Die Habsburger in Graz: Residenzstadt der Inneren Österreicher
Von Friedrich III. bis Ferdinand II.: Wie die Habsburger Graz zur Residenzstadt machten und die Innere österreichische Linie hier regierte.
Die Anfänge: Der Neuberger Teilungsvertrag 1379
Die habsburgische Herrschaft in der Steiermark beginnt 1282, als König Rudolf I. seinen Söhnen Albrecht und Rudolf die österreichischen Länder übertrug. Über ein Jahrhundert bildeten die Habsburger Stammlande eine gemeinsame Einheit, die von Wien aus verwaltet wurde. Graz war zunächst eine wichtige, aber nicht die wichtigste Stadt: Der Hauptsitz lag in Wien, und die Steiermark war Nebenland. Das änderte sich grundlegend mit dem Neuberger Teilungsvertrag vom 25. September 1379, in dem die Söhne Herzog Albrechts II., Albrecht III. und Leopold III., das Erbe aufteilten.
Nach dem Vertrag erhielt Albrecht III. die "oberen Länder" - Österreich unter und ob der Enns mit Wien als Residenz. Leopold III. bekam die "unteren Länder" - die Steiermark, Kärnten, Krain, Tirol, Vorderösterreich und das Küstenland -, eine riesige, aber zerstreute Herrschaft, die einen eigenen Residenzort brauchte. Leopold und seine Nachfolger wählten Graz als Sitz. Seit 1379 war Graz damit Residenz der "Leopoldiner", der innerösterreichischen Linie der Habsburger, und diese Stellung behielt die Stadt bis ins frühe siebzehnte Jahrhundert.
Friedrich III. und sein AEIOU
Der bedeutendste Habsburger des fünfzehnten Jahrhunderts war Friedrich III. (1415-1493). Er wurde 1452 in Rom vom Papst zum römisch-deutschen Kaiser gekrönt und war damit der letzte in Rom gekrönte Kaiser der deutschen Geschichte. Friedrich regierte rund dreiundfünfzig Jahre als römisch-deutscher König und Kaiser (ab 1440 König, ab 1452 Kaiser, bis zu seinem Tod 1493). Diese Regierungszeit ist die längste eines römisch-deutschen Herrschers - nur sein späterer Habsburgernachfahre Franz Joseph regierte als österreichischer Kaiser mit achtundsechzig Jahren noch länger.
Friedrich galt unter den zeitgenössischen Chronisten als zögerlich, passiv und wenig durchsetzungsfähig. Die Geschichtsschreibung des zwanzigsten Jahrhunderts hat dieses Bild korrigiert: Friedrich war ein geduldiger Taktiker, der die habsburgischen Positionen über Jahrzehnte konsequent verteidigte und am Ende seiner Regierungszeit entscheidende Erfolge verbuchte. Er verheiratete seinen Sohn Maximilian mit Maria von Burgund und legte damit den Grundstein für die spätere habsburgische Weltmacht, die unter Karl V. Länder in drei Erdteilen umfasste.
In Graz ließ Friedrich die Burg erheblich umbauen und erweitern. Am Grazer Dom, der unter seiner Regierung zu einer seiner wichtigsten Hofkirchen wurde, ließ er sein Monogramm AEIOU anbringen - die fünf Buchstaben, die bis heute auf zahlreichen Grazer Bauten sichtbar sind. Die Bedeutung des AEIOU ist bis heute umstritten: Friedrich selbst hinterließ keine authentische Erklärung. Die bekannteste Deutung "Austriae est imperare orbi universo" (Österreich ist dazu bestimmt, die ganze Welt zu regieren) gilt als späte Erfindung des sechzehnten Jahrhunderts; andere Deutungen sehen in den Buchstaben einen geistlichen oder persönlichen Wahlspruch. Friedrich starb 1493 in Linz und wurde in einem monumentalen Grabmal aus rotem Salzburger Marmor im Wiener Stephansdom beigesetzt.
Maximilian I. und die Doppelwendeltreppe
Friedrichs Sohn Maximilian I. (1459-1519) war ein Herrscher völlig anderer Prägung: kulturbegeistert, experimentierfreudig, militärisch aktiv, politisch ehrgeizig. Maximilian setzte die Heiratspolitik seines Vaters fort und erweiterte den habsburgischen Einflussbereich über Ungarn, Böhmen und Spanien. Unter ihm wurde Graz weiterhin als Residenz der innerösterreichischen Linie geführt, allerdings war Maximilian selbst oft unterwegs - in den Niederlanden, in Italien, am Oberrhein, in Tirol. Graz war für ihn eine von mehreren Residenzen, die er phasenweise nutzte.
Das wichtigste architektonische Zeugnis seiner Anwesenheit in Graz ist die gotische Doppelwendeltreppe in der Burg, die er 1499 errichten ließ. Die Treppe ist eine baukünstlerische Besonderheit: Zwei spiralförmige Treppenläufe drehen sich gegenläufig umeinander und treffen sich an bestimmten Punkten, ohne dass sich die beiden Wege jemals wirklich kreuzen. Sie gilt als eines der wenigen erhaltenen Beispiele dieser seltenen Bauform im deutschsprachigen Raum und als eines der Meisterwerke spätgotischer Steinmetzkunst. Die Inschrift über dem Eingang nennt Kaiser Maximilian als Bauherrn und das Jahr 1499 als Entstehungszeit. Informationen zur Besichtigung und zur Geschichte der Treppe finden sich unter Graz Tourismus.
Ferdinand I. und der Beginn der Bastionärmäßigen Befestigung
Nach Maximilians Tod 1519 teilten sich die Habsburger in zwei große Linien: die spanische Linie unter Karl V. und die österreichische Linie unter seinem Bruder Ferdinand I. (1503-1564). Ferdinand wurde 1521 Erzherzog von Österreich, 1526 König von Böhmen und Ungarn, und 1558 römisch-deutscher Kaiser. Seine Regierungszeit fiel in eine Phase intensiver osmanischer Bedrohung: Die Türkenkriege mit Sultan Süleyman dem Prächtigen dominierten seine Außenpolitik. 1532 erreichte eine osmanische Vorhut die Steiermark und stand vor Graz, ohne die Stadt jedoch einnehmen zu können.
Unter Ferdinand und seinen Nachfolgern wurde die Grazer Stadtbefestigung systematisch zu einer bastionären Festung umgebaut. Italienische Festungsbaumeister, unter ihnen Domenico dell'Allio aus Lugano, planten und leiteten die Arbeiten. Der Landhaushof, Sitz der steiermärkischen Landstände, entstand zwischen 1557 und 1565 nach Plänen dell'Allios und wurde zum wichtigsten Renaissance-Bau der Stadt. Dell'Allio starb 1563 vor Vollendung des Werks; sein Gehilfe und Nachfolger Pietro Paolo Monterone führte die Bauten zu Ende. Der Landhaushof gilt bis heute als eines der bedeutendsten Renaissance-Ensembles nördlich der Alpen.
Karl II. und die innerösterreichische Hauptstadt
Nach Ferdinands Tod 1564 wurde das habsburgische Erbe wiederum geteilt. Sein Sohn Karl II. (1540-1590) erhielt die innerösterreichischen Länder - Steiermark, Kärnten, Krain und das Küstenland - und residierte fest in Graz. Unter Karl II. wurde Graz zur endgültigen Hauptstadt eines eigenständigen innerösterreichischen Herrschaftsgebietes, das formal zum Heiligen Römischen Reich gehörte, aber eine weitgehende Verwaltungsautonomie besaß. Der Hof Karls II. war international, mehrsprachig und kulturell aktiv. In dieser Phase kam Johannes Kepler, der später als Astronom Weltruhm erlangen sollte, nach Graz.
Kepler war zwischen 1594 und 1600 als Lehrer an der protestantischen Stiftsschule in Graz angestellt. Er lebte in der Stempfergasse, gab Unterricht in Mathematik und veröffentlichte 1596 sein erstes großes Werk "Mysterium Cosmographicum", in dem er die Struktur des Sonnensystems durch einander einbeschriebene regelmäßige Polyeder zu erklären versuchte. Die Drucklegung erfolgte in Tübingen, doch das Manuskript entstand in Graz. Als Protestant musste Kepler die Stadt 1600 verlassen, als Erzherzog Ferdinand II. die Gegenreformation in Innerösterreich einleitete.
Ferdinand II. und die Gegenreformation
Ferdinand II. (1578-1637) war der bedeutendste und umstrittenste der Grazer Habsburger. 1590, nach dem frühen Tod seines Vaters Karl II., war Ferdinand erst zwölf Jahre alt und stand unter Vormundschaft. 1596 übernahm er die volle Regierung der innerösterreichischen Länder. Er war streng katholisch erzogen, hatte in Ingolstadt studiert und sah es als seine religiöse Pflicht, die Protestanten aus seinen Ländern zu verdrängen.
Ab 1598 begann Ferdinand mit der systematischen Gegenreformation in Innerösterreich. Protestantische Prediger wurden aus Graz verbannt, evangelische Bücher verbrannt, Kirchen geschlossen, der Adel unter Druck gesetzt. Bürger, die sich nicht zum Katholizismus bekehren wollten, mussten das Land verlassen und durften ihr Vermögen nur unter großen Einbußen mitnehmen. Johannes Kepler war einer von ihnen - er ging nach Prag und wurde dort Hofmathematiker bei Kaiser Rudolf II.
1619 wurde Ferdinand II. zum römisch-deutschen Kaiser gewählt. Mit der Kaiserwahl verlagerte sich das politische Zentrum nach Wien; die innerösterreichische Residenz in Graz blieb formal bestehen, verlor aber Schritt für Schritt ihre Bedeutung. Ferdinand war auch einer der Hauptakteure des Dreißigjährigen Kriegs (1618-1648), der auf seine harte katholische Linie maßgeblich zurückgeht. Die böhmischen Stände entzogen ihm 1619 die Anerkennung, was zum Ausbruch des Krieges führte.
Das Mausoleum Ferdinands II. in Graz
Das bedeutendste Bauwerk, das Ferdinand II. in Graz hinterließ, ist sein Mausoleum in der Burggasse. Es steht unmittelbar neben dem Grazer Dom und wurde ab 1614 nach Plänen des italienischen Architekten Giovanni Pietro de Pomis (1569/70-1633) errichtet. De Pomis war Hofmaler und Hofarchitekt Ferdinands und zeichnete auch für andere habsburgische Bauprojekte verantwortlich, darunter den Grundstein des Schlosses Eggenberg.
Nach de Pomis' Tod 1633 übernahm Pietro Valnegro die Bauleitung und führte das Mausoleum bis auf die wesentlichen Strukturen zu Ende. Die prachtvolle Innenausstattung mit Fresken, Stuckarbeiten und Marmoraltären entwarf Johann Bernhard Fischer von Erlach, der berühmte österreichische Barockarchitekt, ab etwa 1687. Die Fertigstellung der Gesamtanlage zog sich bis 1714. Damit waren am Mausoleum mindestens drei Generationen von Architekten beteiligt. Das Ergebnis ist eines der bedeutendsten manieristisch-barocken Grabmal-Ensembles des Habsburger Reiches. Ferdinand II. wurde hier beigesetzt; sein Grab ist bis heute öffentlich zugänglich. Das Universalmuseum Joanneum betreut die Sammlungen und dokumentiert die kunsthistorische Bedeutung des Mausoleums und anderer innerösterreichischer Bauten der Habsburger Zeit.
Die weiteren Habsburger: Leopold I. bis Maria Theresia
Nach dem Abzug des Regierungssitzes unter Ferdinand II. war Graz keine Residenz mehr, sondern eine Landeshauptstadt, die in den Fachschriften als "Provinzhauptstadt" bezeichnet wurde. Die weiteren Habsburger des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts - Leopold I., Josef I., Karl VI., Maria Theresia, Joseph II. - regierten von Wien aus, doch sie besuchten Graz gelegentlich bei Durchreisen oder offiziellen Anlässen. Der Statthalter der inneren Österreichischen Länder residierte in der Grazer Burg und vertrat den Kaiser in der Verwaltung der Region.
Maria Theresia (1717-1780) und ihr Sohn Joseph II. (1741-1790) leiteten bedeutende Reformen ein, die auch Graz veränderten. Die Auflösung der Jesuitenorganisation 1773, die Säkularisierung zahlreicher Klöster, die Schleifung der Stadtbefestigung ab 1784 und die Einführung neuer Verwaltungsstrukturen prägten das Stadtbild. Das 1782 erlassene Toleranzedikt Josephs II. gewährte den Protestanten begrenzte Religionsfreiheit und beendete damit formal die harten Jahrzehnte der Gegenreformation, auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung längst katholisch war.
Erzherzog Johann - der steirische Habsburger
Der letzte große Habsburger Graz war Erzherzog Johann (1782-1859), der jüngere Bruder des Kaisers Franz II./I. Johann war kein Regent, sondern ein Prinz des Kaiserhauses mit starken persönlichen Bindungen zur Steiermark. Er bereiste ab 1802 systematisch die Alpenländer, dokumentierte Geologie, Landwirtschaft und bäuerliche Lebensverhältnisse und engagierte sich persönlich in der Wirtschaft der Obersteiermark. 1811 stiftete er den steiermärkischen Landständen seine eigene naturwissenschaftliche Sammlung als Grundlage für das erste öffentliche Museum der österreichischen Monarchie - das Joanneum, das nach ihm benannt ist. Das heutige Universalmuseum Joanneum geht in direkter Linie auf diese Stiftung zurück.
Johann heiratete 1829 Anna Plochl, die Tochter des Postmeisters von Bad Aussee. Die Ehe war nach habsburgischem Familienrecht nicht standesgemäß und wurde nur nach jahrelangem Ringen mit dem Kaiser gestattet. Anna wurde erst 1844 zur Gräfin von Meran erhoben; aus der Ehe ging ein einziger Sohn hervor, Franz Graf von Meran. Johann lebte teils im Palais Meran in der Leonhardstraße, teils auf seinem Landgut Brandhof am Seeberg. Von 1850 bis 1858 war er Bürgermeister von Stainz in der Weststeiermark und engagierte sich auch in Graz für wichtige städtische Reformen, darunter die Anfänge der Grazer Wasserversorgung und die Planung neuer Verkehrswege.
1848 berief die Frankfurter Nationalversammlung Johann zum Reichsverweser des neu gegründeten deutschen Nationalstaats. Er trat sein Amt am 12. Juli 1848 an und war bis 20. Dezember 1849 provisorisches Staatsoberhaupt des in Entstehung befindlichen Bundesreichs. Nach dem Scheitern der deutschen Einigung 1848/49 kehrte er nach Graz zurück und widmete sich weiter seinen wissenschaftlichen, landwirtschaftlichen und industriellen Projekten. Johann starb am 11. Mai 1859 in Graz und wurde in der Familiengrabstätte seiner Nachkommen in Schenna bei Meran in Südtirol beigesetzt.
Das Ende der Habsburger-Ära
Die Habsburger-Ära in Graz endete mit dem Zusammenbruch der Monarchie im November 1918. Kaiser Karl I. verzichtete am 11. November 1918 auf "jeden Anteil an den Geschäften des Staates", und am 12. November wurde die Republik Deutschösterreich ausgerufen. Die habsburgischen Residenzen gingen in das Eigentum der Republik über. Die Grazer Burg wurde 1919 Sitz der Steiermärkischen Landesregierung, Schloss Eggenberg wurde staatliches Kulturerbe, das Palais Meran ging an die Universität für Musik und darstellende Kunst Graz, das Joanneum blieb in der Obhut der steiermärkischen Landstände beziehungsweise des Landes Steiermark. Alle diese Bauten und Institutionen haben die Jahrhunderte habsburgischer Präsenz in der Stadt überdauert.
Die Habsburger sind in Graz bis heute präsent. Der Erzherzog-Johann-Brunnen am Hauptplatz, errichtet 1878, erinnert an den beliebten "steirischen Prinzen". Die Herz-Jesu-Kirche und zahlreiche andere Kirchen, die während der Gegenreformation und der Barockzeit entstanden sind, stehen in direkter Verbindung zur habsburgischen Kulturpolitik. Das Mausoleum Ferdinands II., der Landhaushof, die Burg, Schloss Eggenberg und das Joanneum sind alle habsburgische Gründungen oder Stiftungen. Wer Graz verstehen will, muss die habsburgische Geschichte verstehen - nicht als fremde Dynastie, sondern als Teil der Stadt selbst, die ohne sie weder ihre Substanz noch ihre Gestalt hätte.