In Graz trifft klassische Kaffeehausatmosphäre auf moderne Coffeeshop-Kultur. Ob traditionsreiche Konditoreien mit Marmortischen und Zeitungstisch oder Third-Wave-Cafés mit Spezialitätenkaffee und Latte Art – die steirische Landeshauptstadt bietet für jeden Kaffeetyp das passende Ambiente. Und während anderswo die Kaffeehauskultur ausstirbt, wird sie in Graz lebendig gehalten – und neu interpretiert.
„Mit einem Kaffeehaus hat man einen gewissen Kulturauftrag", sagt Simon Lackner vom Café Kaiserfeld. Ein Satz, den viele Grazer Kaffeehausbetreiber unterschreiben würden. Denn was ein echtes Kaffeehaus ausmacht, ist mehr als guter Kaffee: Es ist ein Ort zum Verweilen, Beobachten, Lesen und – wie es Helmut Rebernegg vom Kaffeehaus im Erzherzog Johann formuliert – „zum Versumpern".
Die Wiener Kaffeehauskultur in Graz
Die österreichische Kaffeehauskultur ist seit 2011 immaterielles UNESCO-Kulturerbe. Entstanden Ende des 17. Jahrhunderts, waren Kaffeehäuser nicht bloß Orte des Kaffeetrinkens, sondern Treffpunkt zum Reden und Philosophieren, Beobachten und Genießen. Man erfuhr Neuigkeiten aus der Zeitung, wurde unterhalten oder kam zum Schreiben und Arbeiten.
Laut dem „Klub der Wiener Kaffeehausbesitzer" sind für ein echtes Kaffeehaus das Vorhandensein eines Zeitungstisches, das Glas Wasser zum Kaffee und ein kulturelles Angebot unerlässlich. Und obwohl Wien als Zentrum gilt: „Diese besondere Kultur als Ort der gesellschaftlichen Begegnung pflegen wir nicht nur in Wien, sondern genauso in Graz", betont das traditionsreiche Café Sacher.
Was ein echtes Kaffeehaus ausmacht
- Zeitungstisch mit nationalen und internationalen Gazetten
- Glas Wasser zum Kaffee – ohne zu fragen
- Marmortische, gemütliches Mobiliar
- Keine Hektik, keine nervige Musikbeschallung
- Zeit zum Verweilen – auch bei nur einer Bestellung
- Hausgemachte Mehlspeisen in der Vitrine
Die Traditionshäuser
Graz hat eine Handvoll Kaffeehäuser bewahrt, die den Geist der alten Kaffeehauskultur hochhalten – mit Marmortischen, Zeitungen und dem gewissen Wohlfühl-Flair, das zum stundenlangen Verweilen einlädt.
Kaffee Weitzer
Im ehrwürdigen Stadthotel an der Mur wird traditionelle Kaffeehaus-Kultur hochgehalten – mit allem, was dazugehört: Zur Melange (oder zum türkischen Kaffee!) gibt es internationale Zeitungen, gemütliches Mobiliar und Mehlspeisenklassiker erster Güte. Das Kaffee Weitzer definiert sich selbst als „ein Kaffeehaus wie damals, nur eben heute" – WLAN inklusive.
Adresse: Grieskai 12–16 · Öffnungszeiten: Mo–Fr 7:30–19:00, Sa/So/Feiertag 9:00–19:00
Café Sacher Graz
Der kleine Bruder des weltberühmten Wiener Sacher bietet im Herzen der Altstadt die Original Sacher-Torte und klassische Wiener Kaffeehausatmosphäre. Neben der berühmten Torte überzeugen der warme Apfelstrudel mit Vanillesauce und die traditionellen Kaffeespezialitäten. Das Café ist gleichzeitig Restaurant und Weinbar.
Adresse: Herrengasse 6 · Öffnungszeiten: täglich 8:00–23:00
Kaffeehaus im Erzherzog Johann
Im Palais-Hotel Erzherzog Johann erwartet Gäste traditionelle Kaffeehauskultur mit großer Zeitungsauswahl. „Im Kaffeehaus kann man sich Zeit nehmen, in Ruhe Zeitung lesen oder am Geschehen teilnehmen", so der Betreiber. Das Café bietet werktags einen Tagesteller und eine erweiterte Kaffeehauskarte mit Snacks und kleinen Speisen.
Adresse: Sackstraße 3–5 · Website: kaffeehaus-erzherzogjohann.at
Café König: Der Geheimtipp
Das Café König in der Sackstraße ist für viele Grazer eine Institution – und für Ortsunkundige ein echter Geheimtipp. Klein aber fein, mit traditionellem Charme, der schon von außen durch das Schaufenster lockt. Die Kuchenvitrine ist legendär, der Service aufmerksam, die Atmosphäre zum Zurücklehnen. Ein Kaffeehaus, in dem man noch in Ruhe die Zeitung studieren und über das Leben nachsinnen kann.
Die neue Welle: Third-Wave-Cafés
Neben den Traditionshäusern hat sich in Graz eine lebendige Third-Wave-Coffee-Szene entwickelt. Der Begriff bezeichnet eine Bewegung, die Kaffee nicht als Massenprodukt, sondern als handwerkliches Genussmittel betrachtet – ähnlich wie Wein. Im Fokus stehen Herkunft der Bohnen, Röstverfahren und Zubereitungsmethoden.
Tribeka
Mit vier Filialen in Graz ist Tribeka das Aushängeschild der Grazer Coffeeshop-Szene. Die Philosophie: „Trink besseren Kaffee!" In rustikal-hipstem Ambiente mit Backsteinelementen und von der Decke baumelnden Glühbirnen gibt es große Tassen Third-Wave-Kaffee, Muffins, Croissants und einen legendären Cheesecake.
Standorte: Grieskai 2, Technikerstraße 13, Leonhardstraße 82, Kaiserfeldgasse 6 · Öffnungszeiten: Mo–Fr 7–19 Uhr, Sa–So 8–19 Uhr
The Beanery
Ein Pflichttermin für Kaffeeliebhaber: Die Beanery röstet ihren Kaffee selbst und serviert Highend-Qualität mit atemberaubendem Blick auf den Grazer Schlossberg. Der kleine Coffeeshop nahe der TU Graz zählt zu den besten Adressen für Specialty Coffee in der Stadt.
Website: thebeanery.at
Barista's
Mit acht Filialen von der Heinrichstraße bis zur Eggenberger Allee ist Barista's in ganz Graz präsent. Die eigene Röstung, Bio-Chai-Latte und internationale Kaffeevariationen stehen für eine neue, weltoffene Ausprägung der Kaffeehauskultur. Dazu gibt es frisch zubereitete Bagels und Snacks.
Standorte: 8 Filialen in Graz · Website: baristas.at
Besondere Adressen
Mit Aussicht
Das Freiblick im obersten Stockwerk des Kaufhauses Kastner & Öhler bietet einen der besten Ausblicke in Graz – über die Dächer der Altstadt bis zum Schlossberg. Bei Kaffee, Frühstück oder Afterwork-Drink genießt man das Panorama durch große Glasfronten. In der Weihnachtszeit zusätzlich mit Blick auf den hauseigenen, riesigen Christbaum.
Das aiola upstairs am Schlossberg kombiniert Haubenküche mit spektakulärer Aussicht – aber auch für Kaffee und Kuchen lohnt sich der Aufstieg.
Mit Charme
Das Café Schwalbennest in der Altstadt ist berühmt für seinen winzigen Balkon im ersten Stock – nur eine Handvoll Tische mit einzigartiger Aussicht. Die Plätze sind heiß begehrt, vor allem an sonnigen Tagen. Wer Glück hat, erlebt Grazer Kaffeehausromantik vom Feinsten.
Das Café Fotter, das es seit 1936 (ursprünglich als Bäckerei) gibt, vereint Tradition und Moderne. Zwischen alten Bäckereimöbeln sitzen Studierende neben Stammgästen, die schon vor Jahrzehnten hier zu Gast waren. „Zu uns kommen alle von 18 bis 80", freut sich Franz Reiter.
Mit Haltung
Das Greenhouse in der Altstadtpassage ist Grazer Hipster-Treffpunkt und rein veganes Lokal. Bowls, Smoothies, Suppen und eine wahnsinnig gute Auswahl an hausgemachten Torten und Kuchen – alles pflanzlich. Das bunt durchgemischte Vintage-Interieur lädt zum Wohlfühlen ein.
Auch das Café Erde setzt auf vegane, natürliche Küche ohne Zusatzstoffe – vom Frühstück bis zum Afternoon-Snack.
Kaffee-Klassiker: Was bestellt man?
| Bezeichnung | Beschreibung |
|---|---|
| Kleiner Brauner | Espresso mit wenig Milch oder Sahne |
| Großer Brauner | Doppelter Espresso mit wenig Milch |
| Melange | Espresso mit aufgeschäumter Milch (ähnlich Cappuccino) |
| Verlängerter | Espresso mit heißem Wasser verlängert |
| Einspänner | Mokka im Glas mit Schlagobers |
| Türkischer Kaffee | Im Kupferkännchen (Cezve) aufgekocht |
| Fiaker | Schwarzer Kaffee mit Rum und Schlagobers |
| Maria Theresia | Mokka mit Orangenlikör und Schlagobers |
Die Mehlspeis-Vitrine
Zum Kaffee gehört in Graz die Mehlspeis – und die Auswahl in den Vitrinen ist legendär. Klassiker wie Apfelstrudel, Topfenstrudel (im Reindl gebacken!), Sachertorte und Biskuitroulade finden sich neben kreativen Eigenkreationen und saisonalen Desserts.
Besonders empfehlenswert: Das Kaffee Weitzer für im Reindl gebackenen Strudel, das Café Sacher für die Original Torte, die Konditorei Philipp für handgemachte Pralinen und Petit Fours, und das Greenhouse für vegane Tortenkunst.
„Im Kaffeehaus darf man versumpern." — Helmut Rebernegg, Kaffeehaus im Erzherzog Johann
Bäckereien mit Kaffeehausflair
Die Grenzen zwischen Konditorei, Bäckerei und Kaffeehaus verschwimmen in Graz angenehm. Martin Auer, dessen Stammhaus am Dietrichsteinplatz seit 1688 existiert, betreibt allein im Zentrum 14 Filialen – viele davon mit stylischem Interieur, das zum Verweilen einlädt. Besonders schön: der Schillerhof und die Filiale in der Schmiedgasse. Hier gibt es nicht nur bestes Brot und Gebäck, sondern auch ausgezeichneten Kaffee und Frühstück.
Kunst und Kaffee
Das Kunsthauscafé am rechten Murufer ist mehr als ein Café – es ist ein All-Day-Lokal mit Charme und Großstadtflair. Der Shabby-Chic-Look passt perfekt zum benachbarten „Friendly Alien". Auf der Karte: ausgedehntes Frühstück, erstklassige Burger, ungewöhnliche Drinks wie Dirty Chai (Chai Latte mit Espresso) und hausgemachte Limonaden. Abends verwandelt sich das Café in eine stylische Bar.
Das Café Promenade beim Stadtpark besticht durch farbenfroh garnierte Speisen, eine bezaubernde Mischung aus edel und gemütlich – und ein exzellentes Gin-Angebot für den Abend.
Coffee to Go vs. Kaffeehauskultur
Die aus den USA stammende Coffee-to-Go-Bewegung hat die traditionelle Kaffeehauskultur nicht abgelöst – beide Konzepte existieren in Graz nebeneinander. „Auch die Jungen wollen wieder bewusster genießen", beobachtet Helmut Rebernegg. Die Third-Wave-Cafés mit ihren Baristas und der Latte Art haben eine eigene Philosophie – beim Kaffeehaus geht es mehr um Atmosphäre und Entschleunigung.
„Beide Konzepte haben ihre Berechtigung", findet Simon Lackner. Er persönlich holt sich auch mal einen Coffee to Go – den Erhalt des österreichischen Kaffeehauses sieht er dennoch als Kulturauftrag.
Tipps für Ihren Kaffeehausbesuch
- Zeit mitbringen: Ein echtes Kaffeehaus ist kein Ort für Hektik
- Zeitung lesen: In Traditionshäusern liegt sie aus
- Wasser erwarten: Es gehört zum Kaffee – ohne zu fragen
- Vitrine studieren: Die Mehlspeis-Auswahl ist Teil des Erlebnisses
- Sonntags kommen: Viele Cafés haben auch sonntags geöffnet
Fazit: Kaffeekultur mit Haltung
Graz beweist, dass Tradition und Innovation kein Widerspruch sein müssen. Die Stadt pflegt ihre Kaffeehauskultur – mit Zeitungstisch und Glas Wasser – und öffnet sich gleichzeitig für Third-Wave-Coffee, vegane Cafés und internationale Einflüsse. Was bleibt, ist der Kern: Ein Ort zum Verweilen, Genießen und – ja, auch zum Versumpern. In Graz hat man diesen Kulturauftrag verstanden.