Das Orpheum: Grazer Konzerthaus mit vier Vorleben
1.220 Stehplätze im Großen Saal, 603 Sitzplätze, dazu ein kleiner Saal im Obergeschoß. Die Geschichte des Hauses vom Pestfriedhof zum Varieté und alles, was Sie für den Konzertbesuch brauchen.
Ein Pestfriedhof, eine Bierhalle, ein Varieté
Der Boden, auf dem das Orpheum steht, hat mehr Geschichten gesehen als die meisten Grazer Kulturhäuser. 1620 lag hier ein Pestfriedhof, 1780 wurde er aufgelassen, danach entstand ein Gasthaus. 1867 eröffnete an dieser Stelle eine Bierhalle der Brauerei Puntigam. Erst 1896 beschloss der Gemeinderat den Umbau zum Varietétheater, und am 1. Juli 1899 ging das Orpheum in Betrieb. Den Umbau entwarf der Architekt Friedrich Hofmann.
Das Haus verstand sich von Anfang an als Gegenpol zu Oper und Schauspielhaus. Der große Saal fasste 936 Plätze, davon 630 an Tischen - man saß also nicht in Reihen, sondern trank und aß, während auf der Bühne Varieté, Pantomime, Kabarett und Ball einander abwechselten. 1905 kam eine Sommerbühne mit weiteren 542 Plätzen dazu, auf der Operetten, Singspiele und Possen liefen, ab 1906 folgten Umbauten samt einem Lokal namens „Casino de Paris". Wie weit das Programm reichte, zeigt eine Episode aus 1903: Damals traten hier afroamerikanische Künstler auf und brachten den Cakewalk nach Graz. Die Details dazu hat das Österreichische Musiklexikon der Akademie der Wissenschaften aufgearbeitet.
Zerstört, wieder aufgebaut, viermal umgewidmet
1936 war Schluss mit dem Varieté. 1944 zerstörten Bombenangriffe das Gebäude, wie viele andere im Bezirk Lend, der wegen der Bahnanlagen besonders getroffen wurde. 1950 wurde das Haus als Kabarett wiedereröffnet, von 1951 bis 1971 lief es als Kino, ab 1972 diente es als „Haus der Jugend", 1985 wurde daraus ein Kulturzentrum. Seit den frühen 1990er-Jahren ist das Orpheum eine städtische Spielstätte, heute geführt von den Grazer Spielstätten innerhalb der Bühnen Graz.
2016 wurde das Haus renoviert und technisch auf den aktuellen Stand gebracht, ohne die Patina zu entfernen - der Grund, warum es bis heute nicht wie ein Neubau klingt und aussieht. Im Oktober 2024 feierte das Orpheum sein 125-jähriges Bestehen mit einem Konzert am Nationalfeiertag. Bei dieser Gelegenheit erinnerte sich Vojo Radkovics, der das Haus von 1970 bis 2013 als Veranstalter bespielt hatte, an Zeiten, in denen Bands wie die Scorpions für Gagen von 20.000 bis 30.000 Schilling auftraten. Die Rückschau hat ORF Steiermark zum Jubiläum dokumentiert.
Zwei Säle, 1.310 Stehplätze
Das Orpheum ist eine der letzten Allround-Locations der Stadt mit klassischer Theaterbühne. Wer wissen will, wie voll ein Konzert wirklich ist, findet die offiziellen Zahlen hier:
| Bereich | Kapazität | Fläche | Bühne |
|---|---|---|---|
| Großer Saal | 1.220 Stehplätze / 603 Sitzplätze | 300 m² | 150 m² |
| Orpheum Extra (Kleiner Saal) | 300 Stehplätze / mind. 160 Sitzplätze | 150 m² | 30 m² |
| Foyer | - | 150 m² | - |
| Gesamt | 1.310 Stehplätze | 1.500 m² | - |
Praktisch heißt das: Der Große Saal ist groß genug für internationale Bands auf Clubtour und klein genug, dass man auch aus der letzten Reihe noch Gesichter erkennt. Das Orpheum Extra im Obergeschoß ist das Format für Kabarettabende, Lesungen, Release-Konzerte und Programme, für die 1.220 Plätze zu ambitioniert wären. Veranstalter können beide Säle einzeln oder das ganze Haus mieten, weshalb an manchen Abenden oben und unten gleichzeitig gespielt wird.
Was im Orpheum läuft
Das Programm ist bewusst breit: Rock-, Pop- und Jazzkonzerte, Kabarett und Kleinkunst, Kindertheater, dazu Bälle, Partys und Firmenveranstaltungen. Für viele Grazer Konzertbiografien ist das Haus die erste Adresse, weil hier Bands spielen, die für die Stadthalle zu klein und für den Club zu groß sind. Wer sehen will, wie sich das Orpheum in die übrige Landschaft einfügt, findet die Einordnung in unserer Übersicht der großen Veranstaltungsorte in Graz, das kleinere Bühnennetz im Beitrag zur Live-Musik in Graz und die Kabarettschiene unter Kabarett und Comedy in Graz.
Die Namensliste der Jahrzehnte reicht von Ramones und Alice Cooper über Nightwish und Bob Geldof bis zu Falco, Wolfgang Ambros und Reinhard Fendrich. Beim Jubiläumskonzert am 26. Oktober 2024 spielten im Großen Saal Ina Regen, Alle Achtung, Anna Mabo & Die Buben und Erwin & Edwin, im Orpheum Extra Yasmo & Die Klangkantine, Hearts Hearts, Kobrakasion und Grand Hotel Schilling. Bühnen-Graz-Geschäftsführer Bernhard Rinner formulierte damals, es sei kein Jubiläum eines Gebäudes, sondern eines Ortes.
Wo das Haus steht
Die Orpheumgasse zweigt von der Volksgartenstraße ab, mitten im Bezirk Lend und wenige Minuten vom Lendplatz entfernt. Das Umfeld erklärt einiges am Publikum: Hier liegen die Lokale, in denen man vor einem Konzert isst und nach dem Konzert weitermacht, dazu der Volksgarten als Freifläche ein paar Schritte weiter. Das Gebäude selbst ist ein Nachkriegsbau an historischer Stelle - wer eine Jugendstilfassade wie beim Vorgängerbau von 1899 erwartet, steht vor einem nüchternen Haus, dessen Reiz erst innen beginnt.
Für die Planung wichtig: Der Betrieb folgt dem Kulturjahr. Zwischen Ende Juni und Anfang September steht das Haus weitgehend still, weil die Freiluftbühnen der Stadt übernehmen. Die Saison startet im September, das dichteste Programm liegt zwischen Oktober und April. Wer im Bezirk auf Entdeckung gehen will, findet die Nachbarschaft im Porträt des Bezirks Lend.
Tickets, Kartenbüro und Abendkassa
Das Orpheum-Kartenbüro in der Orpheumgasse 8 ist Dienstag bis Freitag von 14 bis 19 Uhr geöffnet, ausgenommen in den Ferien. Heuer bleibt es wegen der Sommerpause von 27. Juni bis 8. September 2026 geschlossen. Die Tages- und Abendkassa öffnet jeweils eine Stunde vor Vorstellungsbeginn. Telefonisch läuft der Kartenverkauf über das Ticketzentrum der Bühnen Graz unter +43 316 8000, online über ticketzentrum.at.
Rollstuhlplätze werden nicht online verkauft, sondern über das Kartenbüro unter +43 316 8008-9000 oder per Mail vergeben. Alle drei Grazer Spielstätten sind barrierefrei erreichbar und haben entsprechende WC-Anlagen. Tischreservierungen im Orpheum nimmt das Haus telefonisch unter +43 664 9632391 entgegen, was vor allem bei bestuhlten Kabarettabenden zählt.
Die Garderobe öffnet zur Einlasszeit und schließt 30 Minuten nach Veranstaltungsende. Was liegen bleibt, kann maximal drei Tage im Büro in der Orpheumgasse abgeholt werden, danach wandert es ins Fundbüro der Stadt Graz. Ausweise und Urkunden werden gar nicht erst verwahrt, sondern sofort weitergegeben.
Freie Fahrt: Das Ticket gilt als Fahrschein
Der praktischste Vorteil eines Orpheum-Besuchs ist wenig bekannt. Unter dem Titel Freie Fahrt berechtigt eine Eintrittskarte der Bühnen Graz zur kostenlosen Fahrt im gesamten Verkehrsverbund Steiermark - hin und zurück, gültig am Veranstaltungstag ab vier Stunden vor bis sieben Stunden nach Veranstaltungsbeginn. Das gilt nicht nur fürs Orpheum, sondern auch für Dom im Berg, Schloßbergbühne Kasematten, Oper, Schauspielhaus und Next Liberty. Wer aus Deutschlandsberg oder Weiz zum Konzert kommt, spart damit den kompletten Fahrpreis.
Mit den Öffis führen die Straßenbahnlinien 1, 4, 6 und 7 sowie die Buslinien 40, 67 und 67E zur Haltestelle Rosseggerhaus. Von dort sind es rund drei Gehminuten über die Volksgartenstraße in die Orpheumgasse. Die Details stehen auf der Anreiseseite der Grazer Spielstätten, das Ticketsystem der Stadt erklärt unser Öffi-Guide.
Mit dem Auto: 5 Euro für die ganze Nacht
Wer trotzdem fährt, sollte die Regelung in der Parkgarage Styria Center kennen. Einfahrt ist in der Strauchergasse 5. Ab 19 Uhr zahlen Besucherinnen und Besucher einer Orpheum-Vorstellung maximal 5 Euro für die ganze Nacht, gültig bis 8 Uhr am nächsten Morgen. Dafür entwerten Sie das Kennzeichen Ihres Fahrzeugs am Tablet an der Orpheum-Bar. Ohne diesen Schritt gilt der reguläre Garagentarif. Wie Kurzparkzonen und Parkhäuser sonst funktionieren, steht in unserem Beitrag Parken in Graz.
Wer hinter dem Betrieb steht
Betrieben wird das Haus von der Grazer Spielstätten GmbH, deren Sekretariat ebenfalls in der Orpheumgasse 8 sitzt und Montag bis Donnerstag von 9 bis 16 Uhr, Freitag bis 14 Uhr besetzt ist. Wer selbst eine Veranstaltung plant, wendet sich an die Disposition unter +43 316 8008-9020; die technischen Pläne für Licht, Ton und Bühne aller drei Spielstätten stellt das Haus auf seiner Seite für Veranstalter zum Download bereit. Für ein Kulturhaus dieser Größe ist das ein ungewöhnlich niederschwelliger Zugang - im Orpheum spielen deshalb neben Tourneeproduktionen regelmäßig auch Vereine, Schulen und lokale Veranstalter.
Die beiden anderen Häuser der Grazer Spielstätten
Das Orpheum wird gemeinsam mit zwei ungewöhnlichen Bühnen verwaltet, die im selben Kartensystem laufen. Der Dom im Berg liegt im Inneren des Schloßbergs: 733 Quadratmeter Gesamtfläche, elf Meter Höhe, 600 Stehplätze oder 330 Sitzplätze. Die spezielle Wandverkleidung sorgt für die Akustik, seit 2019 hängt dort ein Ambisonics-Soundsystem für dreidimensionalen Klang - ein Grund, warum die elektronische Szene den Saal so gern bespielt, unter anderem mit der Reihe KLUB ROYAL. Erreichbar ist er über einen ausgebauten Stollen vom Schloßbergplatz; die Straßenbahnlinien 3 und 5 halten bei „Schloßbergplatz/Murinsel", alternativ fährt der Lift im Berg direkt auf die Ebene der Halle.
Die Schloßbergbühne Kasematten ist die Freiluftbühne oben am Berg, gelegen in den Mauern der alten Befestigungsanlage. Sie fasst 1.700 Stehplätze oder 999 Sitzplätze auf 750 Quadratmetern, die Nischen in den Mauern dienen als Logen. Eine mobile Überdachung und die 2017 angebrachte Verglasung der Rückfront machen sie wetterunabhängig bespielbar, weshalb dort im Sommer unter dem Titel „Sommer am Berg" von Kabarett bis Metal alles läuft. Hinauf kommt man mit der Schloßbergbahn, erreichbar über die Linien 3 und 5, oder mit dem Lift zum Uhrturm und den letzten zehn Minuten zu Fuß. Zusammen decken die drei Häuser damit ziemlich genau das ab, was zwischen Clubkonzert und Freiluftfestival passiert - mehr zur Musikszene der Stadt steht in unserem Beitrag zur Grazer Musikszene. Stand August 2026.