GRAZ JOURNAL

Die Grazer Musikszene: Jazz, Klassik, Indie, Elektronik

Die Grazer Musikszene im Überblick: Kunstuniversität, styriarte, Stockwerk Jazz, Helmut-List-Halle, Orpheum, PPC. Klassik, Jazz, Indie und Elektronik mit Venues und Festivals.

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Die Grazer Musikszene: Jazz, Klassik, Indie, Elektronik

Die Kunstuniversität Graz (KUG): Wurzeln in 1816, Universität seit 1998

Die Geschichte der Kunstuniversität Graz reicht weiter zurück, als die heutige Rechtsform vermuten lässt. Sie beginnt mit der Gründung des Steiermärkischen Musikvereins 1815 und der Eröffnung seiner Musikschule 1816 - einer privaten Musikausbildungseinrichtung, die in den folgenden 150 Jahren zum steiermärkischen Landeskonservatorium wurde. 1920 erhielt diese Einrichtung die Bezeichnung "Konservatorium"; am 1. Juni 1963 wurde daraus die "Akademie für Musik und darstellende Kunst in Graz" - eine von damals vier Kunstakademien Österreichs. Die endgültige Universitätswerdung erfolgte am 1. Oktober 1998 mit dem Bundesgesetz über die Organisation der Universitäten der Künste; seither heißt die Einrichtung "Universität für Musik und darstellende Kunst Graz" (KUG).

Heute studieren an der KUG nach Angaben des offiziellen Geschichtsportals der KUG rund 2.400 Studierende aus mehr als 70 Nationen. Das Fächerspektrum reicht von klassischem Instrumentalunterricht über Komposition, Musiktheorie, Dirigieren und Alte Musik bis zur Schauspiel- und Regieausbildung. Zu den bekanntesten Instituten zählt das Institut für Jazz, das im Herbst 1964 gegründet wurde, mit offiziellem Betrieb ab 1. Jänner 1965 - als einer der ersten universitären Jazzstudiengänge Kontinentaleuropas. Dieses Institut ist bis heute ein Magnet für junge Jazzmusiker aus aller Welt, und die meisten in Graz aktiven Jazzensembles haben Mitglieder mit KUG-Hintergrund.

Ein weiterer wichtiger Bereich der KUG ist das Institut für Musikethnologie, das Institut für Alte Musik und Aufführungspraxis sowie das Institut für Elektronische Musik und Akustik (IEM), das mit seinen Forschungen zu räumlichem Klang und algorithmischer Komposition international tätig ist. Die KUG besitzt mehrere Gebäude in Graz: das Hauptgebäude am Leonhardplatz 15, das Palais Meran, das MUMUTH (Haus für Musik und Musiktheater) am Lichtenfelsgasse 14 sowie die Reiterkaserne in der Brandhofgasse 21.

Klassische Musik: Festivals, Häuser, Ensembles

styriarte - das Harnoncourt-Erbe

Die styriarte ist das wichtigste klassische Musikfestival der Stadt. Sie wurde 1985 gegründet, um das Lebenswerk des in Graz geborenen Dirigenten Nikolaus Harnoncourt in dessen Heimatstadt zur Aufführung zu bringen. Harnoncourt war bis zu seinem Tod 2016 regelmäßig im Programm vertreten und prägte mit seinen Aufführungen von Bach, Händel, Haydn und Mozart den Stil des Festivals. Seit 1991 leitet Mathis Huber das Festival als Intendant; er hat die styriarte programmatisch ausgebaut, ohne den Fokus auf Alte Musik, Barock und die Wiener Klassik aufzugeben.

Die 42. Ausgabe der styriarte findet laut offizieller Ankündigung vom 26. Juni bis 26. Juli 2026 unter dem Titel "Lichtspiele" statt. Zum Programm zählen Mozarts "Zauberflöte", Haydns "Schöpfung" und Mahlers Zweite Symphonie - alle drei Werke sind dem Programmmotto "Sieg des Lichts über die Dunkelheit" zugeordnet. Die wichtigsten Spielstätten sind die Helmut-List-Halle, das Palais Attems in der Sackstraße, der Stefaniensaal im Grazer Congress und Schloss Eggenberg. Tickets bewegen sich zwischen 25 und 120 Euro; Studierende bekommen Restkarten ab einer Stunde vor Vorstellungsbeginn für 12 Euro. Das vollständige Programm und das Ticketportal sind auf styriarte.com verfügbar.

Recreation - Grosses Orchester Graz

Neben der styriarte hat Graz mit recreation - Grosses Orchester Graz ein eigenes, professionelles Orchester mit Saisonabonnement. Es wurde 2002 gegründet und spielt regelmäßig im Stefaniensaal sowie in der Helmut-List-Halle. Das Repertoire reicht von der Klassik bis zur Moderne, mit einem Schwerpunkt auf der Symphonik des 19. und 20. Jahrhunderts. Chefdirigentin ist seit 2021 Mei-Ann Chen. Die Abonnement-Saison umfasst acht bis zehn Konzerte pro Jahr. Zusätzlich gibt es das "Grazer Symphonische Orchester" als semiprofessionelles Ensemble und mehrere kleinere Kammerensembles wie das Ensemble Zefiro Torna oder das Ensemble Schallfeld, die ebenfalls regelmäßig in der Stadt auftreten.

Helmut-List-Halle: Der moderne Konzertsaal

Die Helmut-List-Halle in der Waagner-Biro-Straße 98a war bis zum Jahr 2002 eine verfallene Fabrikhalle des Grazer Automobilforschungsunternehmens AVL List. Markus Pernthaler entwarf den Umbau, der innerhalb von zehn Monaten fertiggestellt wurde; die akustische Planung übernahm das Münchner Büro Müller-BBM, das Harnoncourt als Berater beizog. Die Halle wurde am 9. Jänner 2003 mit der szenischen Uraufführung von Beat Furrers Oper "Begehren" eröffnet und war damit der Auftakt des Kulturhauptstadtjahres. Sie fasst je nach Bestuhlung 1.000 bis 2.400 Zuschauer. Die Akustik gilt als eine der besten ihrer Preisklasse in Mitteleuropa. Neben der styriarte nutzt auch der Steirische Herbst und recreation die Halle regelmäßig.

Stefaniensaal im Grazer Congress

Der Stefaniensaal im Grazer Congress (Albrechtgasse 1) ist mit 1.073 Sitzplätzen und 100 Stehplätzen ein weiterer wichtiger Konzertsaal. Er wurde 1885 eröffnet und 2002 umfassend renoviert. Der Saal besitzt eine barocke Stuckdecke, eine hervorragende Akustik und ist die traditionelle Spielstätte der Grazer Philharmoniker sowie zahlreicher Gastorchester. Die Grazer Konzerthausgesellschaft präsentiert dort jährlich eine eigene Konzertreihe mit internationalen Solisten und Ensembles.

Jazz und Improvisation

Stockwerk Jazz

Stockwerk Jazz am Jakominiplatz 18 ist das Herzstück der Grazer Jazzszene. Der Club wurde 1999 von der Jazzpianistin Dejana Sekulic und Jazzmusiker Harald Scharf gegründet und zählt heute laut dem englischsprachigen Fachmagazin Downbeat zu den "100 Great Jazz Rooms" weltweit. Der Raum fasst rund 80 Sitzplätze und hat eine der besten Jazzakustiken der Stadt. Geboten werden sechs bis acht Konzerte pro Monat mit Musikern aus Österreich, Europa und Übersee, oft in der Mischung aus etablierten Namen und jungen Grazer Absolventen der KUG. Konzerte beginnen üblicherweise um 19:30 oder 21:30 Uhr, der Eintritt beträgt zwischen 15 und 25 Euro. Infos und Termine finden sich auf der offiziellen Stockwerk-Jazz-Seite.

Grazer Jazzszene - Ensembles und Studierende

Neben dem Stockwerk Jazz haben sich weitere Spielstätten im Laufe der Jahre etabliert. Das Miles Jazzbar in der Lendpromenade, der Royal Garden Jazz Club im Univiertel und gelegentliche Reihen in der Postgarage, im Café Promenade und im Theatercafé runden die Infrastruktur ab. Die Grazer Jazzszene ist eng mit der KUG verzahnt: Viele Jazzmusiker aus Österreich, Deutschland, Skandinavien und den USA haben hier studiert und sind danach in die Szene gegangen. Zu den bekannten Namen mit KUG-Bezug zählen unter anderem die Saxophonisten Wolfgang Puschnig und Harry Sokal, die Klarinettistin Mona Matbou Riahi, den Gitarristen Wolfgang Muthspiel und den Posaunisten Christian Muthspiel.

Das Jazzfestival "Jazz & The City" findet einmal jährlich im Herbst statt und bespielt mehrere Orte in der Innenstadt mit Straßenmusik, Clubkonzerten und größeren Bühnen. Im Sommer ergänzt das "Jazz-Sommer Graz" des Stockwerk Jazz mit einer Reihe von Freiluftkonzerten und Sonderformaten die Jazzinfrastruktur.

Rock, Indie, Elektronik

Orpheum Graz

Das Orpheum in der Orpheumgasse 8 ist die wichtigste Bühne der Stadt für Indie-Konzerte, Rock, Pop, Singer-Songwriter und Kabarett. Der große Saal fasst bis zu 603 Sitzplätze oder 1.440 Stehplätze, der kleinere "Orpheum Extra" bietet Platz für 300 Stehplätze oder 170 Sitzplätze. Pro Saison (September bis Juli) finden hier nach Angaben der offiziellen Seite der Grazer Spielstätten über 300 Veranstaltungen und mehr als 100.000 Besucher statt. Zum Programm zählen regelmäßige Gastspiele von österreichischen Bands (Wanda, Bilderbuch, AnnenMayKantereit, Voodoo Jürgens), internationalen Indie-Acts und Kabarettgrößen wie Maschek und Wegscheider. Tickets sind je nach Programm ab 25 Euro zu haben.

PPC - Project Pop Culture

PPC in der Neubaugasse 6 im Bezirk Lend ist die Anlaufstelle für Elektronik, House, Techno und DJ-Sets. Der Club wurde 2003 - im Kulturhauptstadtjahr - gegründet und bespielt zwei Ebenen: den Mainfloor mit Platz für mehrere hundert Tanzende und die PPC-Bar, die häufig als DJ-Bar genutzt wird. Pro Jahr gibt es rund 200 Veranstaltungen, darunter regelmäßige Clubnächte, Konzerte von elektronischen Liveacts, Drum'n'Bass-Abende und themenbezogene Partys. PPC hat sich seit den 2000er-Jahren als wichtigste Grazer Elektronikinstitution etabliert und arbeitet regelmäßig mit internationalen Labels zusammen.

Weitere Clubs und Live-Spots

Neben Orpheum und PPC gibt es in Graz eine Reihe kleinerer Venues: das Postgarage (ein multifunktionaler Club in der Dreihackengasse 42, der für Hardcore, Metal, Punk und experimentelle Elektronik bekannt ist), das Explosiv (Punk- und Hardcore-Spielstätte, Brockmanngasse 31), das Parkhouse im Stadtpark (Open-Air-Clubbings im Sommer) und die Scherbe in der Stockergasse 2. Für kleine Akustikgigs und Singer-Songwriter-Auftritte sind auch die Kunstcafés wie das Café Kaiserfeld, das Café Stockwerk und das Forum Stadtpark wichtig.

Elevate Festival und zeitgenössische Musik

Das Elevate Festival ist eines der spannendsten Festivals der Stadt - eine Mischung aus elektronischer Musik, politisch-gesellschaftlicher Diskussion und digitaler Kunst. Es wird jährlich im Dom im Berg und in mehreren anderen Grazer Spielstätten (Schlossberg, Orpheum, Helmut-List-Halle) ausgetragen. Die nächste Ausgabe findet vom 5. bis 8. März 2026 statt - das Festival ist im März terminiert, nicht im Oktober. Elevate wurde 2005 gegründet und kombiniert Konzerte, DJ-Sets und Performances mit Podiumsdiskussionen, Vorträgen und Workshops zu aktuellen politischen Themen wie Überwachung, Klimawandel, digitale Rechte und Migration. Das Festivalformat ist in Mitteleuropa einzigartig und hat international einen eigenen Namen.

Der Steirische Herbst (1968 gegründet, im Oktober) ist kein reines Musikfestival, bringt aber jedes Jahr zeitgenössische Musik, Klangkunst und experimentelle Performances in die Stadt. Die Musik des Herbstes ist in der Regel radikaler, politischer und experimenteller als bei der styriarte.

Musikschulen, Bands, Lokalszene

Unterhalb der professionellen Schicht existiert eine aktive Amateur- und Lokalszene. Das Johann-Joseph-Fux-Konservatorium, die städtische Musikschule, die Musikvereinigungen der Bezirke und mehrere Chorvereine (darunter der traditionsreiche Grazer Domchor) bilden die Basis. In der Indie-Szene haben sich in den letzten Jahren einige Grazer Bands etabliert, darunter Moped Lads, Vormittag (Post-Punk), die Band Edwin Rosen (Darkwave, mittlerweile in Berlin) sowie mehrere Jazzrock- und Fusion-Projekte mit KUG-Hintergrund.

Eine gute Übersicht über die aktuelle lokale Szene bietet das Musikmagazin Nachtwanderer und die Onlineplattform mica - music austria, die zahlreiche Porträts und Interviews mit steirischen Musikern veröffentlicht. Auch die Grazer Kulturmagazine dokumentieren regelmäßig die lokale Szene und haben feste Konzertkolumnen.

Tickets, Anreise, praktisches

Die meisten Grazer Konzertstätten sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut angebunden: Stockwerk Jazz am Jakominiplatz ist direkt an der zentralen Umsteigehaltestelle gelegen, das Orpheum mit den Linien 3 und 6 erreichbar, die Helmut-List-Halle mit der Linie 7 (Haltestelle Waagner-Biro) und das PPC an der Haltestelle "Lend" der Linie 3. Das Grazer Congress und der Stefaniensaal befinden sich direkt neben der Altstadt und sind zu Fuß vom Hauptplatz in fünf Minuten erreichbar. Tickets für klassische Konzerte sind über die Hausportale, für Rock/Pop/Jazz in der Regel über oeticket.com, Ticketmaster oder die eigenen Kassen der jeweiligen Spielstätten zu bekommen.

Ein Tipp für Studierende und Unter-27-Jährige: Die meisten Häuser (Orpheum, Stefaniensaal, Helmut-List-Halle, Oper) bieten Restkarten ab einer Stunde vor der Vorstellung zu deutlich reduzierten Preisen an - bei der Oper 8 Euro, beim Orpheum rund 12 Euro, in der Helmut-List-Halle 15 Euro. Für wer häufig ausgeht, lohnen sich Abonnements und Mitgliedschaften der Grazer Konzerthausgesellschaft oder der styriarte.

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