Kultur

Murinsel Graz: Die schwimmende Muschel

Murinsel Graz: Die schwimmende Muschel

Sie schwimmt mitten im Fluss, leuchtet nachts in wechselnden Farben und sieht aus wie eine halb geöffnete Muschel aus einer anderen Welt: Die Murinsel ist eines der markantesten Wahrzeichen von Graz – und zugleich eines der umstrittensten. 2003 für das Kulturhauptstadtjahr errichtet, sollte sie eigentlich längst wieder verschwunden sein. Stattdessen hat sie sich ins Herz der Stadt geschrieben.

Technisch gesehen ist die Murinsel keine Insel, sondern ein Schiff. Sie liegt vor Anker, ist mit Positionslichtern versehen und schwimmt als Hohlkörper auf der Mur. Eine Konstruktion, die es so weltweit kein zweites Mal gibt – und die Graz mit einem Schlag zu einem Hotspot zeitgenössischer Architektur machte.

Die Entstehung: Von der Idee zur Ikone

Die Geschichte der Murinsel beginnt 1999 mit einer Idee des Grazer Kurators Robert Punkenhofer, Gründer der Kunstagentur ART & IDEA. Sein Ziel: Ein neues, modernes Wahrzeichen für die Kulturhauptstadt 2003 schaffen – eine „Piazza für das 21. Jahrhundert", wie er es nannte. Die Insel sollte die durch die Mur getrennten Stadthälften symbolisch verbinden und den Grazern die Möglichkeit bieten, direkt am Wasser zu sitzen.

Für die Umsetzung holte Punkenhofer den New Yorker Künstler und Designer Vito Acconci ins Boot. Acconci, aufgewachsen in der Bronx, begann seine Karriere in den 1960er-Jahren als Dichter und Poet, erregte später mit avantgardistischen Videoarbeiten und Body-Performances Aufsehen und wandte sich schließlich Raum- und Architekturinstallationen zu.

„Ich hoffe, dass das Projekt nicht so sehr als Kunstwerk betrachtet wird, sondern als Ort, den Leute besuchen und in Besitz nehmen. Ich hätte es nicht so gerne als Art-Thing verstanden, sondern vielmehr als Ort, an dem die Leute einander treffen, kommunizieren, essen, trinken, sich wohlfühlen." — Vito Acconci, 2003

Der Bau

Am 11. Januar 2003 wurde die Murinsel eröffnet, im März folgte das Café. Die Baukosten beliefen sich auf 5,75 Millionen Euro – ein Betrag, der von Anfang an kontrovers diskutiert wurde. Ursprünglich war geplant, die Insel nach dem Kulturhauptstadtjahr wieder abzubauen. Dafür wurden sogar 800.000 Euro an Abbruchkosten zurückgelegt.

Doch es kam anders: Die Murinsel wurde zu einem der beliebtesten Fotomotive der Stadt, das weltgrößte Reisemagazin „National Geographic Traveler" veröffentlichte sie auf dem Cover. Gemeinsam mit dem ebenfalls 2003 eröffneten Kunsthaus („Friendly Alien") gab die Murinsel dem Stadtteil Lend neue Impulse – und blieb.

Architektur: Form und Funktion

Die Murinsel ist 50 Meter lang und 20 Meter breit. Ihre geschwungene, gedrehte Form erinnert an eine halb geöffnete Muschel – oder, wie manche sagen, an zwei Hälften einer Schnecke. Die Konstruktion aus glänzendem Stahl und blauen Plexiglas-Paneelen beschreibt eine wellenförmige Struktur, die sich wie eine Brücke zwischen den beiden Murufern spannt.

Technische Daten Details
Länge 50 Meter
Breite 20 Meter
Gesamtgewicht ca. 450 Tonnen
Tiefgang 60 cm
Höhe über Wasser ca. 6 Meter
Kapazität bis zu 350 Personen
Wassertiefe 2,5 – 3 Meter

Die Verankerung

Die schwimmende Plattform wird durch ein ausgeklügeltes System stabilisiert: Zwei massive Stahlseile mit je 135 Tonnen Tragkraft sind 30 Meter flussaufwärts an einem Betonpfahl verankert. Zusätzlich sorgen die beiden Fußgängerstege zum Lendkai und zum Kaiser-Franz-Josef-Kai für Stabilität. Sogar Positionslichter sind montiert – zur Warnung, falls sich einmal ein anderes Schiff auf die Mur verirrt.

Die drei Bereiche

Das Innere der Murinsel teilt sich in drei Hauptbereiche:

  • Das Amphitheater: Der offene Teil mit wellenförmigen blauen Bänken bietet Platz für Veranstaltungen aller Art – von Konzerten über Lesungen bis zu Open-Air-Kino
  • Der „Dom": So nannte Acconci den geschlossenen, kuppelförmigen Bereich unter dem gewölbten, wassergekühlten Glasdach. Hier befindet sich das Café mit Blick auf beide Murufer
  • Der Spielplatz: Zwischen Café und Arena gibt es ein dreidimensionales Labyrinth aus Tauen und eine Rutsche – ein Inselabenteuer für Kinder

Das Café und 's Fachl Eck

Das Café auf der Murinsel ist in Blau und Weiß gehalten und bietet die einzigartige Möglichkeit, Kaffee zu trinken, während die Mur links und rechts vorbeifließt. Nach der Generalsanierung 2017 wurde der Eingangsbereich wetterfest gemacht und ein überdachter Bereich als Treffpunkt für Touristengruppen eingerichtet.

Seit Mai 2019 gibt es zusätzlich das 's Fachl Eck: ein kleiner Laden, in dem regionale Produzenten steirische Spezialitäten direkt zu Ab-Hof-Preisen verkaufen. Von Kürbiskernöl über Schokolade bis zu Schnaps – hier finden Besucher kulinarische Souvenirs aus der ganzen Steiermark.

Öffnungszeiten Café

  • Dienstag – Sonntag: 10:00 – 18:00 Uhr
  • Montag: Ruhetag
  • Die Insel selbst ist als Fußgängerbrücke rund um die Uhr zugänglich
  • Eintritt: Kostenlos

Kulturprogramm: Mehr als eine Sehenswürdigkeit

Die Murinsel hat sich in den letzten Jahren von einer reinen Sehenswürdigkeit zu einem lebendigen Kulturort entwickelt. Mit über 100 Veranstaltungen pro Jahr ist sie ein fester Bestandteil des Grazer Kulturkalenders geworden.

Highlights im Programm

  • Summer Movies: Open-Air-Kino auf dem Wasser – ein Highlight der Sommermonate
  • Monday Night: Regelmäßige Musikveranstaltungen
  • Konzerte & Lesungen: Von Jazz über Elektronik bis Literatur
  • Design-Ausstellungen: Im Showroom werden Arbeiten wechselnder Designer gezeigt
  • Private Events: Die Murinsel kann für Hochzeiten, Firmenfeiern und kulturelle Veranstaltungen gemietet werden

Die moderne Veranstaltungstechnik – inklusive Beamer für den Außenbereich – wurde bei der Sanierung 2017 installiert und ermöglicht stimmungsvolle Abende zwischen Stadt, Wasser und Architektur.

UNESCO City of Design

2011 wurde Graz zur UNESCO City of Design ernannt – und die Murinsel spielte dabei eine zentrale Rolle. Sie steht symbolisch für den Anspruch der Stadt, Design und bewusste Gestaltung von Lebensraum ins Zentrum zu rücken.

Seit der Neuausrichtung 2017 versteht sich die Murinsel explizit als Knotenpunkt und Schauraum der Grazer Kreativszene. Im Obergeschoss befindet sich ein variabler Designshop mit hochwertigen Graz-Souvenirs. Die City-of-Design-Koordination entwickelte ein Bespielungskonzept, das die Insel als „Ort des kulturellen Appetizers" positioniert – ganz im Sinne der ursprünglichen Vision von Acconci.

Die bewegte Geschichte

Die Murinsel hatte keinen leichten Start. Die Grazer brauchten Zeit, sich an die schwimmende Plattform zu gewöhnen. Vielen war der Fluss für das spektakuläre Konstrukt zu klein, der finanzielle Aufwand zu groß, der Nutzen nicht klar ersichtlich. Erst Touristen schlossen das Objekt sofort ins Herz.

Hochwasser und Sanierung

Schwere Hochwasser 2012 und 2018 machten Schutzmaßnahmen vor Treibgut notwendig und sorgten für zeitweise Sperrungen. 2016 beschloss der Gemeinderat schließlich eine Generalsanierung mit einem Budget von über 1 Million Euro. Von September 2016 bis Februar 2017 wurde die Murinsel umfassend renoviert und an neue Standards angepasst.

Die wasser- und schifffahrtsrechtlichen Bewilligungen wurden mehrfach verlängert. Die einstige Kontroverse ist längst Geschichte: Die Murinsel hat sich als modernes Wahrzeichen etabliert und ihren festen Platz im Grazer Stadtbild gefunden.

Das Nachtleben der Murinsel

Besonders spektakulär ist die Murinsel nach Einbruch der Dunkelheit. Die wechselnde Beleuchtung taucht die Stahlkonstruktion alle paar Minuten in neue Farben – von Grün-Blau bis Rot-Violett. Das macht sie zu einem der beliebtesten Nacht-Fotospots der Stadt. Die Spiegelung im Wasser verdoppelt den Effekt und sorgt für magische Bilder.

Bei Hochwasser ist die Insel für Besucher gesperrt – die Beleuchtung funktioniert aber weiterhin und bietet dann ein besonders dramatisches Schauspiel.

Vito Acconci: Der Künstler

Vito Acconci (1940–2017) war einer der einflussreichsten amerikanischen Konzeptkünstler seiner Generation. Geboren in der Bronx, studierte er Literatur und begann als Dichter. In den 1970er-Jahren wurde er mit provokanten Performances bekannt, darunter das berühmte „Seedbed" (1972), bei dem er unter einer Rampe in einer Galerie lag.

Ab den 1980er-Jahren wandte sich Acconci verstärkt der Architektur zu. Mit seinem Acconci Studio schuf er weltweit Installationen und Bauten an der Schnittstelle von Kunst, Design und Architektur. Die Murinsel gilt als eines seiner bedeutendsten realisierten Projekte – und als sein Vermächtnis in Europa.

Praktische Informationen

Information Details
Adresse Lendkai 19, 8020 Graz
Zugang 24/7, kostenlos
Café Öffnungszeiten Di–So 10–18 Uhr, Mo Ruhetag
Straßenbahn Linien 1, 3, 4, 5, 6, 7 (Haltestelle Schlossbergplatz oder Kunsthaus)
Kontakt +43 316 822660

Tipps für Ihren Besuch

  • Beste Zeit für Fotos: Nachts, wenn die Beleuchtung wechselt
  • Kombination: Kunsthaus und Murinsel liegen nur wenige Gehminuten auseinander
  • Sommer: Summer Movies und Konzerte im Amphitheater
  • Mitbringsel: Steirische Spezialitäten im 's Fachl Eck
  • Barrierefreiheit: Über beide Stege barrierefrei zugänglich

Fazit: Eine Piazza für das 21. Jahrhundert

Die Murinsel ist mehr als ein architektonisches Experiment – sie ist ein lebendiger Beweis dafür, wie mutige Kulturpolitik das Gesicht einer Stadt verändern kann. Was 2003 als temporäres Kunstprojekt begann, hat sich zu einem Wahrzeichen entwickelt, das Graz international bekannt macht.

Ob zum Kaffeetrinken über dem Wasser, für einen Kulturabend im Amphitheater oder einfach als Verbindungsweg zwischen den Murufern: Die Murinsel erfüllt genau das, was sich Vito Acconci gewünscht hatte – sie ist ein Ort der Begegnung, nicht nur ein Kunstwerk zum Anschauen. Eine Piazza für das 21. Jahrhundert, die auf dem Wasser schwimmt.

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