Street Art in Graz: Murals, Graffiti und urbane Kunst
Die Grazer Street-Art-Szene: Murals in Lend und Gries, Kalvariengürtel, Lendplatz und die wichtigen Künstler von Nychos bis Carola Deutsch. Mit Tour-Routen.
Wo die Grazer Street-Art-Szene entstand
Bis etwa 2008 spielte Street Art in Graz eine untergeordnete Rolle. Es gab illegale Graffiti an Bahnstrecken und Industrieflächen, einzelne Stencils in der Innenstadt und kleinere Tags im Lend. Ein Wendepunkt kam mit dem Mural "Yoga John" der Grazer Gruppe Permanent Unit, gemalt 2008 an einer Wand am Lendplatz. Das Bild - ein überlebensgroßer Mann in Yoga-Pose - wurde schnell zum Fixpunkt der Grazer Urban-Art-Landkarte und ist bis heute zu sehen. Permanent Unit, bestehend aus mehreren Künstlerinnen und Künstlern, wurde 2005 gegründet und gilt als eine der ersten dezidiert "urban orientierten" Kunstgruppen der Stadt.
Zwei weitere Entwicklungen prägten die Szene nachhaltig. Erstens: das 2010 eröffnete "Taggerwerk" in der Wielandgasse - eine ehemalige Fabrik, die zum Kulturzentrum und Treffpunkt für urbane Kunst wurde. Beim "Livin' Streets Festival 2014" wurden hier zahlreiche Murals, Installationen und Graffiti geschaffen; der Platz ist bis heute einer der dichtesten Orte für legale Street Art in Graz. Zweitens: die Revitalisierung des Lend-Viertels, die ab Mitte der 2000er-Jahre begann. Mit dem Einzug kreativer Gewerbetreibender, Cafés, Designbüros und dem Kunsthaus Graz (2003) wurde der Bezirk für Muralisten zu einer Art Leinwand; viele heutige Wände entstanden hier in direkter Absprache mit Hausbesitzern.
Die wichtigsten Spots im Überblick
Lendviertel und Kalvariengürtel
Das Lendviertel im Bezirk Lend ist die Kernzone der Grazer Street Art. Hier konzentrieren sich die meisten Murals der Stadt. Das wohl bekannteste Werk ist eine rund 25 Meter lange Wand am Kalvariengürtel 67: "Die Hansis", zwei überdimensionale Eichhörnchen, gemalt 2017 von den Schwestern Carola und Sabrina Deutsch. Die beiden sind Teil der Grazer Gruppe "steboart" und haben in den vergangenen Jahren mehrere großflächige Arbeiten im Stadtgebiet realisiert. "Die Hansis" zählt zu den am häufigsten fotografierten Murals der Stadt und ist im besten Licht am Spätnachmittag zu sehen.
Wenige Meter weiter, am Lendplatz 10, steht "Yoga John" - das oben erwähnte Mural von Permanent Unit aus dem Jahr 2008. Es ist bis heute erhalten, allerdings leicht verwittert. In der Mariahilferstraße, am Annenhofgürtel und entlang der Griesgasse finden sich weitere größere Arbeiten aus den letzten Jahren, oft im Rahmen von Festivals oder im Auftrag der Stadt Graz entstanden.
Augarten und Augartenbad
Der Augartenpark im Bezirk Jakomini sowie das angrenzende Augartenbad beherbergen mehrere größere urbane Arbeiten. Die Wände des Augartenbades wurden in den 2010er-Jahren mehrfach bemalt; die aktuelle Version stammt aus einer Kooperation zwischen der Stadt und einer Gruppe von Grazer Muralistinnen. Der Augarten selbst ist mit seinen Grünflächen und dem Bach ein Kontrastraum zum dichten Lend - aber die Wände an den Randbereichen bieten Platz für Wandmalerei, die wiederum oft von jungen Grazer Künstlerinnen ausgeführt wird.
Griesplatz und Gries-Viertel
Gries, der fünfte Bezirk, ist seit einigen Jahren zu einem zweiten Zentrum der Grazer Street Art geworden. Besonders rund um den Griesplatz und entlang der Annenstraße entstanden zwischen 2018 und 2024 zahlreiche Murals, darunter großformatige Auftragsarbeiten an Hauswänden. Die Szene hier ist etwas experimenteller als im Lendviertel; es gibt mehr abstrakte Arbeiten, mehr Schwarz-Weiß-Flächen und auch provokative, politische Motive. Der Bereich um das Taggerwerk in der Wielandgasse hat sich seit 2014 als "Graffiti-Ghetto" etabliert - eine Nebenbezeichnung, die von den Künstlerinnen selbst stammt.
Schlossbergstollen-Bereich
Im Bereich der Schlossbergstollen und entlang einiger Tunnel finden sich genehmigte Graffiti-Flächen, an denen regelmäßig neue Werke entstehen. Das ist eine der wenigen Grazer Innenstadtzonen, in denen Sprayer ohne rechtliches Risiko arbeiten dürfen; die Stadt hat dort vor Jahren bestimmte Wände als "legale Flächen" ausgewiesen. Die Werke wechseln dort häufig, manchmal im Wochenrhythmus.
Karmeliterplatz und Herrengasse
Auch in der Inneren Stadt finden sich einzelne, meist kleinere Interventionen. Am Karmeliterplatz gibt es eine Reihe von Stickern, Stencils und kleineren Wandmalereien, die regelmäßig erneuert werden. In der Herrengasse selbst ist Street Art wegen des UNESCO-Welterbestatus eingeschränkt; die wenigen legalen Arbeiten dort sind sehr dezent und oft nur bei genauem Hinsehen zu erkennen.
Wichtige Künstlerinnen und Künstler
Nychos
Der international bekannteste mit Graz und der Steiermark verbundene Street-Art-Künstler ist zweifellos Nychos. Geboren 1982 in Bruck an der Mur, begann er seine künstlerische Karriere in Graz und verlegte später seinen Lebensmittelpunkt nach Wien, wo er 2012 die Urban-Art-Organisation "Rabbit Eye Movement" gründete. Heute pendelt Nychos zwischen Wien und Los Angeles. Seine Murals zeichnen sich durch einen unverwechselbaren anatomischen Stil aus: Tiere und Comicfiguren werden "seziert", in Querschnitten oder in röntgenartiger Transparenz gezeigt. Einflüsse sind Heavy Metal, Comic, Popkultur und Anatomieatlas zugleich.
In Graz selbst sind Arbeiten von Nychos eher selten geworden, weil seine Auftragshonorare inzwischen im mittleren fünfstelligen Bereich liegen. Dennoch finden sich ältere Werke aus seinen frühen Jahren im Stadtgebiet, darunter mehrere Tiermotive im Lendviertel. Wer seine Ästhetik in neuem Format sehen möchte, muss Wien, Berlin, Miami oder Los Angeles besuchen. Informationen über das Schaffen und die Projekte von Rabbit Eye Movement finden sich auf der offiziellen Rabbit-Eye-Movement-Seite.
Carola und Sabrina Deutsch (steboart)
Die Schwestern Carola und Sabrina Deutsch sind Teil des Grazer Kollektivs "steboart" und haben in den letzten Jahren zahlreiche Murals im Stadtgebiet gestaltet. Ihr Stil ist figurativ, detailreich und oft mit Tiermotiven durchsetzt. Neben "Die Hansis" am Kalvariengürtel stammen von ihnen mehrere Arbeiten im Bezirk Gries, am Andräviertel und im Lendviertel. steboart arbeitet auch mit Schulen und Jugendeinrichtungen zusammen und bietet Graffiti-Workshops an.
Gernot Passath
Gernot Passath ist einer der etabliertesten Grazer Muralisten. Seine Arbeiten sind oft großformatig und kombinieren Figuration mit abstrakten Elementen. Er hat in Graz und in anderen österreichischen Städten gearbeitet und gehört zur Generation, die in den 2000er- und 2010er-Jahren Street Art als legitime Kunstform in Österreich etabliert hat.
Weitere Namen
Weitere wichtige Namen der Grazer Street-Art-Szene sind Tom Lohner, David Leitner, die Gruppe Permanent Unit (gegründet 2005) und eine ganze Reihe jüngerer Künstlerinnen und Künstler aus dem Umfeld der Kunstuniversität Graz, der Ortweinschule und des Kunstlabor Graz. Die Ortweinschule - die höhere technische Lehranstalt für Kunst und Design im Bezirk Gries - bringt regelmäßig Nachwuchs in die Szene, und viele Absolvent:innen bleiben nach dem Abschluss in der Stadt oder arbeiten in Graz an Aufträgen.
Festivals und Organisationen
Urban Art Festival Styria
Das Urban Art Festival Styria ist seit einigen Jahren das wichtigste Format für zeitgenössische Street Art in der Steiermark. Es findet jährlich statt, meist im Sommer, und bespielt sowohl Graz als auch andere steirische Orte wie Leoben, Kapfenberg oder Bruck an der Mur. Das Festival umfasst öffentliche Wandmalerei, Workshops, Führungen und Diskussionen. Die letzte Ausgabe hat unter anderem in Graz-Lend und in Graz-Gries Arbeiten hinterlassen. Das Programm und die Künstlerliste sind auf der offiziellen Seite des Urban Art Festival Styria dokumentiert.
Graz.Urban.Art und geführte Rundgänge
Seit 2021 gibt es das Projekt "Graz.Urban.Art", das regelmäßige geführte Rundgänge durch die Street-Art-Szenen von Lend und Gries anbietet. Die Touren finden laut dem Discover-Graz-Portal zwischen Mai und Oktober jeden Donnerstag zwischen 18 und 19:30 Uhr statt. Sie werden von Urban-Art-Kennerinnen und -Kennern geführt und kosten rund 15 Euro pro Person. Die Rundgänge umfassen je nach Jahresthema entweder klassische Wege durch Lend und Gries oder neue Routen durch Graz-West, also den industriell geprägten Bereich rund um den Bahnhof und die Volksgartenstraße.
Taggerwerk und Kunstlabor Graz
Das Taggerwerk in der Wielandgasse und das Kunstlabor Graz in der Lendkai-Straße sind die wichtigsten Treffpunkte für Street-Art-Kultur in der Stadt. Beide bieten Workshops an, vermitteln Aufträge zwischen Künstlerinnen und Auftraggebern und haben regelmäßig Veranstaltungen wie Ausstellungseröffnungen, Live-Paintings und Diskussionen. Das Kunstlabor Graz - eine Kooperation der Kunstuniversität mit mehreren freien Initiativen - beherbergt außerdem Ateliers und Proberäume.
Praktische Hinweise zum Street-Art-Rundgang
Die bekanntesten Spots sind sämtlich zu Fuß zu erreichen. Ein sinnvoller Ausgangspunkt ist der Hauptplatz. Von dort geht es über die Hauptbrücke ins Lendviertel, entlang der Mariahilferstraße zum Lendplatz (dort ist "Yoga John"), weiter nördlich zum Kalvariengürtel 67 ("Die Hansis"), und schließlich zurück über den Augartenpark und die Annenstraße nach Gries. Der Rundgang ist etwa vier Kilometer lang und dauert mit Foto- und Lesestopps rund zwei Stunden. Wer mehr sehen möchte, kann noch die Gegend um das Taggerwerk in der Wielandgasse und den Griesplatz ergänzen - damit wird aus der Tour ein halber Tag.
Fotografieren ist an allen öffentlichen Spots erlaubt und für Street-Art-Besucherinnen und -Besucher völlig unproblematisch. Bitte berücksichtigen, dass viele Murals auf privaten Hauswänden entstanden sind; Respekt vor den angrenzenden Wohnungen, Geschäften und Menschen ist selbstverständlich. Einige Spots ändern sich regelmäßig - illegale Werke verschwinden oder werden übermalt, legale werden ersetzt. Wer also ein bestimmtes Bild sucht, sollte auf aktuelle Dokumentationen prüfen, zum Beispiel auf den Instagram-Accounts der Grazer Kulturmedien oder bei Street-Art-Blogs wie streetartbooks.eu.
Ein letzter Tipp: Viele Arbeiten sind erst bei seitlichem Licht oder aus bestimmten Winkeln zu erkennen. Der Spätnachmittag zwischen 16 und 18 Uhr ist in der Regel die beste Zeit; im Sommer lohnt sich auch ein Abendrundgang, weil dann die Lichtkontraste geringer sind und Farben anders wirken. Im Winter (November bis März) sind viele Wände feucht oder verdeckt; die beste Saison für Street-Art-Rundgänge in Graz ist daher von April bis Oktober.
Street Art und Stadtentwicklung
Die Rolle von Street Art im Stadtbild von Graz hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Vor zwanzig Jahren galt urbane Kunst in weiten Teilen der Öffentlichkeit noch als Sachbeschädigung. Heute ist sie ein offizieller Bestandteil der Kulturpolitik der Stadt; das Kulturreferat vergibt Aufträge an Muralistinnen, finanziert Festivals und duldet legale Graffiti-Flächen. Dieser Wandel ist eng mit der Revitalisierung von Lend und Gries verknüpft: Street Art hat dazu beigetragen, die vormals als "problematisch" wahrgenommenen Bezirke als kreative Zentren neu zu definieren, und sie ist heute ein Marketinginstrument, das die Stadt gezielt einsetzt.
Das hat Vor- und Nachteile. Zum einen wird die Szene professionalisiert, Aufträge bringen Einnahmen, Festivals locken Touristen. Zum anderen verschwindet damit ein Teil der ursprünglichen Street-Art-Kultur: das Spontane, Unerlaubte, Politische wird durch geordnete, finanzierte Projekte ersetzt. Kritikerinnen und Kritiker aus der Szene sprechen von einer "Ästhetisierung des öffentlichen Raums" und einer "Gentrifizierung durch Kunst". Beides ist in Graz spürbar - wer durch das Lendviertel geht, erlebt heute eine Mischung aus spontanen Tags, auftragsgestützten Murals und kommerziellen Arbeiten, die manchmal schwer voneinander zu trennen sind.