GRAZ JOURNAL

Das Landeszeughaus: Die größte historische Waffenkammer der Welt

Das Grazer Landeszeughaus: 32.000 Objekte vom 15. bis 18. Jahrhundert, erbaut 1642-1645 von Antonio Solar, Teil des Universalmuseums Joanneum. Rüstungen, Harnische, Feuerwaffen, Klingen.

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Das Landeszeughaus: Die größte historische Waffenkammer der Welt

Graz als Grenzfestung: Der historische Kontext

Um das Landeszeughaus zu verstehen, muss man sich die geopolitische Lage der Steiermark im 16. und 17. Jahrhundert vergegenwärtigen. Ab Mitte des 15. Jahrhunderts rückten die Osmanen unter Sultan Mehmed II. und seinen Nachfolgern immer weiter in Europa vor. Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 und dem Vordringen in den Balkan gerieten die habsburgischen Erblande ab Ende des 15. Jahrhunderts in den Fokus der osmanischen Expansion. Die "Erste Türkenbelagerung" Wiens 1529 zeigte, wie verwundbar auch das Herz Österreichs war; Graz und die Steiermark waren geografisch näher am Kriegsschauplatz als Wien und daher permanent bedroht.

Die steirischen Stände - also die Vertreter von Adel, Klerus und Bürgerschaft - waren im feudalen System Österreichs für die Verteidigung der Region zuständig. Sie hatten im Kriegsfall Truppen zu stellen, die Grenze zu sichern und die Waffen und Rüstungen bereitzuhalten. Wegen der wiederkehrenden Osmanenvorstöße (besonders dem "Langen Türkenkrieg" 1593-1606), dem Angriff der ungarischen Rebellen 1605 und der Bedrohung durch den Fürsten Bethlen Gábor aus Siebenbürgen (1619-1622) baute die Steiermark ab dem späten 16. Jahrhundert ein systematisches Waffenarsenal auf. Die Bestände wurden über mehrere Jahrzehnte hinweg angesammelt, in verschiedenen Depots gelagert und schließlich zwischen 1642 und 1645 in einem einzigen zentralen Gebäude zusammengefasst - eben im heutigen Landeszeughaus.

Der Bau: Antonio Solar und das Arsenal von 1642

Der Bauauftrag ging 1642 an den Baumeister Antonio Solar, der aus dem heutigen Kanton Graubünden stammte und sich zu dieser Zeit bereits einen Namen als Architekt in der Steiermark gemacht hatte. Solar entwarf ein funktionales, zurückgenommenes Gebäude: vier Obergeschosse, eine schlichte Fassade, keine übermäßigen Verzierungen. Das Zeughaus war als reines Nutzgebäude konzipiert - Lager, Werkstatt, Depot. Der Hauptzweck war es, Waffen so zu lagern, dass sie im Bedarfsfall schnell ausgegeben werden konnten. Jedes Stockwerk war für eine bestimmte Waffengattung reserviert, damit die Waffenwärter (die "Zeugwarte") im Kriegsfall schnell die benötigten Ausrüstungen finden konnten.

Die Fassade trägt an der Vorderseite (Herrengasse) skulpturale Darstellungen von Mars (dem römischen Kriegsgott) und Minerva (der Göttin der Weisheit und des gerechten Krieges) sowie das Wappen der steirischen Stände. Diese Skulpturen wurden nicht von Solar selbst, sondern von dem Bildhauer Giovanni Mamolo gefertigt. Innen ist der Bau bis heute weitgehend im Originalzustand erhalten - mit den alten Holzregalen, den Waffenständern und den tragenden Holzbalken. Das ist das eigentliche Wunder: Kein größerer Umbau, keine Restaurierung im Sinne einer Modernisierung, keine Zerstörung durch Kriege. Das Landeszeughaus ist so, wie es im 17. Jahrhundert angelegt wurde.

Die Frage, warum der Baubeginn 1642 im Gesamtkomplex gelegentlich mit "1644" angegeben wird, ist einfach: Das Datum 1644 bezieht sich auf einen Zwischenschritt während der Bauarbeiten (die Fertigstellung der Dachkonstruktion), während 1642 das offizielle Baustartdatum und 1645 die vollständige Übergabe an die steirischen Stände ist. Die am häufigsten in der kunsthistorischen Literatur angegebene Fertigstellung ist somit 1645, nicht 1644.

Die Sammlung: 32.000 Objekte auf vier Stockwerken

Die Sammlung umfasst laut offizieller Angabe des Graz-Tourismus-Eintrags zum Landeszeughaus rund 32.000 Objekte. Sie ist in vier Sammlungsbereiche gegliedert:

  • Harnische, Rüstungen, Helme, Kettenhemden und Schilde: rund 3.840 Objekte. Dazu zählen komplette Ritterrüstungen aus dem 15. und 16. Jahrhundert, einfache Soldatenrüstungen aus der Türkenzeit, Helme aller Art (vom Spangenhelm über den Sturmhaube bis zum Kesselhut), Kettenhemden aus Eisenringen und Schilde verschiedener Bauart.
  • Blankwaffen (Schwerter, Säbel, Dolche): rund 2.414 Stücke. Darunter sowohl einfache Landsknechtschwerter als auch fein gearbeitete Prunkwaffen aus den Werkstätten von Augsburg, Nürnberg und dem damaligen Toledo in Spanien.
  • Stangenwaffen (Hellebarden, Spieße, Piken, Lanzen): etwa 5.395 Stücke. Diese Waffen wurden vor allem vom Fußvolk benutzt und machten im 17. Jahrhundert noch einen Großteil des Infanteriewaffenbestands aus.
  • Feuerwaffen: rund 3.867 Musketen, Gewehre und Hakenbüchsen plus 4.259 Pistolen, dazu Munition, Kugelformen, Pulverhörner, Zünder, Patronentaschen und die zugehörigen Zubehörteile.

Hinzu kommen Kanonen, Mörser, Trommeln, Fahnen und Feldzeichen sowie Prunkstücke, die nicht für den Kampf gedacht waren, sondern für Paraden, Festivitäten und repräsentative Zwecke. Viele dieser Objekte sind hervorragend gearbeitet; die besten Harnische des 16. Jahrhunderts stammen von berühmten Augsburger und Mailänder Meistern und gelten als Höhepunkte der europäischen Harnischkunst.

Schließung 1749 und Rettung durch Maria Theresia

Mitte des 18. Jahrhunderts war die Bedeutung der steirischen Stände als Verteidigungseinheit stark zurückgegangen. Die habsburgische Armee war nun eine zentral organisierte, stehende Truppe mit Waffenlieferungen aus Wien und Böhmen; die regionalen Arsenale hatten ihre Funktion verloren. Kaiserin Maria Theresia verordnete im Rahmen ihrer Militärreformen 1749 die Schließung des Grazer Landeszeughauses. Die Waffen sollten zentral verwaltet werden.

Ein Vertreter der steirischen Stände intervenierte allerdings bei der Kaiserin und bat um die Erhaltung des Gebäudes und seiner Bestände - als historisches Zeugnis der steirischen Verteidigungstradition. Maria Theresia stimmte dem Antrag zu: Das Zeughaus wurde zwar als militärische Einrichtung aufgelöst, blieb aber als geschichtliches Denkmal erhalten. Das war die entscheidende Weichenstellung. Ohne diese Entscheidung wären die Waffen wahrscheinlich eingeschmolzen, verkauft oder an andere Arsenale verteilt worden, und das Gebäude hätte einer anderen Nutzung zugeführt werden müssen.

So blieb das Landeszeughaus nahezu ein Jahrhundert lang geschlossen - als eine Art Waffenmuseum ohne formalen Museumsbetrieb. 1811 gründete Erzherzog Johann das Steiermärkische Landesmuseum Joanneum, eines der ältesten öffentlichen Museen Österreichs. 1892 wurde das Landeszeughaus dem Joanneum angegliedert und damit formell zum Museum. Seit 2003 ist es Teil des Universalmuseums Joanneum, dem großen Museumsverbund des Landes Steiermark, zu dem auch die Neue Galerie, das Kunsthaus, Schloss Eggenberg und mehr als ein Dutzend weitere Häuser gehören.

Das Museumserlebnis: Einzigartig und zurückhaltend

Ein Besuch im Landeszeughaus ist anders als ein Besuch in fast jedem anderen Waffenmuseum. Die meisten historischen Waffensammlungen - etwa das Heeresgeschichtliche Museum in Wien, der Tower of London oder das Musée de l'Armée in Paris - präsentieren ihre Stücke in Vitrinen, auf Tafeln, mit Beschriftung und dramatischer Beleuchtung. Im Grazer Landeszeughaus ist es fast umgekehrt: Die Waffen stehen so, wie sie im 17. Jahrhundert gelagert wurden, auf offenen Holzregalen, in Reihen, oft Hunderte nebeneinander. Die Atmosphäre ist die einer echten Waffenkammer, nicht eines didaktisch aufbereiteten Museums.

Das hat Vor- und Nachteile. Der Vorteil ist die Authentizität: Die Besucher sehen die Objekte in einem Kontext, der dem historischen entspricht. Die bloße Masse der Objekte macht eindrucksvoll klar, was es bedeutete, eine Armee von mehreren tausend Mann auszurüsten. Der Nachteil: Wer keine eigene Vorkenntnis mitbringt, steht vor diesen Reihen und weiß nicht recht, was er sehen soll. Eine Führung ist daher sehr zu empfehlen. Das Museum bietet Führungen in mehreren Sprachen an, darunter Deutsch, Englisch, Italienisch und Französisch (Gruppen auf Anfrage).

Wichtig zu wissen: In den Wintermonaten (1. November bis 31. Dezember) ist das Zeughaus nur im Rahmen geführter Touren zugänglich. Individuelles Besichtigen ist im Winter nicht möglich. Im Sommer (1. April bis 31. Oktober) ist das Haus an allen Tagen außer Montag von 10 bis 18 Uhr geöffnet und kann auch ohne Führung besucht werden.

Besichtigung: Öffnungszeiten, Eintritt, Sanierung 2026

Die Sommersaison 2026 beginnt nach Angaben des Universalmuseums Joanneum Anfang April 2026, nachdem das Haus von 7. Januar bis Ende März 2026 wegen Sanierungsarbeiten geschlossen war. Ab 1. April 2026 gelten die regulären Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr. Montags ist das Zeughaus durchgehend geschlossen.

Für die Besichtigung stehen mehrere Tickets zur Auswahl:

  • Einzelticket Landeszeughaus: 10 Euro regulär, 4 Euro ermäßigt (Studierende, Senioren, Behinderte)
  • Joanneum 24-Stunden-Ticket: 19 Euro regulär, 7 Euro ermäßigt. Gilt für alle Häuser des Joanneum-Verbunds in Graz und der Steiermark innerhalb von 24 Stunden
  • Joanneum 48-Stunden-Ticket: 24 Euro regulär, 9 Euro ermäßigt
  • Jahresticket: 55 Euro regulär, 20 Euro ermäßigt (unbegrenzte Besuche aller Joanneum-Häuser für ein Jahr)

Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren haben freien Eintritt. Die 24-Stunden-Karte ist für Touristen die attraktivste Option, da sie neben dem Landeszeughaus auch Neue Galerie, Kunsthaus, Schloss Eggenberg und alle anderen Joanneum-Häuser beinhaltet. Führungen sind im Ticketpreis enthalten.

Die offiziellen Führungstermine im Sommer sind Dienstag bis Sonntag um 11.00 Uhr (Deutsch), 12.30 Uhr (Englisch) und 14.00 Uhr (Deutsch). Im Winter, also von November bis Ende Dezember, finden die Führungen ebenfalls täglich statt und sind der einzige Weg, das Haus zu besichtigen. Spezialführungen für Gruppen ab zehn Personen und in anderen Sprachen können über das Museumsbüro (Telefon 0316 8017-9810 oder [email protected]) vereinbart werden.

Spezielle Formate und Events

Das Landeszeughaus veranstaltet mehrmals jährlich Sonderformate. Zu den bekanntesten zählen das Lange Nacht der Museen im Oktober, bei der das Haus bis in die Nachtstunden geöffnet ist, sowie themenspezifische Abendführungen zu Themen wie "Waffen der Türkenzeit", "Die Harnische der Eggenberger", "Schießpulver, Feuerwaffen und Munition" oder "Frauen im Krieg". Gelegentlich finden auch Konzerte oder literarische Lesungen in den historischen Räumen statt. Im Rahmen des Universalmuseums Joanneum werden die Termine zentral über die englischsprachige Tickets-und-Öffnungszeiten-Seite des Joanneums bekanntgegeben.

Für Familien mit Kindern bietet das Museum ein eigenes Programm an: kindgerechte Führungen, Workshops zum Thema "Ritter und Ritterrüstungen" und gelegentlich auch Kostümtage, an denen Kinder in historischen Rüstungen posieren können. Diese Formate sind allerdings nicht während der regulären Besuchszeiten, sondern nur an ausgewählten Terminen verfügbar.

Anreise und Umfeld

Das Landeszeughaus liegt in der Herrengasse 16, 8010 Graz, im ersten Bezirk Innere Stadt und ist zu Fuß vom Hauptplatz aus in drei Minuten erreichbar. Die Herrengasse ist eine der wichtigsten Fußgängerachsen der Altstadt, die Tramlinien 1, 3, 4, 5, 6 und 7 halten alle am Hauptplatz. Parkmöglichkeiten bestehen in den umliegenden Parkhäusern (Andreas-Hofer-Platz, Opernring), in der Altstadt selbst sind nur wenige Parkplätze verfügbar.

Ein Besuch im Landeszeughaus kombiniert sich natürlich mit einem Rundgang durch den Landhaushof direkt nebenan - einem der schönsten Renaissance-Innenhöfe Österreichs, errichtet ab 1557 von Domenico dell'Allio, mit Rundbögen, offenen Arkaden und einem Brunnen in der Mitte. Von dort sind es wenige Schritte zum Grazer Dom, zum Mausoleum Ferdinands II., zur Burg, zur Herrengasse mit ihren Geschäften und Cafés und zum Hauptplatz mit dem Rathaus. Für kunst- und geschichtsinteressierte Besucher lässt sich ein halber Tag in der Innenstadt bequem mit dem Landeszeughaus als Hauptattraktion organisieren; wer mehr Zeit hat, kombiniert den Besuch mit Schloss Eggenberg (im Bezirk Eggenberg, rund 20 Minuten mit der Tramlinie 1 erreichbar) und macht daraus einen ganzen Museumstag im Rahmen des Joanneum-24-Stunden-Tickets.

Das Haus ist rollstuhlgerecht, wenngleich die Holztreppen zwischen den vier Obergeschossen eng und steil sind. Ein Aufzug ist vorhanden. Fotografieren ohne Blitz und ohne Stativ ist im gesamten Haus erlaubt, für die eigene Verwendung kostenfrei.

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