortige Eisenwesen und wurde schließlich selbst Teilhaber und Betreiber mehrerer Hochöfen und Walzwerke. Johann gab der Steiermark nicht nur Kapital, sondern vor allem Wissen - er holte deutsche und schweizerische Ingenieure, ließ Verfahren aus England übernehmen und verknüpfte bäuerliche Tradition mit industrieller Neuerung.

Die Stiftung des Joanneums 1811

Am 26. November 1811 unterzeichnete Erzherzog Johann in Wien die Stiftungsurkunde für das erste öffentliche Museum der österreichischen Monarchie. Er übergab den steirischen Landständen seine eigene umfangreiche naturwissenschaftliche Sammlung - Mineralien, Fossilien, botanische Herbarien, zoologische Präparate, physikalische Instrumente, technische Modelle, Bücher und Karten. Die Bedingung: Die Sammlung sollte der Öffentlichkeit zugänglich sein, und mit ihr sollte eine wissenschaftliche Bildungsanstalt verbunden werden, an der junge Steirer unterrichtet werden konnten.

Das nach ihm benannte Joanneum eröffnete 1812 in Graz und war damit das erste öffentlich zugängliche Museum auf deutschsprachigem Boden, ein Jahrzehnt bevor das Brandenburgische Altertumsmuseum oder andere deutsche Museumsgründungen stattfanden. Aus der ursprünglichen Einrichtung entwickelten sich im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts eine ganze Reihe von Institutionen, unter ihnen die heutige Technische Universität Graz, die Landesbibliothek, das Steirische Landesarchiv und die verschiedenen naturwissenschaftlichen Museen. Das heutige Universalmuseum Joanneum ist mit über einer Million Objekten und rund zwanzig Standorten eines der größten Museen Mitteleuropas und geht in direkter Linie auf die Stiftung von 1811 zurück.

Liebe zu Anna Plochl

Auf einer seiner Sommerreisen ins Ausseerland lernte Erzherzog Johann 1819 die damals fünfzehnjährige Anna Plochl kennen, die Tochter des k.k. Postmeisters von Bad Aussee. Die Verbindung zwischen einem Habsburger Prinzen und einer bürgerlichen Postmeisterstochter war nach dem Familienrecht des Kaiserhauses undenkbar. Habsburger durften nur ebenbürtige, also fürstliche Ehepartner wählen. Jahre lang suchte Johann beim Kaiserbruder Franz I. um die Erlaubnis zur Heirat an - und wurde abgewiesen.

Erst 1829, nach rund zehn Jahren Wartezeit und eindringlicher Fürsprache, erhielt Johann die kaiserliche Einwilligung. Am 18. Februar 1829 heirateten Erzherzog Johann und Anna Plochl in der Schlosskapelle des Schlosses Brandhof. Die Ehe war eine Privatehe und damit nicht standesgemäß - ihre Kinder waren bei Geburt keine Erzherzöge, sondern trugen zunächst einen weniger prominenten Titel. Erst 1844 verlieh Kaiser Ferdinand Anna den Titel "Gräfin von Meran", der ihrem Sohn Franz als erblicher Graf von Meran auch weitergegeben wurde. Die Familie lebte weitgehend zurückgezogen auf dem Brandhof und in Graz. Die Liebesgeschichte zwischen dem Habsburger Prinzen und der bürgerlichen Postmeisterstochter wurde im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts zu einem kollektiven Mythos Innerösterreichs und lebt in zahllosen Liedern, Romanen und Volksstücken weiter.

Der Reichsverweser 1848/49

Im Revolutionsjahr 1848 berief die Frankfurter Nationalversammlung einen Reichsverweser, der als provisorisches Staatsoberhaupt des neugeschaffenen deutschen Bundesstaates fungieren sollte. Die Wahl fiel am 29. Juni 1848 auf Erzherzog Johann, der aus Wien nach Frankfurt reiste und am 12. Juli 1848 sein Amt antrat. Als Reichsverweser leitete er ein Kabinett, vertrat die neu entstehende deutsche Zentralgewalt nach außen und war Vermittler zwischen den liberalen Kräften der Paulskirche und den traditionellen Einzelstaaten.

Johann war für dieses Amt gut geeignet, weil er in Österreich als Reformer galt, in bürgerlichen Kreisen populär war und keiner direkten Erbfolge im Kaiserhaus nahestand. Doch die Revolution scheiterte, die nationale Einheit der Deutschen ließ sich 1848/49 nicht durchsetzen. Nachdem Preußen die Kaiserkrone der Paulskirche abgelehnt und die Kräfte der Restauration sich durchsetzten, legte Johann am 20. Dezember 1849 sein Amt als Reichsverweser nieder. Er kehrte nach Graz zurück und widmete sich weiter seinen wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Projekten.

Wirtschaftspolitiker und Industriegründer

Erzherzog Johann war einer der aktivsten Wirtschaftsreformer der Monarchie. Er förderte die Einführung moderner Landwirtschaftstechniken, den Anbau von Kartoffeln, Zuckerrüben und verbesserten Getreidesorten. Er unterstützte den Aufbau landwirtschaftlicher Versuchsanstalten, den Weinbau an der südsteirischen Grenze und die Viehzucht in den Alpentälern. Seine besondere Aufmerksamkeit galt dem steirischen Eisenwesen, das im Mittelalter weltberühmt gewesen war und im Zeitalter der britischen Industrialisierung zurückzufallen drohte. Johann investierte privat in den Erzberg, in die Hochöfen von Vordernberg und Eisenerz und holte Fachleute aus England, um das steirische Eisen wieder konkurrenzfähig zu machen.

Die von ihm mitbegründete Innerösterreichische Eisen-Compagnie und ihre Nachfolgeorganisationen legten den Grundstein für die spätere Alpine-Montan-Gesellschaft und damit für die gesamte industrielle Geschichte der Obersteiermark. Auch die Grazer Maschinenindustrie, die Grazer Metallwarenwerke und die Fertigungsbetriebe in Köflach profitierten von Johanns Investitionen und seinem Netzwerk. Die Verknüpfung von Wissenschaft und Wirtschaft war sein Lebensthema. Das spätere Landwirtschaftsschulwesen der Steiermark, vom Landesverband der landwirtschaftlichen Bildungseinrichtungen bis zur heutigen Landwirtschaftskammer Steiermark, ist aus Johanns Initiativen erwachsen.

Johann und die Stadt Graz

Graz war für Erzherzog Johann nicht Residenz, sondern Arbeitsstätte. Er wohnte im Palais Meran in der Leonhardstraße, einem zweistöckigen Bürgerpalais, das er nach seiner Hochzeit mit Anna Plochl erwarb und umbauen ließ. Von hier aus verwaltete er seine Güter, leitete die Geschäfte der Eisenindustrie und empfing Wissenschaftler, Ingenieure und Künstler. Das Palais Meran, heute Sitz der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz, trägt noch immer den Namen der Familie.

Johann war der erste Habsburger, der sich offiziell in das Grazer Bürgerregister eintragen ließ. 1850 wurde er zum Bürger der Stadt Graz ernannt. Darüber hinaus war Johann von 1850 bis 1858 Bürgermeister von Stainz, einer Marktgemeinde in der Weststeiermark, wo er sich ebenfalls als Reformer engagierte. Damit war Johann nicht nur dem Namen nach ein "steirischer Prinz", sondern ein tatsächlich in der kommunalen Verwaltung aktiver Politiker. In Graz engagierte er sich für bedeutende städtische Infrastrukturprojekte: die Schleifung der alten Stadtbefestigung, die Anlage neuer Stadtviertel in der Jakominivorstadt, die Regulierung der Mur und die ersten Schritte zu einer modernen Wasserversorgung. Die Verwaltung der Stadt Graz dokumentiert diese Ära in den Beständen des Stadtarchivs Graz.

Die letzten Jahre und der Tod

Mit zunehmendem Alter zog sich Johann immer öfter auf den Brandhof zurück, wo er mit Anna und ihrem einzigen Sohn Franz lebte. Der Brandhof - ein ausgedehnter Jagd- und Landsitz am Fuß des Seebergs - wurde zu seinem persönlichen Utopia. Hier führte er ein musterwirtschaftlich geleitetes Gut, das Schafzucht, Holzwirtschaft, Obstanbau und Käserei betrieb. Besucher aus ganz Europa suchten den Brandhof auf, darunter Naturforscher, Geologen, Industrielle und europäische Adelige.

Erzherzog Johann starb am 11. Mai 1859 in Graz. Sein Leichnam wurde zunächst in der Mausoleumskirche am Brandhof beigesetzt, später jedoch überführt nach Schenna oberhalb von Meran in Südtirol, wo seine Nachkommen eine Familiengrabstätte eingerichtet haben. Das Mausoleum Schenna in Südtirol ist bis heute die tatsächliche Grabstätte des Erzherzogs und seiner Gattin Anna. Die Tatsache, dass der "steirische Prinz" nicht in der Steiermark bestattet ist, überrascht viele Grazer; sie verdankt sich der Familiengeschichte der Grafen von Meran, die das Mausoleum im späten neunzehnten Jahrhundert errichten ließen.

Das Vermächtnis in Graz heute

Erzherzog Johann ist in Graz allgegenwärtig. Der Erzherzog-Johann-Brunnen am Hauptplatz, errichtet 1878 zum Gedenken an den beliebten Prinzen, zeigt seine Bronzefigur, umgeben von Allegorien der vier steirischen Hauptflüsse Mur, Enns, Drau und Sann. Das vormals nach ihm benannte Erzherzog-Johann-Ufer, die Johann-Strauss-Gasse, das Johann-Gymnasium in der Körösistraße und das Palais Meran tragen seinen Namen oder sind historisch mit ihm verknüpft. Auch das Joanneum-Viertel in der Kalchberggasse, das 2011 zum 200-jährigen Jubiläum der Museumsstiftung eröffnet wurde, erinnert an ihn.

Sein kulturelles Erbe reicht weit über die Grazer Stadtgrenzen hinaus. Die Technische Universität Graz sieht sich in direkter Tradition der "Joanneumsanstalten" des frühen neunzehnten Jahrhunderts. Die Karl-Franzens-Universität, die Montanuniversität Leoben, die Landesmusikschulen und die landwirtschaftlichen Fachschulen sind alle in irgendeiner Weise Erben seines Bildungsanspruchs. Die offiziellen Informationen zum österreichischen Bildungssystem verweisen bei der Geschichte der naturwissenschaftlich-technischen Ausbildung regelmäßig auf die Rolle des Joanneums.

Erzherzog Johann ist auch Gegenstand volkstümlicher Erinnerung geblieben. Der "Erzherzog-Johann-Jodler", ein volksmusikalisches Stück, wird bei steirischen Festen bis heute gesungen. Die Figur des bürgerlichen Prinzen, der sich in die Postmeisterstochter verliebt und gegen den Widerstand des Kaiserhofs heiratet, hat in der steirischen Populärkultur einen festen Platz. Sein Grundsatz "Das Wohl der Steiermark liegt mir am Herzen" ist in zahlreichen Memoranden, Briefen und Gründungsurkunden dokumentiert. Wer durch Graz geht, sollte wissen: Kaum ein Habsburger der langen Geschichte des Hauses hat sich in einer einzelnen Region so intensiv engagiert wie Johann in der Steiermark - und die Stadt Graz schulde ihm dafür bis heute mehr, als den meisten Bewohnern bewusst sein mag.

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