Graz trägt den Titel „GenussHauptstadt" nicht ohne Grund. Die zweitgrößte Stadt Österreichs hat sich in den vergangenen Jahren zu einem echten Hotspot für Feinschmecker entwickelt. Der aktuelle Gault&Millau 2026 bestätigt diesen Trend eindrucksvoll: Von der historischen Kronländerküche bis zur innovativen Fusionsküche bietet Graz eine Bandbreite an kulinarischen Erlebnissen, die selbst verwöhnte Gaumen überrascht.
Besonders bemerkenswert: Die Grazer Haubenszene zeichnet sich nicht nur durch klassische Fine-Dining-Konzepte aus, sondern überrascht mit ungewöhnlichen Geschichten. So kocht hier die älteste Haubenköchin der Welt – eine 84-jährige Vietnamesin, die 1981 als Flüchtling nach Österreich kam. Und im Parkhotel serviert ein junges Team Gerichte nach Rezepten der Habsburger, die 450 Jahre alt sind.
Gault&Millau Bewertungssystem
Der Gault&Millau bewertet Restaurants nach einem Punktesystem von 0 bis 20. Ab 12 Punkten gibt es die erste Haube, ab 15 Punkten zwei Hauben, ab 17 Punkten drei Hauben und ab 18 Punkten vier Hauben. Die Höchstnote von 20 Punkten (fünf Hauben) wurde in Österreich noch nie vergeben.
Die Haubenrestaurants im Überblick
Der Gault&Millau 2026 listet mehrere Grazer Restaurants mit Haubenauszeichnung. Hier die wichtigsten Adressen:
| Restaurant | Küchenchef | Hauben | Punkte |
|---|---|---|---|
| Zur Goldenen Birn | Jan Eggers | 4 Hauben | 17,5 |
| Artis | Philipp Dyczek | 3 Hauben + 1 Stern | 16 |
| VINA | Thi Ba Nguyen | 1 Haube | 12 |
| Aiola Upstairs | – | 1 Haube | 12 |
| Restaurant Florian | Kurt Mörth | 1 Haube | 12,5 |
Zur Goldenen Birn: Das beste Restaurant der Stadt
Mit 17,5 Punkten und 4 Hauben ist die Zur Goldenen Birn im Parkhotel Graz das beste Restaurant der steirischen Landeshauptstadt. Im aktuellen Gault&Millau konnte das Team um Küchenchef und Chefpatissier Jan Eggers sogar um einen halben Punkt zulegen – eine beachtliche Aufwertung in der Spitzengastronomie.
Das Konzept ist einzigartig in Österreich: Eine kulinarische Zeitreise durch die Jahrhunderte, inspiriert von historischen Rezeptaufzeichnungen der Habsburger und kulinarischen Überlieferungen aus den k.u.k.-Kronländern. Der Name des Restaurants ist dabei kein Zufall – bereits 1574 wurde an dieser Stelle das „Gasthaus Zur Goldenen Birn" erstmals urkundlich erwähnt, als wichtige Wegmarke auf der Einfahrtsstraße nach Ungarn.
Das kulinarische Erlebnis
Gerichte wie der „Kartoffelkönig" – eine aus Kartoffeln geformte Birne mit flüssigem Dotter und Parmesan-Trüffelschaum – oder „Blanc Manger" verbinden historische Rezepturen mit moderner Technik. Besonders die Desserts offenbaren die Kreativität des Teams: Eine aus Schokolade nachgebaute Auster mit Holunder-Dashi oder Maultaschen mit Tahiti-Vanille zeigen die Liebe zu außergewöhnlichen Geschmackskombinationen.
- 8-Gänge-Menü: € 200 pro Person
- 4-Gänge-Menü: € 125 pro Person
- Weinbegleitung: € 60 bis € 100
- Öffnungszeiten: Donnerstag bis Samstag, 18:00–20:00 Uhr
- Besonderheit: Größte Kombucha-Karte Österreichs mit 12 hausgemachten Variationen
Tipp: Reservierung erforderlich
Das Restaurant bietet nur 18 Plätze. Eine rechtzeitige Reservierung ist unbedingt erforderlich. Von 21. Dezember 2025 bis 21. Januar 2026 befindet sich das Team im Weihnachtsurlaub.
Restaurant Artis: Michelin-Stern trifft Avantgarde
Das Restaurant Artis in der Schmiedgasse ist das einzige Grazer Restaurant mit einem Michelin-Stern. Küchenchef Philipp Dyczek, Mitglied der renommierten Jeunes Restaurateurs, verbindet fernöstliche Aromen mit klassisch französischer Kochtechnik zu einer unverwechselbaren Fusionsküche.
Die Location selbst erzählt Geschichte: In den historischen Räumlichkeiten einer ehemaligen Hufschmiede serviert Dyczek ausschließlich Überraschungsmenüs. Der Name „Artis" (lateinisch für Handwerk) ist dabei Programm. „Es war uns wichtig, Tradition und Geschichte aufrecht zu erhalten und mit dem Jetzt zu verbinden", erklärt der Küchenchef sein Konzept.
„Herrlich pur etwa die Jakobsmuscheln in Kren-Wasabi-Öl, wunderbar die superkrosse Barbarie-Ente mit fermentierter Zwetschke." – Gault&Millau über das Restaurant Artis
Das Menü-Konzept
Philipp Dyczek wechselt sein Menü alle zwei Monate und präsentiert dabei Produkte aus der ganzen Welt. Der Fokus liegt auf Fangfisch und Meeresfrüchten, aber auch regionale Zutaten wie steirischer Alpenlachs oder Maishendl finden ihren Platz. Die Weinbegleitung setzt auf Naturweine von österreichischen Winzern.
- 4-Gänge-Menü: ab € 95 pro Person
- 8-Gänge-Menü: ab € 145 pro Person
- Auszeichnungen: 3 Hauben (16 Punkte), 1 Michelin-Stern, 3 Gabeln (93 Falstaff-Punkte)
- Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag, 13:00–21:30 Uhr
- Adresse: Schmiedgasse 18-20, 8010 Graz
VINA: Die älteste Haubenköchin der Welt
Die vielleicht berührendste Geschichte der österreichischen Gastronomie schreibt Thi Ba Nguyen im Restaurant VINA. Mit 84 Jahren ist die gebürtige Vietnamesin die älteste Haubenköchin der Welt – ein Titel, den sie im Gault&Millau 2026 erneut bestätigt bekam.
1981 kam Thi Ba Nguyen als Flüchtling nach Graz. Mehr als vier Jahrzehnte später hat sie sich mit ihrer authentischen vietnamesischen Küche eine treue Fangemeinde erkocht. Gemeinsam mit ihrem Sohn Robert, der in Graz geboren wurde, eröffnete sie 2015 das Restaurant VINA. Nach dem Umzug in größere Räumlichkeiten in der Grazer Innenstadt 2023 zählt das Lokal zu den kulinarischen Hotspots der Stadt.
„Mit dem Alter lernt man, dass alles seine Zeit braucht. Das Schnelle verflüchtigt sich leicht. Bis zu der Gault&Millau Haube hat es auch lange Zeit gebraucht. Jetzt kann ich sagen: Sie steht uns gut." – Thi Ba Nguyen, älteste Haubenköchin der Welt
Vietnamesische Aromenwelt
Das Lieblingsgericht der Küchenchefin ist die traditionelle Pho, die im VINA mehr als acht Stunden köchelt. Der Gault&Millau lobt besonders die „herrlich puren Kammmuscheln mit Wasabicreme" und das „wunderbar aromatische geschmorte Bioschwein mit Wachteleiern". Neben dem À-la-carte-Angebot gibt es ein Fine-Dining-Menü, das tiefer in die Aromenwelt Vietnams eintauchen lässt.
- Auszeichnung: 1 Haube, 12 Punkte im Gault&Millau 2026
- Spezialität: Pho-Suppe (8 Stunden gekocht)
- Geschichte: 2015 gegründet, 2023 Neueröffnung in der Innenstadt
- Besonderheit: Fine-Dining-Konzept seit September 2024
Aiola Upstairs: Genuss über den Dächern
Das Aiola Upstairs am Schlossberg bietet mehr als nur kulinarischen Genuss – die spektakuläre Aussicht über die Grazer Altstadt macht jeden Besuch zu einem Erlebnis. Die Glasfronten des architektonisch innovativen Gebäudes verschwinden bei gutem Wetter lautlos im Boden und lassen Innen- und Außenraum verschmelzen.
Mit 1 Haube und 12 Punkten im Gault&Millau bietet das Restaurant eine gehobene, aber zugängliche Küche. Von Bachsaibling auf Pariser Erdäpfel bis zu Ochsenbackerl mit Cremepolenta – die Gerichte sind modern interpretiert, ohne verkopft zu wirken. Das Aiola Upstairs ist zudem eines der wenigen Haubenrestaurants, das bereits zum Frühstück öffnet.
- Öffnungszeiten: Täglich 9:00–24:00 Uhr (Sonntag bis 18:00 Uhr)
- Sitzplätze: 120 auf der Terrasse, 60 im Innenbereich
- Erreichbarkeit: Schlossberg-Lift, Schlossberg-Bahn oder 260 Stufen
- Tipp: Tisch auf der Terrasse für Sonnenuntergang reservieren
Weitere ausgezeichnete Restaurants
Restaurant Florian im Parkhotel
Das Schwesterrestaurant der Goldenen Birn im Parkhotel Graz setzt auf gehobene österreichische Küche. Küchenchef Kurt Mörth wurde im aktuellen Gault&Millau auf 12,5 Punkte aufgewertet. Wer die Atmosphäre des Parkhotels genießen, aber nicht das volle Fine-Dining-Erlebnis sucht, ist hier bestens aufgehoben.
Gerüchteküche: Future Award Steiermark
Der Gault&Millau verleiht in Kooperation mit Verbund den „Future Award" an Betriebe, die sich besonders für Nachhaltigkeit engagieren. In der Steiermark ging diese Auszeichnung 2026 an die Gerüchteküche in Graz – ein Zeichen dafür, dass auch junge, innovative Konzepte ihren Platz in der Grazer Gastronomie haben.
Knapp außerhalb: Das Edelsbrunner in Premstätten
Nur wenige Kilometer südlich von Graz, in Premstätten, hat sich Daniel Edelsbrunner mit seinem gleichnamigen Gourmetrestaurant an die Spitze der steirischen Kulinarik gekocht. Das neu eröffnete Fine-Dining-Restaurant „Das Edelsbrunner" im Kupferdachl stieg direkt mit 17 Punkten und 4 Hauben ein – zusammen mit den 2 Hauben für das Restaurant Kupferdachl kommt der Küchenchef auf insgesamt 6 Hauben.
„Wir freuen uns sehr über diese Auszeichnung. Das ist ein riesiger Ansporn für uns und unser Team und eine Bestätigung, dass echte Qualität, Regionalität und Handwerk ihren Platz haben", so Daniel Edelsbrunner.
Die Steiermark im Gault&Millau 2026
Auch wenn Graz im Fokus dieses Guides steht, lohnt ein Blick in die weitere Steiermark. Besonders die Südsteiermark und das Sausal haben sich zu kulinarischen Hotspots entwickelt. Die Spitzenreiter der Region:
| Restaurant | Ort | Hauben | Punkte |
|---|---|---|---|
| Am Pfarrhof | St. Andrä im Sausal | 4 Hauben | 18,5 |
| Die Weinbank | Ehrenhausen | 4 Hauben | 18,5 |
| Geschwister Rauch | Bad Gleichenberg | 4 Hauben | 18 |
| Saziani Stub'n | Straden | 4 Hauben | 17,5 |
Praktische Tipps für Ihren Besuch
- Reservierung: Bei allen 3- und 4-Hauben-Restaurants mehrere Wochen im Voraus buchen
- Menüwahl: In Fine-Dining-Restaurants empfiehlt sich das Degustationsmenü mit Weinbegleitung
- Dresscode: Smart Casual bis elegant – bei Unsicherheit vorher anfragen
- Budget: Rechnen Sie mit € 150–250 pro Person für ein vollständiges Fine-Dining-Erlebnis
- Allergien: Vegetarische, vegane und allergieangepasste Menüs meist auf Anfrage möglich
Unser Fazit
Graz bietet eine überraschend vielfältige Haubenszene. Von der historischen Zeitreise in der Goldenen Birn über die avantgardistische Fusionsküche im Artis bis zur authentischen vietnamesischen Küche im VINA – die GenussHauptstadt macht ihrem Namen alle Ehre. Besonders beeindruckend: Die Geschichten hinter den Restaurants sind mindestens so spannend wie die Gerichte auf den Tellern.