Die Seifenfabrik: Vom Düngerwerk zur Eventhalle
695 Quadratmeter Fachwerkhalle, ein 2.500 Quadratmeter großer Garten an der Mur und eine Geschichte, die 1872 mit Fäkaliendünger beginnt. Alle Hallen, Kapazitäten und die Anreise.
Ein Areal, das mit Fäkaliendünger begann
Die Geschichte der Seifenfabrik beginnt mit einem Problem, das jede wachsende Stadt des 19. Jahrhunderts hatte: Wohin mit dem Inhalt der Senkgruben. 1872 entstand auf dem Areal neben der Mur eine Poudrettefabrik - eine Anlage, die menschliche Fäkalien zu trockenem Dünger verarbeitete, damals ein durchaus lukratives Geschäft. Zum ersten Baubestand gehörten ein freistehender Kamin, das Verwaltungsgebäude und jene Fachwerkhalle, die heute der größte Veranstaltungsraum ist. 1917 kam die mehrgeschoßige Extraktionshalle dazu, gebaut in den Formen ihrer Zeit.
In den 1920er-Jahren wurde die Fabrik stillgelegt. 1942 kaufte das Heer das Gelände zurück, 1945 beschädigten Bombenangriffe den Backsteinbau schwer. 1946 begann hier die Seifenproduktion, die dem Areal den heutigen Namen gab und bis 1998 lief. Danach stand alles leer, bis die Unternehmensgruppe Kovac im Sommer 2001 mit der Revitalisierung des denkmalgeschützten Bestands begann. Seit 2003 ist die Seifenfabrik ein Veranstaltungszentrum. Die Etappen hat der Betreiber auf seiner Seite zur Geschichte des Hauses zusammengefasst.
Dass ausgerechnet 2003 die Wiedereröffnung stand, war kein Zufall: Im Kulturhauptstadtjahr bekam Graz eine ganze Serie umgenutzter Industriebauten, von denen die Seifenfabrik der roheste geblieben ist. Backstein, Stahl, Fachwerk und sichtbare Reparaturen - die Halle sieht nicht aus wie ein Kongresszentrum, und genau das ist ihr Argument.
Die Hallen und was hineinpasst
Die bespielbare Fläche verteilt sich auf drei Hallen im Erdgeschoß, einen Seminarraum im Obergeschoß, das Foyer und den Garten. In Summe fasst das Haus je nach Kombination 50 bis 2.400 Personen. Die offiziellen Maße und Bestuhlungsvarianten:
| Raum | Fläche | Höhe | Stehplätze | Reihe | Bankett |
|---|---|---|---|---|---|
| Fachwerkhalle | 695 m² | 4,5-9 m | 1.180 | 800 | 530 |
| Markthalle | 400 m² | 5,2-6,2 m | 440 | 400 | 220 |
| Extraktionshalle / Heizhaus | 348 m² | 5,9-7 m | 440 | 150 | 150 |
| Seminarraum (Obergeschoß) | 140 m² | 5,5 m | - | 100 | - |
| Foyer | 190 m² | 3-5,9 m | - | - | - |
| Garten | 2.500 m² | - | - | - | - |
Die Fachwerkhalle ist mit 57,2 Metern Länge und 12,1 Metern Breite der Raum, der die großen Abende trägt: 1.180 Stehplätze, 800 Sitzplätze in Reihen, 530 beim Bankett, 450 in Klassenbestuhlung. Der helle Epoxidboden ist der einzige moderne Eingriff, der sofort auffällt. Die Markthalle mit 400 Quadratmetern und Asphaltboden ist die zweite große Fläche und wird oft parallel bespielt, etwa als Barbereich oder zweite Bühne. Die Extraktionshalle samt Heizhaus ist mit 348 Quadratmetern die kantigste der drei: 440 Personen stehend, aber nur 150 in Reihen, weil die Einbauten Sichtachsen kosten. Der Seminarraum im Obergeschoß mit Teppichboden und Klimaanlage ist das Gegenteil davon - 140 Quadratmeter für Workshops und Tagungen mit bis zu 100 Personen. Alle Grundrisse und Schnittpläne stehen als Download auf der Seite Räumlichkeiten der Seifenfabrik.
220 Veranstaltungstage im Jahr
Das Haus ist ausgelastet wie wenige Kulturbauten der Stadt: An rund 220 Tagen pro Jahr finden hier Veranstaltungen statt, rund 80.000 Menschen kommen jährlich auf das Gelände. Diese Zahlen stammen aus dem Profil des Betriebs beim Umweltserver der Stadt Graz, der auch die ÖKOPROFIT-Zertifizierung des Hauses dokumentiert.
Das Programm ist gemischter als bei den städtischen Bühnen, weil die Seifenfabrik als Mietlocation funktioniert. Den Kern bilden Maturabälle, für die das Haus in Graz eine feste Größe ist, dazu Hochzeiten, Firmenfeiern, Weihnachtsfeiern, Galas und Preisverleihungen. Daneben laufen Messen und Fachausstellungen, Tagungen und Kongresse sowie Konzerte und Clubbings. Wer im Herbst durch die Stadt geht, sieht die Plakate für die Ballsaison; wer im Frühjahr eine Fachmesse besucht, steht oft in derselben Halle.
Weil das Haus keine eigene Programmierung im klassischen Sinn betreibt, gibt es auch keinen durchlaufenden Spielplan wie in Orpheum oder Helmut-List-Halle. Termine stehen im Kalender auf der Website des Hauses, Tickets verkauft immer der jeweilige Veranstalter. Einordnung und Vergleich der großen Häuser stehen in unserer Übersicht der Veranstaltungsorte in Graz.
Wann man ohne Einladung hineinkommt
Ein Teil der 220 Veranstaltungstage ist privat: Firmenfeiern, Hochzeiten, interne Tagungen. Öffentlich zugänglich sind vor allem drei Formate. Maturabälle verkaufen Karten frei, meist ab dem Spätherbst bis in den Februar. Messen und Fachausstellungen haben regulären Eintritt und finden über das Jahr verteilt statt. Und bei Konzerten und Clubbings läuft der Vorverkauf über den jeweiligen Veranstalter, nicht über das Haus.
Wer also spontan wissen will, ob am Abend etwas läuft, schaut in den Terminkalender auf der Website des Hauses - dort stehen die öffentlichen Termine, während private Feiern nicht angezeigt werden. Für Ballbesucher lohnt der frühe Kauf: Die Fachwerkhalle ist bei den größeren Schulen regelmäßig ausverkauft, und Restkarten an der Abendkassa gibt es dann keine.
Der Garten an der Mur
Der eigentliche Trumpf im Sommer ist die Freifläche. Der Garten misst 2.500 Quadratmeter, 68 mal 34 Meter, teils Wiese, teils Pflastersteine, und liegt direkt am linken Murufer. Für Grillabende, Sommerfeste und Empfänge heißt das: Die Gäste stehen im Freien, ohne dass die Halle als Schlechtwettervariante wegfällt. Feuerwerk ist am Gelände möglich, was in dieser Lage ungewöhnlich ist und regelmäßig für Hochzeiten genutzt wird.
Apropos Hochzeit: Die Seifenfabrik ist eine der bekannteren Locations der Stadt für freie und standesamtliche Trauungen samt anschließender Feier, weil sich Trauung, Aperitif im Garten und Dinner in der Fachwerkhalle an einem Ort abbilden lassen. Welche Möglichkeiten es in Graz sonst gibt, von Standesamt bis Location, steht in unserem Beitrag Heiraten in Graz.
Ausstattung: 200 Gratisparkplätze und Starkstrom
Die technische Ausstattung ist auf Veranstalter zugeschnitten und für Gäste vor allem in zwei Punkten relevant. Erstens: 200 kostenlose Parkplätze direkt am Gelände, dazu Fahrradabstellplätze - in dieser Innenstadtnähe eine Seltenheit, die sich bei Bällen und Messen bemerkbar macht. Zweitens: Der Zugang im Erdgeschoß ist barrierefrei, alle ebenerdigen Veranstaltungsräume sind stufenlos erreichbar.
Für alles andere hält das Haus vor, was ein Industriebau ohne Umbauten nicht kann: Entlüftungsanlage in allen Erdgeschoßräumen, Klimaanlage im Obergeschoß, Starkstromversorgung nach Bedarf, WLAN in allen Räumen mit aufschaltbarer Glasfaser bis 100 Mbit/s, Dunkelstrahlerheizung für die kalte Jahreshälfte, Bühne, Bestuhlung, Seminartische, Paravents, Gästegarderoben und Ambientelicht mit PAR-Scheinwerfern. Für Aufbauten gibt es Lkw-Zufahrt und direkte, stufenlose Anlieferung in alle ebenerdigen Räume. Die vollständige Liste steht auf der Ausstattungsseite des Hauses.
Catering: Hauscaterer oder eigener Gastronom
Anders als viele Eventlocations schreibt die Seifenfabrik den Caterer nicht vor. Es gibt zwei Hauspartner - Der Ederer und die Revita Gastronomie -, aber die Zusammenarbeit mit einem Gastronomen der eigenen Wahl ist möglich. Das Haus stellt je nach gemietetem Raum einen Cateringvorbereitungsraum mit Wasser- und Stromanschluss zur Verfügung, ebenerdig und stufenlos erreichbar. Für alle, die eine Hochzeit oder Firmenfeier planen, ist das der Punkt, an dem sich die Kalkulation entscheidet: Die Location gibt die Küche nicht vor, also lässt sich beim Essen zwischen Vollservice und schlanker Variante wählen.
Ein Industriebau mit Umweltzertifikat
Der Betrieb trägt die ÖKOPROFIT-Auszeichnung, das 1991 vom Grazer Umweltamt gemeinsam mit der TU Graz entwickelte Programm, an dem seither über 200 Grazer Unternehmen teilgenommen haben. Für die Seifenfabrik ist die Zertifizierung für den Zeitraum 2018 bis 2025 dokumentiert; im Mittelpunkt stehen Ressourcenschonung, Energieeffizienz und konsequente Abfalltrennung. Für Firmenkunden ist das mehr als Dekoration - wer intern Nachhaltigkeitskriterien erfüllen muss, kann die Zertifizierung der Location in die eigene Dokumentation übernehmen.
Dass ein denkmalgeschützter Backsteinbau von 1872 dabei nicht mit einem Neubau mithalten kann, liegt in der Natur der Sache. Die Rechnung geht trotzdem auf: Ein bestehendes Gebäude weiterzunutzen spart die graue Energie, die ein Abriss samt Neubau kosten würde - die Seifenfabrik ist in dieser Hinsicht das Gegenteil einer Wegwerfarchitektur.
Anreise und Lage
Die Adresse lautet Angergasse 43, 8010 Graz. Das Areal liegt im Bezirk Jakomini am linken Murufer auf Höhe des Ostbahnhofs, rund zwei Kilometer südöstlich des Hauptplatzes. Mit den Öffis halten die Buslinien 34, 66 und 67 bei der Haltestelle Seifenfabrik, also unmittelbar vor dem Gelände. Vom Zentrum ist man je nach Linie in etwa zehn bis fünfzehn Minuten da; wie Zonen und Tickets funktionieren, erklärt unser Öffi-Guide für Graz.
Mit dem Auto führt der Weg über die Conrad-von-Hötzendorf-Straße und die Angergasse; die hauseigenen Parkplätze machen das Suchen in den umliegenden Kurzparkzonen überflüssig. Wer trotzdem in der Umgebung stehen bleibt, sollte die Gebührenpflicht der grünen und blauen Zonen beachten - die Regeln dazu stehen in unserem Beitrag Parken in Graz. Kontakt zum Haus: +43 316 465268 und [email protected].
Was das Areal heute besonders macht
Es gibt in Graz mehrere umgenutzte Industriebauten, aber nur wenige, in denen die alte Nutzung so gut lesbar geblieben ist. In der Seifenfabrik steht man unter einem Fachwerkdach aus dem 19. Jahrhundert, sieht die Höhensprünge von 4,5 auf 9 Meter, erkennt an den Böden, wo früher gearbeitet und wo geheizt wurde, und geht durch Türen, die für Fuhrwerke gebaut wurden. Die Kombination aus drei sehr unterschiedlichen Hallen erlaubt Veranstaltungen, die sich in einem einzigen Saal nicht abbilden lassen: Empfang im Foyer, Dinner in der Fachwerkhalle, Party in der Markthalle, Rückzug in den Garten.
Für Besucherinnen und Besucher heißt das vor allem, dass zwei Abende in derselben Adresse völlig verschieden aussehen können. Ein Maturaball nutzt das ganze Haus, eine Fachtagung nur den Seminarraum und das Foyer. Ein Blick auf die Einladung oder das Ticket lohnt sich also, bevor man losfährt - und ein zweiter auf das Wetter, wenn der Garten Teil des Programms ist. Der Bezirk rundherum ist im Übrigen einer der dichtest bebauten der Stadt; wie sich Jakomini zu den anderen 16 Bezirken verhält, steht in unserer Übersicht der Grazer Bezirke. Stand August 2026.