Der Grazer Dom St. Ägidius: Geschichte und Architektur
Der Grazer Dom St. Ägidius: Gotische Hofkirche Friedrichs III., Landplagenfresko von 1485, barocke Brauttruhen der Paola Gonzaga und Bischofskirche seit 1786.
Vom Frühchristentum zum Bauauftrag Friedrichs III.
Urkundlich erwähnt ist eine dem heiligen Ägidius geweihte Kirche an dieser Stelle erstmals 1174. Der heilige Ägidius - im Deutschen auch "Ägyd" oder "Gilles" genannt - war im Mittelalter einer der Vierzehn Nothelfer und Patron der Viehhirten, Stillenden und gegen die Pest. Von jener ersten Kirche ist heute nichts mehr erhalten. Es handelt sich um einen romanischen Bau mit drei Schiffen, der vermutlich auf einem noch älteren Sakralbau errichtet wurde. Fragmente davon wurden bei archäologischen Grabungen im 19. und 20. Jahrhundert gefunden; im Hintergrund des Heuschreckenbildes auf dem Landplagenfresko erkennt man wahrscheinlich die romanische Vorgängerkirche.
Die für den heutigen Dom entscheidende Wende kam 1438, als Friedrich III., der bereits als Herzog von Innerösterreich von Graz aus regierte, einen vollständigen Neubau der alten Ägidienkirche anordnete - als Pfarr- und Hofkirche des Herrschers, direkt an die Grazer Burg angebaut. 1440 wurde Friedrich III. zum römisch-deutschen König gewählt. Die Bauleitung übernahm vermutlich der vermutlich in Graz geborene Hans Niesenberger. Die Arbeiten zogen sich über mehr als zwei Jahrzehnte hin; um 1464 war der Dom im Wesentlichen fertig. Er gilt heute laut dem Portal der Dompfarre Graz als eines der bedeutendsten spätgotischen Bauwerke Österreichs.
Ein besonderes Detail verweist auf die Ambitionen des Bauherren: Friedrichs Wahlspruch "A.E.I.O.U.", jene fünf Buchstaben, deren genaue Bedeutung bis heute nicht eindeutig geklärt ist ("Austria Est Imperare Orbi Universo", "Alles Erdreich Ist Österreich Untertan" oder "All Ehr Ist Ottos Untertan" sind nur einige der vorgeschlagenen Auflösungen), findet sich an mehreren Stellen an und im Dom. Sichtbar in der Vorhalle, am Äußeren und im Inneren - eine Form von kaiserlicher Signatur im Stein.
Das Landplagenfresko: Die älteste Ansicht von Graz
An der Südfassade des Doms, links vom Eingang, befindet sich das berühmteste Fresko der Kirche: das sogenannte "Gottesplagenbild" oder "Landplagenbild". Es wurde im Jahr 1485 gemalt; als Auftraggeber gelten die Grazer Bürger, die damit drei "Plagen" des Jahres 1480 gedenken wollten, die die Stadt und die Region trafen: den Einfall der Osmanen (die sogenannten Türkenplagen), eine Heuschreckeninvasion und eine Pestepidemie. Das Bild ist als Votivbild zu verstehen, ein Dank für die Verschonung durch die Fürsprache der Heiligen.
Die Darstellung ist in drei Felder gegliedert. Auf der linken Seite sieht man eine Schlacht gegen die Osmanen, in der Mitte die Heuschreckenplage, rechts die Pestopfer. Im Hintergrund des Türkenbildes ist eine Stadtansicht zu erkennen, die laut Forschung die älteste erhaltene bildliche Darstellung von Graz ist: Schloßberg, Stadtmauer, Dom und Türme sind identifizierbar. Nach einer ausführlichen Analyse des Grazer Fresken-Bestands durch die Österreichische Akademie der Wissenschaften im Rahmen ihres Türkengedächtnis-Projekts wird das Werk Thomas von Villach (eigentlich Thomas Artula) zugeschrieben, einem der bedeutendsten spätgotischen Maler in den österreichischen Erblanden. Die Zuschreibung ist nicht unumstritten, da der Maler nur wenige gesicherte Werke hinterlassen hat. Das Fresko ist heute stark verblasst, aber restauriert; ein schützendes Gitter bewahrt es vor weiteren Witterungsschäden.
Auf der Nordwand der Kirche befinden sich außerdem zwei weitere, im späten 15. Jahrhundert entstandene monumentale Christophorus-Darstellungen. Eines der Fresken zeigt den Heiligen mit den Gesichtszügen Friedrichs III. - sichtbar an dem charakteristischen Herzogshut. Damit verknüpft der Maler die Bauherrenschaft des Kaisers mit dem christlichen Schutzgedanken.
Jesuiten und Barockisierung
Im Jahr 1577 übergab Erzherzog Karl II. von Innerösterreich, der Vater Kaiser Ferdinands II., die Ägidienkirche dem Jesuitenorden. Die Jesuiten hatten gerade ihr Grazer Kolleg und die Universität gegründet und benötigten eine repräsentative Kirche. Unter ihrer Obhut wurde die Kirche zur Hochschulkirche der Universität Graz und erhielt über das 17. und 18. Jahrhundert hinweg mehrere Umgestaltungen im Geschmack des Barock.
Der bedeutendste Eingriff dieser Zeit ist der barocke Hochaltar, errichtet um 1730. Er ersetzt den ursprünglich gotischen Altar und zeigt in monumentaler Form eine Darstellung des heiligen Ägidius mit der Hirschkuh, die den Heiligen einer Legende nach vor dem Jäger rettete. Die Seitenaltäre, Kanzel und Empore folgen ebenfalls dem Barockgeschmack der Jesuiten; die ursprünglich gotische Raumwirkung ist im Inneren des Doms dadurch nur noch teilweise erkennbar. Die Orgel auf der Westempore stammt aus dem 19. Jahrhundert und wurde mehrfach umgebaut; sie umfasst heute rund 3.000 Pfeifen und wird regelmäßig für liturgische Dienste und Kirchenkonzerte genutzt.
Die Brauttruhen der Paola Gonzaga
Die wohl kostbarsten Kunstwerke im Inneren des Doms sind zwei Reliquienschreine, die ursprünglich als Hochzeitstruhen einer italienischen Fürstentochter dienten. 1477 heiratete Paola Gonzaga, Tochter des Markgrafen Ludwig III. von Mantua, Graf Leonhard von Görz. Sie brachte aus ihrer Heimatstadt Mantua zwei prächtige Truhen mit, die später ihrem Ehemann auf Schloss Bruck bei Lienz dienten. Die Truhen sind aus Eichenholz gefertigt und tragen je drei Reliefs aus Knochen und Elfenbein, die nach italienischen Vorbildern der Frührenaissance gestaltet sind. Sie zeigen die sechs "Triumphe" Francesco Petrarcas: der Triumph der Liebe, der Keuschheit, des Todes, des Ruhmes, der Zeit und der Ewigkeit.
Nach dem Tod des kinderlosen Ehepaares gingen die Truhen in den Besitz des Stifts Millstatt in Kärnten über, das Erzherzog Ferdinand um 1598 den Jesuiten übertrug - als finanzielle Grundlage für die Gründung der Grazer Universität. Als Papst Paul V. dem Grazer Dom 1617 Reliquien schenkte, ließen die Jesuiten die Truhen aus Millstatt nach Graz bringen und als Reliquienschreine umfunktionieren. Seither stehen sie an der Westseite des Langhauses, links und rechts vom Eingang, und zählen zu den bedeutendsten Elfenbeinarbeiten der italienischen Frührenaissance, die außerhalb Italiens erhalten sind. Für Kunsthistoriker ist der Weg dieser Truhen von Mantua über Lienz und Millstatt nach Graz ein Paradebeispiel für die Verflechtung des mittel- und süditalienischen Adels mit dem habsburgischen Österreich.
Kathedrale seit 1786
Einen neuen Rang bekam der Dom im Jahr 1786, als Kaiser Joseph II. im Zuge seiner kirchlichen Reformen den Bischofssitz der Diözese von Seckau nach Graz verlegte. Von da an war die bisherige Hofkirche auch Kathedrale und Bischofssitz der Diözese, die seither "Graz-Seckau" heißt (eine Doppelbezeichnung, die auf den ursprünglichen Sitz in der Basilika Seckau im obersteirischen Bezirk Leoben hinweist). Die Diözese Graz-Seckau ist laut Angaben der Katholischen Kirche Steiermark heute für rund 790.000 Katholiken zuständig und umfasst geografisch die gesamte Steiermark.
Als Folge der josephinischen Reformen wurde 1830 auch der Pfarrfriedhof rund um den Dom aufgelassen und eingeebnet. 1853/1854 ließ man den Verbindungsgang zwischen Dom und Grazer Burg abbrechen; seither steht der Dom frei. Die Nordseite, die vorher durch den Verbindungsgang verdeckt war, wurde nach dem Abbruch sichtbar und freigelegt. Seit dem frühen 20. Jahrhundert wurden mehrere Restaurierungen durchgeführt, zuletzt im Zusammenhang mit dem 800-jährigen Jubiläum der Diözese im Jahr 2018.
Der Dom im heutigen Alltag
Der Grazer Dom ist eine lebendige Pfarrkirche mit rund 6.500 zur Pfarre Graz-Dom gehörenden Gläubigen. Neben dem täglichen Pfarrbetrieb ist die Kirche auch Bischofskirche, was bedeutet, dass die wichtigen liturgischen Feiern der Diözese hier stattfinden: Bischofsweihen, Priesterweihen, das Pontifikalamt an Hochfesten und die sogenannte Chrisam-Messe am Gründonnerstag, bei der die Heiligen Öle für alle Pfarren der Diözese geweiht werden. Hinzu kommen Staatsakte mit religiösem Charakter, etwa das Te Deum zu Beginn eines neuen Jahres oder die Messe am steirischen Landesfeiertag (15. September, Maria Namen).
Der Domchor Graz - gegründet im Jahr 1921 - singt regelmäßig bei Sonn- und Festtagsgottesdiensten. Im Programmablauf der Diözese sind in der Regel auch einige Kirchenkonzerte pro Saison eingeplant, zumeist mit klassischer geistlicher Musik (Mozart-Messen, Bachs "Weihnachtsoratorium" zur Adventszeit, Haydns "Schöpfung" im Frühjahr). Die Eintrittspreise bewegen sich meist zwischen 20 und 45 Euro, ermäßigt ab 12 Euro.
Besichtigung: Öffnungszeiten, Eintritt, Zugänge
Der Dom ist täglich von 7 bis 19 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist kostenlos. Während der Gottesdienste (Montag bis Samstag 9.00 und 18.30 Uhr, Sonntag 10.00, 11.30 und 18.30 Uhr) ist das Besichtigen nicht möglich. Außerhalb der Messzeiten kann die Kirche frei besucht werden; nur der Altarraum ist durch eine Balustrade abgetrennt. Fotografieren ohne Blitz ist erlaubt, bei Gottesdiensten und Konzerten untersagt.
Geführte Touren werden vom Verein der Dompfarre angeboten, jeden Freitag um 15 Uhr (Dauer rund 60 Minuten, Unkostenbeitrag 5 Euro, Treffpunkt am Haupteingang). Thematische Spezialführungen zum Landplagenfresko, zu den Brauttruhen oder zur Jesuitenzeit finden unregelmäßig statt; Termine sind auf der offiziellen Seite der Dompfarre zu finden. Für Gruppen ab zehn Personen können individuelle Führungen auch in englischer, italienischer und französischer Sprache gebucht werden.
Der Dom ist auch Station der offiziellen Graz-Tourismus-Rundgänge zur Grazer Stadtkrone und Teil des UNESCO-Welterbes der Grazer Altstadt, das seit 1. Dezember 1999 besteht und 2010 um Schloss Eggenberg erweitert wurde. Innerhalb der Stadtkrone bildet der Dom mit dem benachbarten Mausoleum Ferdinands II. (an der Südseite), der Burg (im Nordwesten) und dem Priesterseminar eine der am dichtesten gebauten historischen Kernzonen Österreichs.
Anreise und Umgebung
Der Grazer Dom liegt in der Burggasse 3, 8010 Graz, im ersten Bezirk Innere Stadt. Von der Tramhaltestelle "Hauptplatz" oder "Schauspielhaus/Hofgasse" sind es rund fünf Gehminuten. Parkmöglichkeiten bestehen im Parkhaus Schlossberg sowie in den umliegenden Parkgaragen am Opernring und Andreas-Hofer-Platz; in der Altstadt selbst sind die meisten Straßen Fußgängerzone oder mit zeitlich begrenztem Parken versehen. Mit dem Fahrrad ist der Dom über das Radwegnetz entlang der Mur und den Lendkai problemlos erreichbar; Radabstellplätze befinden sich an der Ecke Bürgergasse/Erzherzog-Johann-Allee.
Unmittelbar an den Dom angrenzend stehen zwei weitere wichtige Bauten: im Süden das Mausoleum Kaiser Ferdinands II. (ein Frühbarockbau von Pietro de Pomis), im Norden die Grazer Burg mit der berühmten Doppelwendeltreppe aus dem frühen 16. Jahrhundert. Wer einen halben Tag Zeit hat, kann die Grazer Stadtkrone in einem gemeinsamen Rundgang besichtigen und dabei rund 900 Jahre Grazer Kirchen- und Residenzgeschichte auf engstem Raum nachvollziehen.