GRAZ JOURNAL

Literatur in Graz: Literaturhaus, Forum Stadtpark, Grazer Gruppe

Die Grazer Literaturszene: Literaturhaus Graz, Forum Stadtpark, manuskripte, die Grazer Gruppe um Kolleritsch, Handke, Frischmuth und die Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

· 11 Min. Lesezeit · Von
Literatur in Graz: Literaturhaus, Forum Stadtpark, Grazer Gruppe

Forum Stadtpark: Die Geburt der Grazer Literaturszene

Das Forum Stadtpark wurde 1959 als gemeinnütziger Verein von Kunstschaffenden, Kulturarbeitern und Wissenschaftlern gegründet. Zu den Gründungsmitgliedern zählten Othmar Carli, Alfred Kolleritsch, Gustav Zankl, Siegfried Neuburg, Emil Breisach und Günter Waldorf. Am 4. November 1960 eröffnete das Forum sein eigenes Gebäude im Grazer Stadtpark - einen ehemaligen Cafépavillon aus dem 19. Jahrhundert, der nach den Plänen des Architekten Eugen Gross umgestaltet wurde. Mit der Eröffnungsausstellung "Bekenntnis und Konfrontation" kam auch die erste Ausgabe der Zeitschrift "manuskripte" heraus - in einer Auflage von 100 Exemplaren, die ausschließlich Lyrik enthielten.

Das Forum verstand sich von Beginn an als ein Ort für alles, was im österreichischen Kulturbetrieb der Adenauer- und Raab-Zeit keinen Platz hatte: experimentelle Literatur, Neue Musik, abstrakte Kunst, Theaterstücke jenseits der bürgerlichen Konvention. In den 1960er-Jahren wurde das Forum Stadtpark so zum wichtigsten Gegenpol zum konservativen PEN-Club und zum Mainstream-Literaturbetrieb des Bundeslandes. Im Forum fanden unter anderem die ersten Symposien zur Fotografie statt, die 1974 zur Gründung von Camera Austria führten; dort gaben die frühen Beatles Europas ihr erstes Konzert im Sommer 1965; und dort lasen nahezu alle wichtigen österreichischen Autoren der Nachkriegszeit.

Die Grazer Gruppe: Ein Schirm, kein Manifest

Der Begriff "Grazer Gruppe" wurde erstmals in der Ausgabe 18 der manuskripte (1966) von Alfred Kolleritsch verwendet. Er bezeichnete damit die Autoren, die sich um Forum Stadtpark und Zeitschrift versammelt hatten. Zum Kern der Gruppe zählten Kolleritsch selbst, Wolfgang Bauer, Gunter Falk, Barbara Frischmuth, Peter Handke, Klaus Hoffer und Wilhelm Hengstler. In den Folgejahren wurden Elfriede Jelinek, Gert Jonke, Gerhard Roth, Bernhard Hüttenegger, Harald Sommer, Michael Scharang und Helmut Eisendle hinzugezählt - allerdings verstand sich die "Grazer Gruppe" nie als programmatisches Kollektiv im Sinne eines Manifests oder einer gemeinsamen Poetik. Kolleritsch hat später mehrfach betont, dass es sich um eine Sammelbezeichnung handelte, nicht um eine Stilschule.

Wichtig zur Einordnung: Thomas Bernhard, der oft mit der österreichischen Nachkriegsavantgarde in Verbindung gebracht wird, gehörte ausdrücklich nicht zur Grazer Gruppe. Er lehnte Graz zeitlebens ab und hat in seinem autobiografischen Buch "Die Ursache" (1975) die Stadt scharf kritisiert; die berühmte Zeile "In Graz muss niemand gewesen sein" stammt aus seiner Feder. Bernhards literarisches Milieu war Salzburg und später Ohlsdorf, nicht Graz. Zur engeren Grazer Szene zählten stattdessen Autoren wie Wolfgang Bauer (dessen Stück "Magic Afternoon" am 12. September 1968 am Landestheater Hannover uraufgeführt wurde), Gert Jonke (dessen Romane und Hörspiele seit den 1970ern weltliterarischen Rang erreichten) und Barbara Frischmuth (deren Roman "Die Klosterschule" von 1968 als einer der ersten feministischen Texte österreichischer Literatur gilt).

Elfriede Jelinek wurde in Mürzzuschlag geboren und verbrachte ihre ersten Jahre als Autorin in Wien, publizierte aber ab Ende der 1960er-Jahre regelmäßig in den manuskripten. Sie erhielt 2004 den Nobelpreis für Literatur und ist mit Peter Handke (Nobelpreis 2019) die international bekannteste Stimme, die mit dem Grazer Kreis assoziiert ist. Handke selbst debütierte in den manuskripten 1964 mit seinem Text "Die Überschwemmung".

manuskripte: Die längste Literaturzeitschrift Österreichs

Die Zeitschrift manuskripte erschien zum ersten Mal am 4. November 1960 und wird seither ohne Unterbrechung vierteljährlich veröffentlicht. Sie ist damit eine der längsten kontinuierlich erscheinenden Literaturzeitschriften im deutschsprachigen Raum und das prägende Organ der österreichischen Avantgarde. Herausgeber waren über mehr als fünfzig Jahre Alfred Kolleritsch und Günter Waldorf, ab 2016 Kolleritsch und Andreas Unterweger. Nach dem Tod von Kolleritsch im Mai 2020 hat Unterweger die Redaktion gemeinsam mit Helwig Brunner übernommen.

In den manuskripten wurden zahlreiche heute kanonisierte Texte zuerst gedruckt: Handkes Frühwerke, Frischmuths "Klosterschule", Jelineks frühe Gedichte und Prosa, Jonke, Bauer, Falk - aber auch viele Autoren außerhalb der Grazer Gruppe, darunter Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, Gerhard Rühm und Oswald Wiener (alle aus der Wiener Gruppe), Josef Winkler, Robert Menasse und in jüngerer Zeit Kathrin Röggla, Teresa Präauer, Olga Flor und Daniel Wisser. Die manuskripte verstehen sich auch heute als Bühne für experimentelle, sprachkritische Literatur. Infos und Archiv unter manuskripte.at.

Das Literaturhaus Graz

Das Literaturhaus Graz in der Elisabethstraße 30 wurde 2003 - im Kulturhauptstadtjahr - eröffnet. Es befindet sich in einem 1852 errichteten Stadtpalais, das ursprünglich der Familie Mayr-Melnhof gehörte. Das Haus wurde gemeinsam mit der Karl-Franzens-Universität Graz betrieben; die Leitung liegt seit 2015 bei Klaus Kastberger, der als Professor für zeitgenössische deutschsprachige Literatur am Franz-Nabl-Institut der Universität Graz tätig ist.

Das Programm des Literaturhauses umfasst Lesungen, Diskussionen, szenische Aufführungen, Konzertabende und Ausstellungen, pro Spielzeit werden zwischen 120 und 150 Veranstaltungen angeboten. Gelesen wird sowohl aus zeitgenössischer österreichischer Literatur als auch aus internationaler Autorenschaft. Zu den wiederkehrenden Formaten zählen der "Literarische Salon", die Reihe "Prosa vor 1 Uhr" (junge Autoren am Nachmittag), die Kindertexte-Reihe und der "Klaus-Michael-Grüber-Abend" für Kooperationen mit dem Schauspielhaus. Im aktuellen Monatsprogramm des Literaturhauses Graz sind die Termine im Detail einsehbar. Eintritt in der Regel zwischen 6 und 12 Euro, Studierende und Mitglieder des Vereins Literaturhaus zahlen weniger.

Ein wichtiger Bestandteil des Literaturhauses ist auch das Franz-Nabl-Institut, das der Universität Graz angeschlossen ist und die wissenschaftliche Literaturforschung vor Ort verankert. Das Institut beherbergt die Nachlässe bedeutender österreichischer Autoren, darunter die Vor- und Nachlässe von Alfred Kolleritsch, Wolfgang Bauer, Peter Handke (Teile davon), Gunter Falk, Friederike Mayröcker, Fritz Hochwälder und vielen anderen. Auch das Redaktionsarchiv der manuskripte ist am Nabl-Institut gelagert, was das Literaturhaus zu einem der wichtigsten Forschungsorte für österreichische Nachkriegsliteratur macht.

Die Grazer Autorinnen Autorenversammlung (GAV)

Ein weiteres wichtiges Kapitel der Grazer Literaturgeschichte ist die Grazer Autorinnen Autorenversammlung (GAV), 1973 als Gegenorganisation zum konservativen PEN-Club Österreich gegründet. Die Gründung ging maßgeblich auf eine Initiative von Autoren aus dem Forum Stadtpark zurück, die sich mit dem damals dominierenden PEN-Club überworfen hatten. Zu den Gründungsmitgliedern zählten unter anderem Peter Handke, H. C. Artmann, Friederike Mayröcker, Gert Jonke, Elfriede Jelinek, Wolfgang Bauer, Ernst Jandl und Reinhard Priessnitz.

Die GAV hat ihren Sitz heute in Wien (1030 Seidlgasse 13), nicht mehr in Graz. Sie zählt aber nach wie vor als eine der wichtigsten Autorenorganisationen des deutschen Sprachraums und umfasst derzeit rund 600 Mitglieder. Auch wenn der Hauptsitz in Wien liegt, war die ursprüngliche Gründungsidee dezidiert "Graz": Der Verein wurde in einem Hotel in Graz beschlossen, nach einer Versammlung im Rahmen der Steirischen Kulturtage. Der Name blieb seither bestehen.

Festivals, Preise, Lesereihen

steirischer herbst und Literatur

Der Steirische Herbst ist zwar primär ein Festival für zeitgenössische Kunst und Performance, präsentiert aber jedes Jahr auch literarische Formate - Lesungen, performative Texte, Hörspielabende und Diskussionsrunden. Das Programm bespielt im Oktober das Forum Stadtpark, das Literaturhaus und mehrere Außenorte.

Grazer Lesewelle und Junge Literatur

Die "Grazer Lesewelle" ist ein jährliches Lesefestival, das vom Literaturhaus organisiert wird und Autoren aus der Steiermark, aus Österreich und aus dem deutschsprachigen Ausland versammelt. Daneben gibt es die Reihe "prosanova jung" am Literaturhaus, die Werke unter-30-jähriger Autoren vorstellt. Die Literaturinitiative "Graz liest" verteilt einmal im Jahr gemeinsam ausgewählte Bücher an die Grazer Stadtbibliothek.

Kolleritsch-Preis und andere Auszeichnungen

Der Alfred-Kolleritsch-Literaturpreis der Stadt Graz wurde nach dem Tod des Herausgebers 2020 als Würdigungspreis für deutschsprachige Lyrik neu ausgelobt und ist mit 10.000 Euro dotiert. Daneben vergibt das Land Steiermark den Manès-Sperber-Preis, die Peter-Rosegger-Literaturpreise und den Franz-Nabl-Preis der Stadt Graz. Auch der Großer Literaturpreis der Akademie der Künste (Berlin) wurde in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach an Grazer Autoren vergeben, zuletzt an Olga Flor und Robert Menasse.

Buchhandlungen und Bibliotheken

Neben Institutionen und Preisen prägen auch unabhängige Buchhandlungen und Bibliotheken das literarische Leben von Graz. Die wichtigsten unabhängigen Buchhandlungen sind die Buchhandlung Moser Am Eisernen Tor 1 (gegründet 1868, damit die älteste im Land), die Buchhandlung Leykam in der Stempfergasse 3 und die Buchhandlung Andreas Moser in der Sackstraße 6 (die gehört zur Familie Moser, aber zu einer jüngeren Generation). Die Universitätsbibliothek Graz ist mit rund vier Millionen Medien die drittgrößte Bibliothek Österreichs und beherbergt bedeutende Sondersammlungen (Handschriften, alte Drucke, Nachlässe). Die Stadtbibliothek Graz betreibt elf Standorte im Stadtgebiet; die Hauptstelle befindet sich am Zanklhof im Bezirk Jakomini.

Für wissenschaftliche Arbeit zur österreichischen Literatur ist das Franz-Nabl-Institut am Literaturhaus die erste Adresse. Anfragen zu den Spezialsammlungen zur Grazer Gruppe sind nach Voranmeldung im Lesesaal möglich; für Einsicht in Originalmaterialien braucht es eine wissenschaftliche Begründung.

Praktische Hinweise

Das Literaturhaus Graz in der Elisabethstraße 30 ist mit den Tramlinien 1 und 7 (Haltestelle "Uni") sowie mit den Buslinien 31, 39, 58, 63 und 64 zu erreichen. Es liegt etwa acht Gehminuten vom Hauptplatz und fünf Minuten von der Karl-Franzens-Universität entfernt. Öffnungszeiten Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr für Bibliothek und Büro; die Veranstaltungen finden in der Regel am Abend statt, meist um 19 Uhr. Das Forum Stadtpark im Stadtpark ist über die Tramlinie 1 (Haltestelle "Stadtpark") erreichbar und verfügt über ein Kulturcafé, das auch tagsüber geöffnet ist.

Wer einen Tag der Grazer Literaturgeschichte folgen möchte, kann eine Rundwanderung machen: Vom Hauptplatz zu Fuß zum Literaturhaus, weiter zum Forum Stadtpark, dann in den Stadtpark zum Franz-Nabl-Denkmal, schließlich über das Univiertel zur Universitätsbibliothek. Der ganze Rundgang ist in rund zwei Stunden zu schaffen. Führungen zur Grazer Literaturgeschichte organisiert das Literaturhaus unregelmäßig; private Gruppen können auf Anfrage Thementouren mit Literaturhistorikern buchen.

Mehr aus Kultur