Graz ist ein architektonisches Wunderwerk – eine Stadt, die es schafft, Bauten aus neun Jahrhunderten in harmonischem Dialog zu vereinen. Die mittelalterliche Altstadt zählt seit 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe, 2010 wurde Schloss Eggenberg hinzugefügt. Gleichzeitig hat die „Grazer Schule" der Architektur internationale Maßstäbe gesetzt, und das Kulturhauptstadtjahr 2003 bescherte der Stadt ikonische Bauwerke wie das Kunsthaus und die Murinsel.
Die Lage am Schnittpunkt zwischen Balkan, Alpen- und Mittelmeerraum machte Graz seit jeher zum Schauplatz intensiven Kulturtransfers. Italienische Baumeister brachten im 16. Jahrhundert die Renaissance nach Norden, während slawische und germanisch-alpine Einflüsse zu einer einzigartigen Synthese verschmolzen. Diese „brillante Synthese" – wie die UNESCO formuliert – macht das Welterbe Graz so außergewöhnlich.
Das UNESCO-Weltkulturerbe
Die Grazer Altstadt gilt als eines der größten und am besten erhaltenen mittelalterlichen Stadtzentren Mitteleuropas. Ihre Einzigartigkeit liegt in der harmonischen Verflechtung unterschiedlicher Architekturstile, die sich über Jahrhunderte organisch entwickelt haben. Gotische Kirchen, Renaissance-Palais, barocke Bürgerhäuser und Jugendstilbauten bilden ein geschlossenes Ensemble, das weltweit seinesgleichen sucht.
Landhaus und Arkadenhof
Grazer Landhaus
Das Landhaus ist der bedeutendste Renaissancebau außerhalb Italiens – ein Superlativ, der nicht übertrieben ist. Der italienische Festungsbaumeister Domenico dell'Allio, der auch die Schloßbergfestung verstärkte, schuf hier ein Meisterwerk mit oberitalienischer Hauptfassade, kunstvollen Rundbogenfenstern im venezianischen Stil und luftigen Laubengängen.
Der dreigeschossige Arkadenhof versetzt jeden Besucher in Staunen. Kupferne Dachspeier aus dem 16. Jahrhundert, eine prächtige Brunnenlaube aus Bronzeguss und Arkadengänge über drei Etagen bilden eine Kulisse von zeitloser Eleganz. Heute tagt hier das steirische Landesparlament in der barocken Landstube – ein Prunkraum mit geschnitzten Türen, die allegorische Szenen zeigen.
Der Arkadenhof des Landhauses inspirierte die wohlhabenden Grazer Bürger: Wer „en vogue" sein wollte, ließ sich ebenfalls einen Innenhof mit Arkaden errichten. Rund 50 dieser versteckten Renaissance-Höfe existieren heute noch in der Altstadt – vom Arkadenhof im Haus des Deutschen Ritterordens bis zu den zahlreichen Durchhäusern, die Herrengasse und Sporgasse verbinden.
Mausoleum Kaiser Ferdinands II.
Mausoleum mit Katharinenkirche
Das größte und prächtigste Mausoleum eines Habsburgers ist zugleich das bedeutendste Baudenkmal des Manierismus in Österreich. Kaiser Ferdinand II. beauftragte 1614 seinen Hofkünstler Giovanni Pietro de Pomis mit diesem monumentalen Grabbau, dessen verschnörkelte, italienisch wirkende Fassade die enge Verbindung von Kirche und Herrscher demonstriert.
Die Architektur vereint verschiedene Stile in einer Kreuzung zwischen klassischem Tempel und Barockkirche. Die cremefarbene Fassade ist reich mit Skulpturen verziert, während im Inneren feine Stuckarbeiten und Fresken an der Decke beeindrucken. In der Krypta ruhen Kaiser Ferdinand II., seine Frau und sein Sohn in einem Rotmarmorsarkophag.
Schloss Eggenberg
Schloss Eggenberg – Barockschloss als Kosmos
Schloss Eggenberg ist ein mathematisch-harmonisches Gesamtkunstwerk – ein architektonisches Abbild des Universums. Die Residenz des kaiserlichen Statthalters Hans Ulrich von Eggenberg folgt einer strengen Zahlensymbolik, die das Weltbild des 17. Jahrhunderts in Stein übersetzt.
Die Zahlensymbolik von Schloss Eggenberg
365 Außenfenster → Tage des Jahres
31 Räume pro Stockwerk → längster Monat
24 Prunkräume → Stunden des Tages
52 Türen in der Beletage → Wochen des Jahres
4 Ecktürme → Jahreszeiten und Elemente
Der Planetensaal im Zentrum der 24 Prunkräume ist der Höhepunkt: Der Maler Hans Adam Weissenkircher ordnete in den Deckengemälden die sieben damals bekannten Himmelskörper den Wochentagen, römischen Göttern, Metallen und Eggenberger Familiengliedern zu. Die zwölf Tierkreiszeichen an den Seitenwänden vervollständigen das astronomische Programm.
Bemerkenswert ist der außergewöhnliche Erhaltungszustand: Die Beletage bewahrt seit über 250 Jahren ihr ursprüngliches Erscheinungsbild, verfügt bis heute über keine Heizung und kein elektrisches Licht – nur Fenster und kerzenbestückte Luster. Diese „Zeitkapsel" des Barocks ist der wichtigste Faktor für den Schutz des Ensembles mit über 500 Deckengemälden.
Die Grazer Schule der Architektur
Mitte der 1960er Jahre begann in den Zeichensälen der Technischen Hochschule Graz eine architektonische Revolution. Eine Gruppe junger Architekten rebellierte gegen den Konsens der Nachkriegsjahre und entwickelte eine kompromisslose, expressiv-gestische Architektursprache. Diese „Grazer Schule" – ein Begriff, den der Wiener Architekturkritiker Friedrich Achleitner prägte – nahm dekonstruktivistische Entwicklungen vorweg und beeinflusste eine ganze Generation.
„Welche Arbeiten oder Architekten auch immer unter diesem Begriff subsumiert werden, das Phänomen ist in seinen Merkmalen so charakteristisch wie eigenständig, dass es in der Geschichte der Architektur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen unangreifbaren Platz einnimmt." – Friedrich Achleitner, Architekturkritiker
Das Projekt „Neue Wohnform Ragnitz" von Günther Domenig und Eilfried Huth gewann 1969 den Grand Prix International d'Urbanisme et d'Architecture in Cannes und machte die Grazer international bekannt. Die utopischen Megastrukturen spiegelten den Zeitgeist von Archigram, Yona Friedman und Coop Himmelb(l)au wider.
Protagonisten der Grazer Schule
- Günther Domenig (1934–2012): Bekanntester Vertreter, Professor an der TU Graz. Schlüsselwerke: Mehrzwecksaal Schulschwestern, Zentralsparkasse Wien, ReSoWi-Fakultät
- Klaus Kada: Stadthalle Graz, Pflanzenphysiologisches Institut. Internationale Projekte und zahlreiche Wettbewerbserfolge
- Volker Giencke: Gewächshäuser im Botanischen Garten – skulpturale Glasarchitektur, die Tradition und Moderne verbindet
- Szyszkowitz/Kowalski: Biochemie und Biotechnologie TU Graz. Organische Formen mit funktionaler Präzision
Mehrzwecksaal der Schulschwestern
Ein Schlüsselwerk der Grazer Schule: Die raupenartig geformte Schale aus Spritzbeton wirkt wie eine gigantische Plastik. Hier mieden die Architekten erstmals gerade Linien und rechte Winkel – eine kuriose Mischung aus Expression und Pop, die organische Architektur in einem Schulgebäude realisierte.
Kulturhauptstadtjahr 2003 – Architektonischer Aufbruch
Das Jahr 2003 markiert einen Wendepunkt in der Grazer Stadtentwicklung. Als Europäische Kulturhauptstadt erhielt Graz mehrere ikonische Bauwerke, die innerhalb weniger Monate das Stadtbild revolutionierten. Das Kunsthaus, die Murinsel, die Stadthalle und die Helmut-List-Halle machten Graz zur Pilgerstätte für Architekturbegeisterte.
Kunsthaus Graz – Der Friendly Alien
Kunsthaus Graz
Wie ein riesiger, blauer Organismus erhebt sich das Kunsthaus über die barocke Dachlandschaft – ein biomorphes Gebilde, das seine Schöpfer liebevoll „Friendly Alien" tauften. Der Entwurf der britischen Architekten Peter Cook (Mitbegründer von Archigram) und Colin Fournier gewann den europaweiten Wettbewerb und wurde zum neuen Wahrzeichen der Stadt.
Stilistisch gehört das Kunsthaus zur Blob-Architektur, deren pneumatische Anmutung an ein glänzendes Luftkissen erinnert. 1.066 Acrylglaselemente bilden die Außenhaut, 16 „Nozzles" – nüsternartige Lichtschächte – saugen Tageslicht aus dem Norden an. Ein Nozzle zeigt präzise auf den Uhrturm am Schloßberg: Alt und Neu in direkter Sichtverbindung.
Die BIX-Medienfassade
Die östliche Fassade des Kunsthauses ist kein gewöhnliches Gebäude-Kleid, sondern ein 900 Quadratmeter großer Bildschirm. 926 ringförmige 40-Watt-Leuchtstoffröhren (je 40 cm Durchmesser) sind einzeln ansteuerbar und bilden gemeinsam ein Low-Resolution-Display für Animationen, Bilder und Schriftzüge mit 60 x 28 Pixeln. Der Name „BIX" ist eine Wortschöpfung aus „Big" und „Pixel" – entwickelt vom Berliner Studio realities:united.
Murinsel
Murinsel
Die 50 Meter lange und 20 Meter breite künstliche Insel sollte ursprünglich nach dem Kulturhauptstadtjahr wieder entfernt werden. Doch die Grazer hatten sich in das muschelartige Objekt aus Stahl, Glas und Polykarbonat verliebt. Heute ist die Murinsel – eigentlich eine schwimmende Plattform, gehalten von zwei Stahlseilen mit je 135 Tonnen Tragkraft – ein fixer Bestandteil der Grazer Identität.
Das von Robert Punkenhofer initiierte und vom New Yorker Künstler Vito Acconci entworfene Bauwerk verbindet beide Murufer durch Fußgängerbrücken. Die zwei muschelartigen Ovale beherbergen ein Café, einen Designshop und ein Amphitheater für 350 Personen. Nachts leuchtet die Insel in wechselnden Farben – eine Aufnahme im National Geographic Traveler 2018 machte sie international bekannt.
Zeitgenössische Architektur
Der architektonische Aufbruch von 2003 setzte sich in den folgenden Jahren fort. Als UNESCO City of Design seit 2011 zieht Graz weiterhin international renommierte Architekten an, während lokale Büros wie Innocad, Splitterwerk oder X Architekten innovative Projekte realisieren.
Argos – Zaha Hadid in Graz
Argos Residences
Nach dem Abbruch des historischen „Kommod-Hauses" 2003 – begleitet von heftigen Bürgerprotesten – wurde 2004 ein prominent besetztes Gutachterverfahren ausgelobt. Zaha Hadid setzte sich gegen Coop Himmelb(l)au, Klaus Kada, Volker Giencke und andere durch. Die charakteristischen „Argos Eyes" – trichterförmige Fassadenelemente, die als Erker oder Loggien die Innenräume erweitern – sind eine Anspielung auf das mythologische Ungeheuer mit seinen unzähligen Augen.
Science Tower – Smart City Graz
Science Tower
Das Herzstück der Smart City nahe dem Hauptbahnhof ist ein neues urbanes Wahrzeichen: Der Science Tower vereint Forschung und Unternehmertum rund um Energie- und Umwelttechnologien. Die doppelschalige Fassade umhüllt einen Kegelstumpf, der auf der Spitze steht – ein architektonisches Ausrufezeichen für Grazer Innovationsgeist.
Architektur-Epochen im Überblick
| Epoche | Zeitraum | Wichtige Bauwerke |
|---|---|---|
| Renaissance | 1527–1600 | Landhaus, Burg (Doppelwendeltreppe), ca. 50 Arkadenhöfe |
| Barock/Manierismus | 1600–1750 | Mausoleum Ferdinand II., Schloss Eggenberg, Palais Attems |
| Grazer Schule | 1960–2000 | Schulschwestern-Saal, Gewächshäuser Botanischer Garten, ReSoWi |
| Kulturhauptstadt | 2003 | Kunsthaus, Murinsel, Stadthalle, Helmut-List-Halle |
| Zeitgenössisch | 2010–heute | Argos, Science Tower, Smart City |
Architektur-Rundgang: Die Highlights zu Fuß
Ein empfohlener Rundgang (ca. 3 Stunden) führt vom Hauptplatz über das Landhaus mit Arkadenhof und das Landeszeughaus zum Dom und Mausoleum. Von dort geht es zur Grazer Burg mit ihrer berühmten Doppelwendeltreppe, weiter hinauf auf den Schloßberg mit Uhrturm. Der Abstieg führt zum Kunsthaus Graz am Lendkai und endet an der Murinsel – der perfekte Ort für einen Sundowner mit Blick auf die Altstadt.
- Geführte Architekturtouren: Das HDA (Haus der Architektur) bietet regelmäßig Rundgänge zu den Bauten der Grazer Schule an
- Beste Zeit für die BIX-Fassade: Oktober bis März ab ca. 17 Uhr, April bis September ab ca. 21 Uhr
- Schloss Eggenberg: Prunkräume nur mit Führung (April–Oktober), der Park ist ganzjährig zugänglich
- Versteckte Innenhöfe: Einfach in offenstehende Tore in der Herrengasse und Sporgasse treten – die meisten Höfe sind öffentlich zugänglich
Graz beweist, dass architektonische Innovation und Denkmalschutz keine Gegensätze sein müssen. Vom Renaissance-Arkadenhof zum Friendly Alien, vom barocken Kosmos des Schlosses Eggenberg zur futuristischen BIX-Fassade – die steirische Landeshauptstadt hat aus ihrer Lage am Schnittpunkt europäischer Kulturen stets Kapital geschlagen. Wer mit offenen Augen durch Graz geht, erlebt neun Jahrhunderte Baugeschichte in lebendigem Dialog.