GRAZ JOURNAL

Graz 2003: Kulturhauptstadt Europas

2003 war Graz als erste österreichische Stadt europäische Kulturhauptstadt. Ein Rückblick auf das Jahr, das der Stadt Kunsthaus, Murinsel und internationale Sichtbarkeit brachte.

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Graz 2003: Kulturhauptstadt Europas

Der Weg zur Kulturhauptstadt: Von der Idee zur Entscheidung

Die Grazer Bewerbung um den Titel "Kulturhauptstadt Europas" begann in den mittleren neunziger Jahren. Das Konzept der Europäischen Kulturhauptstadt war 1985 auf Vorschlag der griechischen Kulturministerin Melina Mercouri eingeführt worden und begann mit Athen. Weitere österreichische Städte wie Salzburg haben zwar bei späteren Vergaben Interesse gezeigt, konnten sich jedoch nicht durchsetzen - Salzburg war nie Kulturhauptstadt Europas, entgegen einem weit verbreiteten Missverständnis.

Graz war damit 2003 die erste österreichische Stadt mit dem Titel. Die formelle Entscheidung der Europäischen Union fiel bereits 1997, sechs Jahre vor der Umsetzung. Der damalige Bürgermeister Alfred Stingl (SPÖ) und sein Kulturreferent Helmut Strobl arbeiteten gemeinsam mit dem Land Steiermark und zahlreichen Grazer Kulturinitiativen an der Bewerbung. Die zentrale Idee war es, Graz von einer Provinzhauptstadt mit historischem Erbe zu einem modernen Zentrum zeitgenössischer Kunst und Kultur zu entwickeln.

Im Jahr 2003 trug Graz den Titel zunächst allein. Die gleichzeitige Vergabe an mehrere Städte ist eine Praxis, die erst später üblich wurde - Riga beispielsweise war 2014 Kulturhauptstadt und nicht 2003 wie gelegentlich fälschlich behauptet. Graz war das alleinige europäische Zentrum der Kulturhauptstadt-Aktivitäten im Jahr 2003 und hatte zwölf Monate lang die ungeteilte Aufmerksamkeit der europäischen Kulturinstitutionen.

Das Budget und die Organisation

Das Gesamtbudget von Graz 2003 belief sich auf rund 59,9 Millionen Euro. Davon kamen etwa zwanzig Millionen aus städtischen Mitteln, zwanzig Millionen vom Land Steiermark, fünf Millionen vom Bund, knapp eine Million aus EU-Fördermitteln und der Rest aus Sponsoring, Ticketverkäufen und privaten Zuwendungen. Das Budget machte Graz 2003 zu einer der größer dotierten Kulturhauptstädte seiner Zeit, auch wenn es im Vergleich zu späteren Großprojekten wie Istanbul 2010 oder Liverpool 2008 bescheiden war.

Die Organisation übernahm die eigens gegründete "Graz 2003 - Kulturhauptstadt Europas Organisations-GmbH", geleitet vom deutschen Kulturmanager Wolfgang Lorenz, der zuvor ähnliche Projekte in Deutschland und Österreich begleitet hatte. Lorenz etablierte eine schlanke Projektstruktur mit verschiedenen Programmbereichen: bildende Kunst, Literatur, Musik, Theater und Performance, Film, öffentlicher Raum, Wissenschaft. Für jeden Bereich wurden Kuratoren berufen, die Einzelprojekte entwickelten oder internationale Kooperationen einleiteten.

Zusätzlich zum Programmbudget investierte die Stadt in bauliche Infrastrukturprojekte, die zum Kulturjahr fertig werden sollten. Die wichtigsten davon waren das Kunsthaus Graz, die Murinsel, das Helmut-List-Haus (eine Konzertarena in einer umgebauten Fabrikhalle), die Sanierung der Grazer Oper, die Umgestaltung des Schlossbergs und die Revitalisierung des Joanneumsviertels. Die Baukosten dieser Infrastrukturprojekte lagen zusätzlich zum Programmbudget bei mehreren hundert Millionen Euro und wurden über mehrere Jahre aus verschiedenen öffentlichen Töpfen finanziert.

Das Kunsthaus Graz: Der "Friendly Alien"

Das wichtigste bauliche Projekt von Graz 2003 ist das Kunsthaus Graz am Lendkai, am rechten Ufer der Mur gegenüber der Altstadt. Es wurde von den britischen Architekten Peter Cook und Colin Fournier entworfen. Cook war Mitglied der experimentellen Architektengruppe "Archigram". Das Gebäude hat eine biomorphe Form - eine weiche, blobartige Außenhülle aus blauen Akrylglaspaneelen - und setzt sich bewusst gegen die historischen Bauten der Altstadt ab, ohne sie zu dominieren. Die Grazer nennen es affektionär "Friendly Alien".

Bautechnisch ist das Kunsthaus eine Stahl-Beton-Konstruktion, die von einem älteren Bestandsbau (dem Eisernen Haus aus dem Jahr 1848) teilweise getragen wird. Die blaue Außenhülle besteht aus 1.066 Acrylpaneelen, die durch eine Stahlrahmenstruktur gehalten werden. Das Highlight ist die BIX-Medienfassade - ein in die Außenhülle integriertes Display aus 930 fluoreszierenden Ringen, die zu Animationen, Bildern und Grafiken gesteuert werden können. BIX steht für "Big Pixels". Die Fassade kann von Künstlern für Projekte genutzt werden und ist abends weithin sichtbar.

Das Kunsthaus wurde am 27. September 2003 eröffnet und ist seither ein Bestandteil des Universalmuseums Joanneum. Seine Ausstellungen widmen sich zeitgenössischer Kunst mit internationalem Anspruch und wechseln zwei bis drei Mal im Jahr. Das Kunsthaus Graz ist heute eine der meistbesuchten Kunstinstitutionen Österreichs außerhalb Wiens und internationale Referenz für experimentelle Architektur.

Die Murinsel: Vito Acconcis schwimmende Bühne

Das zweite prominente bauliche Projekt von Graz 2003 war die Murinsel - eine schwimmende Plattform in der Mur, verbunden mit den beiden Ufern durch Brücken. Entworfen wurde sie vom New Yorker Künstler und Architekten Vito Acconci (1940-2017), der international für seine experimentellen Raumkonzepte bekannt war. Die Murinsel sollte die beiden Murufer verbinden, den Fluss in den öffentlichen Raum integrieren und ein Zeichen der Transformation von Graz setzen.

Die Struktur besteht aus einer etwa 50 mal 20 Meter großen Plattform, die die Form einer Muschel oder eines Segels hat. Im Inneren befinden sich ein Café, ein kleines Amphitheater und eine Spielplatzzone für Kinder. Die Murinsel wurde im April 2003 eröffnet und sollte ursprünglich nur für das Kulturhauptstadtjahr bestehen bleiben. Ihr Erfolg bei Besuchern und Grazer Bevölkerung führte dazu, dass die Stadt entschied, sie auf Dauer zu erhalten. Heute ist die Murinsel eines der bekanntesten Wahrzeichen von Graz und ein beliebter Treffpunkt.

Die Konstruktion hat allerdings immer wieder Wartungsaufwand erfordert. Das Hochwasser der Mur, die Wetterbedingungen und die intensive Nutzung als Café und Veranstaltungsort machen regelmäßige Sanierungen notwendig. In den Jahren 2018, 2020 und 2022 wurden größere Instandhaltungsarbeiten durchgeführt. Die Stadt Graz trägt die Betriebskosten und betreut die Murinsel gemeinsam mit der Holding Graz.

Das Kulturprogramm: Musik, Literatur, Theater, Wissenschaft

Das Programm von Graz 2003 umfasste mehr als einhundert Einzelprojekte in den Bereichen Musik, bildende Kunst, Literatur, Theater, Film und Wissenschaft. Einige Highlights: Die Eröffnungsveranstaltung am 11. Jänner 2003 unter dem Motto "Licht und Klang" mit einem spektakulären Feuerwerk über dem Schlossberg und einer Klanginstallation im gesamten Stadtzentrum. Die Ausstellung "M_ARS: Kunst und Krieg" im Neuen Kunsthaus, die sich mit den Ästhetiken militärischer Gewalt auseinandersetzte. Das Literaturfestival "Graz 03 Literatur" mit Lesungen internationaler Autoren. Die Musikreihe "Klangkunst" mit neuer Musik im Helmut-List-Haus.

Einen Schwerpunkt bildeten Projekte im öffentlichen Raum. Die Künstlerin Rebecca Horn installierte an zentralen Plätzen der Altstadt bewegliche Skulpturen aus Metall. Der britische Lichtkünstler James Turrell gestaltete im Grazer Dom eine temporäre Lichtinstallation. Die spanische Architektin Cecilia Puga leitete ein Projekt zur temporären Umgestaltung öffentlicher Plätze. Jeder Stadtteil sollte durch mindestens ein großes Projekt beteiligt werden, und die sogenannten "Volxkulturen" sollten auch weniger etablierte Kulturformen einbeziehen.

Das Kulturprogramm wurde teilweise kritisch aufgenommen. Manche Grazer Bürger fanden, dass die internationalen Projekte wenig Bezug zur eigenen Stadt hatten; andere kritisierten die hohen Kosten für Infrastrukturprojekte. Die Kulturhauptstadt-Organisation reagierte mit einer intensiven Öffentlichkeitsarbeit, regelmäßigen Infoveranstaltungen und einem dichten Netz von Workshops, Vorträgen und Diskussionen.

Die Eröffnung am 11. Jänner 2003 und die Besucherzahlen

Die offizielle Eröffnung des Kulturhauptstadtjahres fand am 11. Jänner 2003 auf dem Hauptplatz von Graz statt. Zehntausende Menschen kamen trotz winterlicher Temperaturen in die Stadt, um das Spektakel mitzuerleben. Eine Klanginstallation mit Lautsprechern an zahlreichen Plätzen der Innenstadt, ein Feuerwerk über dem Schlossberg, Reden des Bürgermeisters Alfred Stingl und des Landeshauptmanns Waltraud Klasnic sowie musikalische Darbietungen eröffneten das Jahr. Das Eröffnungswochenende zog nach offiziellen Schätzungen rund 180.000 Besucher in die Stadt.

Insgesamt verzeichnete Graz im Kulturhauptstadtjahr 2003 einen Zuwachs von rund zwei Millionen zusätzlichen Besuchern im Vergleich zu den Vorjahren. Die Übernachtungszahlen stiegen um fast dreißig Prozent, die Einzelhandelsumsätze der Innenstadt legten deutlich zu, und das Grazer Gastgewerbe verzeichnete eines der erfolgreichsten Jahre seiner jüngeren Geschichte. Die Statistiken zur wirtschaftlichen Wirkung des Kulturjahres wurden später vom Statistischen Zentralamt Österreich und vom Joanneum Research-Institut für Wirtschaftsforschung ausgewertet.

Das Helmut-List-Haus und die neue Musikkultur

Ein weiteres bedeutendes Projekt von Graz 2003 war die Errichtung des Helmut-List-Hauses in einer ehemaligen Fabrikhalle am Waagner-Biro-Straße. Das Gebäude, benannt nach dem AVL-Firmenpatron Helmut List, wurde zur Konzert- und Veranstaltungsarena umgebaut und zog besonders Liebhaber neuer Musik und experimenteller Klangkunst an. Das Helmut-List-Haus ist seit 2003 ein zentraler Aufführungsort des Grazer Musikfestivals "Klangkunst" und des Steirischen Herbsts.

Weitere musikalische Höhepunkte des Kulturjahres waren die Uraufführungen neuer Opern an der Grazer Oper, die in enger Kooperation mit der Oper Graz und dem Universalmuseum Joanneum stattfanden, sowie eine Reihe internationaler Gastspiele. Das Grazer Konzerthaus im Stefaniensaal und der Orpheum in der Orpheumgasse boten die gesamte Spannweite zwischen Klassik, Jazz und experimenteller Musik.

Das langfristige Erbe: Was Graz 2003 hinterlassen hat

Das wichtigste Erbe von Graz 2003 ist das bauliche. Das Kunsthaus und die Murinsel sind zwei Wahrzeichen der Stadt geworden, die das Stadtbild nachhaltig verändert haben. Das Helmut-List-Haus hat sich als Aufführungsort etabliert, die Grazer Oper wurde saniert, und zahlreiche Grazer Kulturorte erhielten bauliche Aufwertungen. Das Joanneumsviertel, in dem das Grazer Museum für Geschichte, das Neue Kunsthaus und die Alte Galerie untergebracht sind, wurde in den Folgejahren umfassend modernisiert und 2011 zum 200-jährigen Jubiläum des Joanneums neu eröffnet.

Weniger sichtbar, aber wichtig, war der Imagewandel von Graz. Die Stadt wurde von einer bürgerlichen Provinzhauptstadt mit historischem Erbe zu einer modernen Kulturstadt mit Ruf für zeitgenössische Kunst. Diese Wahrnehmung wirkt bis heute nach. Graz wird in internationalen Stadtvergleichen, Kulturrankings und Tourismuspublikationen regelmäßig zu den wichtigen österreichischen Destinationen gerechnet. Die Stadt ist Sitz mehrerer internationaler Festivals, darunter der Steirische Herbst (gegründet 1968 aus dem Umfeld des Forum Stadtpark von 1959/1960), das "Musikprotokoll", das "Elevate Festival" und das "Diagonale Filmfestival".

Die Arbeit der Kulturhauptstadt-Organisation endete am 31. Dezember 2003. Die Räumlichkeiten der Organisation wurden aufgelöst, die Mitarbeiter gingen in andere Kulturinstitutionen. Das Kunsthaus Graz wurde dem Universalmuseum Joanneum angegliedert. Die Murinsel ging in die Verwaltung der Stadt Graz und der Holding Graz über. Seither ist Graz 2003 Teil der städtischen Geschichte, nicht mehr eines aktuellen Projekts.

Kritische Rezeption und aktuelle Diskussion

Die Bilanz von Graz 2003 ist nicht durchweg positiv. Kritiker weisen darauf hin, dass viele der internationalen Projekte wenig bleibende Spuren in der Grazer Szene hinterlassen haben. Die hohen Baukosten für das Kunsthaus und die Murinsel waren umstritten, die Folgekosten sind bis heute ein Thema in der Stadtpolitik. Einige Kulturinitiativen, die sich besonders für Graz 2003 engagiert hatten, fühlten sich in den Folgejahren alleingelassen, weil die politische Aufmerksamkeit nachließ und die Budgets für Gegenwartskunst reduziert wurden.

Trotz dieser Kritik gilt Graz 2003 in der EU-Kulturhauptstadt-Geschichte als einer der erfolgreicheren Jahrgänge. Vergleichsstudien der EU zeigen, dass die touristische und wirtschaftliche Wirkung auch zehn Jahre nach dem Kulturjahr messbar war. Die Stadt hat es geschafft, das Momentum zumindest teilweise zu erhalten und das Kulturhauptstadt-Label langfristig in ihre Identität zu integrieren. Offizielle Daten zu den EU-Kulturhauptstädten und ihrem Erbe stellt die Österreichische UNESCO-Kommission im weiteren Zusammenhang mit Kulturerbeprojekten bereit.

Die Verbindung zwischen Kulturhauptstadt 2003 und UNESCO-Welterbe 1999 ist übrigens kein Zufall. Beide Auszeichnungen kamen innerhalb von vier Jahren und prägten das Bild der Stadt, das sich heute vermittelt: eine historische Altstadt mit UNESCO-Status, ergänzt durch mutige Zeitgenössisches, das die Moderne nicht fürchtet. Graz ist damit eine Stadt geworden, in der sich mittelalterliche Bürgerhäuser und manieristische Paläste neben biomorphen Kunsthäusern und schwimmenden Mur-Plattformen behaupten. Es ist diese Spannung, aus der die Grazer Identität des einundzwanzigsten Jahrhunderts ihre Energie bezieht.

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