GRAZ JOURNAL

Wie die Grazer Bezirke entstanden

Die Geschichte der 17 Grazer Bezirke: Von den mittelalterlichen Vorstädten bis zu den Eingemeindungen des 20. Jahrhunderts. Der komplette Überblick.

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Wie die Grazer Bezirke entstanden

Die Anfänge: Mittelalterliche Stadt und ihre Vorstädte

Die Grazer Stadtgeschichte beginnt am Fuß des Schlossbergs. Der frühmittelalterliche Kern der Stadt lag innerhalb einer befestigten Zone zwischen Sackstraße, Hofgasse, Hauptplatz und Murufer. Bereits im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert wuchsen vor den Toren der ummauerten Stadt Vorstädte heran. Im Süden, vor dem Eisernen Tor, entstand die "Jakominivorstadt" - eine lose Ansammlung von Höfen, Werkstätten und Wohnhäusern; im Osten, vor dem Paulustor, das "Gries" - ein schottriges Gelände zwischen Stadtmauer und Mur; im Westen, nach Überquerung der Mur, das "Lend" - das Landungsgebiet der Murschifffahrt; im Norden, vor dem Sacktor, das "Geidorf" - das Dorf am flachen Land.

Diese Vorstädte waren bis 1784 keine selbstständigen Gemeinden, sondern blieben unter der Grundherrschaft verschiedener Adeliger und Klöster. Mit der Schleifung der Stadtbefestigung ab 1784 und der stadtplanerischen Initiative Kaspar Andreas Ritter von Jacominis, der südlich des Eisernen Tors Grundstücke erwarb und die "Jakominivorstadt" neu anlegte, veränderte sich das Bild grundlegend. Die alten Stadtgrenzen wurden aufgehoben, neue Straßen wurden geplant, und die bürgerliche Bevölkerung begann, in die Vorstädte zu ziehen.

Die Bezirksreform von 1869: Fünf Bezirke

Am 11. August 1869 wurde in Graz die erste moderne Bezirksreform in Kraft gesetzt. Die bis dahin existierenden fünfzehn Stadtviertel wurden zu fünf neuen Bezirken zusammengefasst: Innere Stadt (I), St. Leonhard (II), Geidorf (III), Lend (IV) und Gries (V). Diese fünf Bezirke bildeten den Kern der modernen Grazer Stadtverwaltung. Jeder Bezirk erhielt ein Bezirksvorsteheramt, eine örtliche Polizei und eine Schulverwaltung.

Die Bezirkseinteilung folgte den historisch gewachsenen Vorstädten und ihren Grenzen. Die Innere Stadt umfasste das alte ummauerte Zentrum und die unmittelbar angrenzenden Bauten. St. Leonhard, benannt nach der mittelalterlichen Kirche und dem alten Dorf "Guntarn" (1043 erstmals urkundlich erwähnt), lag östlich der Inneren Stadt. Geidorf erstreckte sich nördlich und umfasste Universität, Pädagogium und die damaligen Landesgerichtsgebäude. Lend umfasste das rechte Murufer mit dem alten Landungsplatz, dem Lendplatz und den Werkstätten der Murschifffahrt. Gries bildete den südwestlichen Ausdehnungsbereich und war das traditionell multikulturelle und handwerklich geprägte Viertel.

Die Abspaltung Jakominis 1900

Bis 1900 war das Gebiet südlich des Eisernen Tors, also die "Jakominivorstadt", Teil des zweiten Grazer Bezirks (St. Leonhard). Das Wachstum der Stadt im neunzehnten Jahrhundert machte diese Zusammenlegung jedoch unpraktisch: Jakomini war zu groß und zu verkehrsreich, um noch als Nebenbezirk geführt zu werden. Am 1. Dezember 1900 wurde Jakomini als eigener sechster Bezirk von Graz eingerichtet. Seine Benennung geht auf Kaspar Andreas Ritter von Jacomini zurück, der ab 1784 das Areal erworben und mit der Anlage der Vorstadt begonnen hatte.

Die Jakominivorstadt war im neunzehnten Jahrhundert einer der am schnellsten wachsenden Stadtteile Österreichs. Hier entstanden die Messe Graz (eröffnet 1880), das Stadtpark-Ensemble im Norden, die ersten bürgerlichen Wohnviertel mit gründerzeitlichen Mietshäusern. Der Jakominiplatz selbst, der heute zentrale Umsteigeplatz des Grazer Nahverkehrs, war bereits Ende des neunzehnten Jahrhunderts einer der belebtesten Verkehrsknoten der Stadt.

Die große Eingemeindung 1938: "Groß-Graz"

Am 1. Januar 1939 trat das nationalsozialistische Gesetz über die Eingemeindung von zehn Vorortgemeinden in die Stadt Graz in Kraft. Das Gesetz war bereits am 15. Oktober 1938, wenige Monate nach dem Anschluss Österreichs, erlassen worden und folgte dem Muster der Eingemeindungen, die auch in vielen deutschen Städten unter dem NS-Regime durchgeführt wurden. Zu den eingemeindeten Gemeinden zählten: Liebenau, St. Peter, Waltendorf, Mariatrost, Ries, Andritz, Gösting, Eggenberg, Wetzelsdorf und Straßgang.

Das Stadtgebiet wuchs dadurch von 21,6 Quadratkilometern auf rund 127 Quadratkilometer - eine Verzehnfachung der Fläche wäre übertrieben, aber eine Versechsfachung kommt der Realität sehr nahe. Die Einwohnerzahl stieg von etwa 160.000 auf mehr als 200.000. Die Eingemeindung war ein tiefer Einschnitt in die Verwaltung und Identität der betroffenen Dörfer. Alte Bürgermeister verloren ihre Ämter, die kommunale Selbstverwaltung wurde aufgehoben, die Gemeinderäte aufgelöst, und die städtische Polizei, Feuerwehr und Schulaufsicht übernahmen die Verantwortung.

Die Hintergründe der Eingemeindung waren verwaltungsökonomisch und zugleich strategisch. Die Nationalsozialisten wollten Graz als Verwaltungszentrum einer "Volksdeutschen Aufbaustadt" ausbauen, die Rüstungsindustrie konzentrieren und die bestehenden Infrastrukturen in den Vorortgemeinden direkter Stadtkontrolle unterstellen. Gleichzeitig wurde der Titel "Stadt der Volkserhebung", den Hitler Graz 1938 verliehen hatte, als Rechtfertigung für die besondere Stellung der Stadt benutzt. Historische Unterlagen zu dieser Phase sind im Stadtarchiv Graz erhalten und auf den offiziellen Informationsseiten des Stadtarchivs dokumentiert.

Die Nachkriegsneuordnung 1946

Nach Kriegsende 1945 blieb die Eingemeindung von 1938 in ihren Grundzügen bestehen. Die Alliierten und die zweite österreichische Republik setzten die territoriale Struktur der "Groß-Graz"-Stadt fort, weil eine Rückgliederung der eingemeindeten Gemeinden administrativ zu aufwendig gewesen wäre. Allerdings wurde die Bezirkseinteilung 1946 partiell neu gefasst. Mariatrost wurde als eigener Bezirk aus Geidorf herausgelöst und erhielt seine heutige Ausdehnung. Gleichzeitig wurden die Grenzen einiger anderer Bezirke den neuen Verhältnissen angepasst. Von 1946 bis 1988 bestand die Stadt Graz damit aus sechzehn Bezirken.

Die Ausgliederung Mariatrosts war Ausdruck der spezifischen Identität dieses weitläufigen, überwiegend ländlichen Gebiets im Nordosten der Stadt. Der Wallfahrtsort Maria Trost mit seiner 1714 bis 1724 errichteten Barockbasilika war bereits in der Monarchie ein bedeutender Pilgerort gewesen. Seine Dorfkernstruktur war in der Eingemeindung nur schwer zu integrieren, und die lokale Bevölkerung hatte Vorbehalte gegen die enge Verbindung mit dem bürgerlichen Geidorf. Die Abspaltung von 1946 gab Mariatrost eine eigene Bezirksidentität, die bis heute stark empfunden wird.

Puntigam 1988: Der jüngste Bezirk

Die bisher letzte Veränderung der Grazer Bezirkseinteilung datiert aus dem Jahr 1988. Im Zuge einer lokalen Verwaltungsreform wurde Puntigam - bis dahin Teil des Bezirks Straßgang - zum siebzehnten und jüngsten Bezirk der Stadt erhoben. Puntigam liegt im Süden der Stadt am rechten Murufer und ist ein historisch eigenständiges Dorf, das 1938 gemeinsam mit Straßgang eingemeindet wurde. Bekannt ist Puntigam vor allem durch die Puntigamer Brauerei, eine der größten Brauereien Österreichs, die hier seit 1838 Bier braut.

Die Abspaltung Puntigams war Folge des starken Wachstums des südlichen Stadtgebiets in den achtziger Jahren. Neue Wohnbauprojekte, die Errichtung der Autobahnanbindung zum Süden und die Erweiterung der Grazer Messe in Richtung Straßgang erforderten eine klarere Verwaltungsstruktur. Seit 1988 ist die Bezirksstruktur von Graz unverändert geblieben. Die siebzehn Bezirke sind in ihrer heutigen Form seitdem stabil.

Die historische Gliederung in Innen- und Außenbezirke

In der heutigen Grazer Verwaltungspraxis werden die siebzehn Bezirke häufig in sechs "Innenbezirke" (I bis VI: Innere Stadt, St. Leonhard, Geidorf, Lend, Gries, Jakomini) und elf "Außenbezirke" (VII bis XVII: Liebenau, St. Peter, Waltendorf, Mariatrost, Ries, Andritz, Gösting, Eggenberg, Wetzelsdorf, Straßgang, Puntigam) unterteilt. Diese Einteilung folgt historischen Entwicklungen: Die Innenbezirke sind gründerzeitlich oder älter und waren bereits 1900 Teil der Stadt; die Außenbezirke sind 1938 eingemeindet worden und bewahrten oft ihre dörflichen Strukturen.

Der Gegensatz zwischen Innen- und Außenbezirken ist bis heute in Bevölkerungsdichte, Bebauung und Lebensweise sichtbar. Während die Innenbezirke teilweise Bevölkerungsdichten von über 9.000 Personen pro Quadratkilometer erreichen - Lend mit rund 9.324 Personen pro Quadratkilometer ist der dichteste -, sind die Außenbezirke wesentlich dünner besiedelt. Ries etwa hat bei einer Fläche von 10,16 Quadratkilometern nur rund 6.081 Einwohner, also eine Dichte von knapp 600 Personen pro Quadratkilometer.

Aktuelle Bevölkerungszahlen aller Bezirke werden jährlich von der Stadt Graz veröffentlicht. Die offizielle Statistik findet sich auf den Zahlen- und Faktenseiten der Stadt Graz, die mit Stand 1. Januar 2025 eine Gesamteinwohnerzahl von 305.314 Personen ausweisen.

Exemplarische Bezirksgeschichten: Eggenberg, Andritz, St. Peter

Eggenberg im Westen der Stadt ist eng mit der Familie Eggenberg verbunden, die im siebzehnten Jahrhundert zum einflussreichsten Adelsgeschlecht Innerösterreichs aufstieg. Hans Ulrich von Eggenberg, Statthalter von Innerösterreich unter Ferdinand II., ließ ab 1625 das Schloss Eggenberg errichten - einen manieristischen Palast mit 365 Fenstern, 24 Prunkräumen und einer kosmologischen Gesamtkonzeption. Das Dorf Eggenberg, das den Namen von der Adelsfamilie übernahm (oder umgekehrt), wurde 1938 in Graz eingemeindet. Heute umfasst der Bezirk Eggenberg 7,79 Quadratkilometer und zählt etwa 25.790 Einwohner. Seit 2010 gehört Schloss Eggenberg gemeinsam mit der Grazer Altstadt zum UNESCO-Welterbe, betreut vom Universalmuseum Joanneum.

Andritz im Norden ist mit 18,47 Quadratkilometern der flächenmäßig größte Grazer Bezirk. Sein Name geht auf slawische Wurzeln zurück - "jendrica" bedeutet schnell fließendes Wasser -, was auf die Lage am Mürz-Ufer verweist. Die Pfarrkirche St. Veit in Andritz ist bereits 1226 urkundlich erwähnt, das Schloss St. Gotthard sogar 1147. 1852 gründete Josef Körösi eine Eisengießerei in Andritz, aus der sich der heutige Industriekonzern Andritz AG entwickelte, einer der größten Arbeitgeber der Stadt und ein weltweit tätiger Hersteller von Maschinen für die Papier- und Zellstoffindustrie.

St. Peter im Südosten der Stadt zählt zu den ältesten Siedlungsplätzen im heutigen Stadtgebiet. Die Pfarrkirche St. Peter hat romanische Wurzeln und gehört zu den ältesten Sakralbauten in Graz. Der St. Peter-Stadtfriedhof mit seinen rund 30 Hektar ist der größte Friedhof der Stadt und enthält Grabstätten bedeutender Grazer Persönlichkeiten, darunter mehrerer Landeshauptmänner, Universitätsprofessoren und Künstler. Die Eingemeindung 1938 integrierte St. Peter in die Stadtverwaltung, das dörfliche Gepräge blieb jedoch in Teilen bis heute erhalten.

Die Spuren der früheren Gemeindegrenzen

Wer durch die heutigen Grazer Außenbezirke geht, kann die Spuren der früheren Dörfer und Gemeinden noch gut erkennen. Alte Ortskerne, Kirchen, Wirtshäuser, Kapellen und Flurnamen haben die Eingemeindung überdauert. In Mariatrost steht die barocke Wallfahrtsbasilika (1714-1724) auf einem Hügel über dem Dorfkern. In Gösting ragt die Ruine Gösting, eine mittelalterliche Burg, über das Tal auf. In Liebenau markiert die Liebenauer Kirche den alten Dorfmittelpunkt. In Straßgang ist die spätgotische Pfarrkirche St. Johann und Paul ein bedeutendes Denkmal.

Auch die administrativen Strukturen spiegeln die frühere Eigenständigkeit wider. Viele Bezirke haben eigene Pfarreien, eigene Schulen, eigene Sportvereine und eigene Feuerwehren, die sich in ihrer Identität bis heute stark an die frühere Dorfgeschichte anknüpfen. Der Eggenberger SK, der FC Andritz, der ASV Mariatrost und andere Vereine sind direkte Nachfolger der alten Dorfvereine. Die Freiwilligen Feuerwehren, die teilweise im neunzehnten Jahrhundert gegründet wurden, bestehen bis heute und organisieren in vielen Bezirken das örtliche Vereinsleben.

Die Stadt Graz bietet auf ihren Bezirksseiten Informationen zu den einzelnen Bezirken mit Geschichte, Bevölkerungszahlen und Infrastruktur. Die offizielle Übersicht der Grazer Bezirke ist eine gute Einstiegsquelle für weiterführende Informationen. Die historischen Dokumente zur Bezirksgeschichte liegen im Stadtarchiv Graz und im Steiermärkischen Landesarchiv.

Was die Bezirke heute bedeuten

Die siebzehn Grazer Bezirke sind heute weniger administrative als identitätsstiftende Einheiten. Jeder Bezirk hat einen Bezirksvorsteher mit ehrenamtlicher Funktion, der als Ansprechpartner für die Bewohner dient, aber kaum eigenständige Entscheidungsmacht besitzt. Die eigentliche Verwaltung der Stadt liegt beim Magistrat und bei der Stadtregierung. Dennoch spielen die Bezirke im Alltag der Grazer eine wichtige Rolle: Bei kommunalpolitischen Diskussionen, bei der Planung neuer Kindergärten und Schulen, bei der Gestaltung öffentlicher Plätze und bei der Verkehrsplanung sind die Bezirksidentitäten ein wichtiger Bezugsrahmen.

Die Vielfalt der Bezirke - von der kleinen, hochverdichteten Inneren Stadt mit ihren 1,16 Quadratkilometern und 3.184 Einwohnern bis zum weitläufigen Andritz mit 18,47 Quadratkilometern und 19.351 Einwohnern, vom bürgerlichen Geidorf bis zum multikulturellen Gries, von der ländlichen Ries bis zum verkehrsgünstigen Jakominiplatz - macht den Reichtum der Grazer Stadtgeschichte aus. Jeder Bezirk erzählt seine eigene Geschichte: von mittelalterlicher Gründung, barocker Frömmigkeit, Bauernhöfen und Weinbau, Industrialisierung, Eingemeindung und modernen Wohnbauprojekten. Wer die Grazer Bezirke kennenlernt, versteht die Stadt besser - weil er sieht, dass Graz kein einheitlicher Organismus ist, sondern eine Summe aus Teilen mit eigener Herkunft und eigener Gegenwart.

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