„Hat das Auge schon von außen den Anblick eines prächtigen Monumentalbaues aufgenommen, so ist die Wirkung des Inneren auf das Auge des Eintretenden eine noch stärkere, geradezu überwältigende." So schrieb die Grazer Tagespost am Eröffnungstag, dem 16. September 1899. Über 125 Jahre später hat das Opernhaus Graz nichts von seiner Faszination verloren – und ist lebendiger denn je.
Das Opernhaus am Opernring ist nach der Wiener Staatsoper das zweitgrößte Opernhaus Österreichs. Der neobarocke Prachtbau verbindet die monumentale Formensprache der k.u.k.-Monarchie mit einem vielfältigen Programm aus Oper, Operette, Musical und Ballett. Ein Mehrspartenhaus im besten Sinne – und ein Sprungbrett für Weltkarrieren.
Geschichte: Vom Stadttheater zum Opernhaus
Die Stadt Graz blickt auf eine lange Operntradition zurück. Bereits vor 1899 gab es Aufführungen – zunächst in einem 1736 umgebauten Wirtschaftsgebäude der kaiserlichen Hofstallungen, ab 1864 in einem zweiten Theater. Doch beide Häuser genügten nicht mehr den Anforderungen eines zeitgemäßen Theaterbetriebs. Der Wunsch nach einem Neubau wurde laut.
1893 reagierte der Gemeinderat und beauftragte das renommierteste Architektenduo der Monarchie: Ferdinand Fellner und Hermann Helmer. Das Büro hatte zwischen 1870 und 1914 insgesamt 48 Theaterbauten in ganz Mittel- und Osteuropa realisiert – das Grazer Opernhaus ist ihr 30. und gilt als eines ihrer repräsentativsten Werke.
Das Opernhaus in Zahlen
- Eröffnung: 16. September 1899
- Bauzeit: Nur 17 Monate
- Sitzplätze: ca. 1.400 (ursprünglich 2.000)
- Logen: über 40
- Architekten: Fellner & Helmer
- Stil: Neobarock im Stil Fischer von Erlachs
- Finanzierung: Steiermärkische Sparkasse
Kaiserliches Geschenk
Der Bau wurde aus Anlass des 50-jährigen Regierungsjubiläums von Kaiser Franz Joseph I. beschlossen. Die Steiermärkische Sparkasse übernahm die Finanzierung und machte der Stadt Graz das Opernhaus zum Geschenk – eine Gedenktafel im Foyer erinnert bis heute daran.
Der Gemeinderat bestimmte, dass „der Barockstil zur Zeit Fischers von Erlach zu wählen sei" – obwohl Johann Bernhard Fischer von Erlach zwar in Graz geboren wurde, aber hier kein einziges Bauwerk errichtet hatte. Typisch für den Historismus: modernste Baumaterialien, eingehüllt in den Stil einer anderen Epoche.
Eröffnung und erste Aufführungen
Am 16. September 1899 wurde das Haus als „Grazer Stadttheater" mit Friedrich Schillers „Wilhelm Tell" eröffnet. Am Folgetag folgte die erste Opernaufführung: Richard Wagners „Lohengrin" unter der musikalischen Leitung von Karl Muck. Ein denkwürdiger Auftakt.
1906 folgte ein Meilenstein: die österreichische Erstaufführung von Richard Strauss' „Salome" – unter der Leitung des Komponisten selbst. Graz etablierte sich als Wagner- und Strauss-Stadt.
Architektur: Überwältigender Glanz
Das freistehende Gebäude zwischen Opernring und Kaiser-Josef-Platz verbindet monumentale Barockarchitektur mit klassizistischen Anklängen. Die opulente Ausstattung des Zuschauerraums ist in den Farben Gold, Weiß und Rot gehalten – Barock und Rokoko in Vollendung.
„Da müssen wir nun sagen, daß bei Allen, die auch in das Innere des Hauses zu schauen Gelegenheit fanden, nur eine Stimme des Lobes und der bewundernden Anerkennung ist." — Grazer Tagespost, 16. September 1899
Prunklogen und Ehrengäste
Im Parterre, vor dem Proszenium, befinden sich einander gegenüberliegende Prunklogen mit eigenen Eingängen und Foyers – zur Zeit der Erbauung besonderen Gästen vorbehalten. Diese Anordnung wurde dem ebenfalls von Fellner & Helmer entworfenen Wiener Stadttheater nachempfunden.
Kriegsschäden und Sanierung
Ein Bombentreffer im Zweiten Weltkrieg bedingte den Abriss des ursprünglichen Säulenvorbaus (Portikus) und damit eine Vereinfachung der Fassade. Im Inneren blieben der repräsentative Treppenaufgang und der prächtige Zuschauerraum unversehrt.
Von 1983 bis 1985 erfolgte eine umfangreiche, behutsame Sanierung durch den Architekten Gunther Wawrik. Das Haus wurde den modernen bühnentechnischen Entwicklungen angepasst – bei Erhalt der historischen Substanz.
Künstler und Weltkarrieren
Die Grazer Oper diente einer Vielzahl bedeutender Künstler als Sprungbrett für internationale Karrieren. Als Dirigenten wirkten hier unter anderem:
- Franz Schalk: später Direktor der Wiener Staatsoper
- Clemens Krauß: einer der bedeutendsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts
- Karl Böhm: Weltstar und Mozart-Interpret
- Robert Stolz: begann als Kapellmeister, wurde später legendärer Operettenkomponist
Von den großen Sängerpersönlichkeiten seien Ljuba Welitsch und Maria Kouba genannt – beide unvergesslich als Salome –, deren internationale Karrieren in Graz begannen. Auch die Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager gab hier ihr Rollendebüt als Octavian im „Rosenkavalier".
Auszeichnungen
Die internationale Anerkennung des Hauses zeigt sich in zahlreichen Auszeichnungen:
- 2001: „Opernhaus des Jahres" – das renommierteste Prädikat im deutschsprachigen Raum
- 2015: Finalist bei den International Opera Awards als „Bestes Opernhaus"
- 2018: Nominierung in zwei Kategorien – „Bestes Opernhaus" und beste Gesamtaufnahme für Martinůs „Die Griechische Passion"
Spielzeit 2025/26: Das aktuelle Programm
Intendant Ulrich Lenz, Chefdramaturgin Katharina John, Ballettdirektor Dirk Elwert und Chefdirigent Vassilis Christopoulos präsentieren ein Programm, das 289 Jahre Musik- und Tanztheatergeschichte umspannt – von Mozart bis zur zeitgenössischen Operettenserie.
„Wir feiern singend die berauschende Vielfalt unserer Welt und propagieren klingend eine offene, pluralistische Gesellschaft. Ganz in diesem Sinne steht unser Haus auch weiterhin offen für alle." — Ulrich Lenz, Intendant
Premieren der Saison
| Werk | Komponist | Premiere |
|---|---|---|
| Idomeneo | Mozart | Saisoneröffnung |
| Schneewittchen | Elena Kats-Chernin | 29. November 2025 |
| Wozzeck | Alban Berg | 13. Februar 2026 |
| Die Csárdásfürstin | Emmerich Kálmán | 14. März 2026 |
| Castor et Pollux | Jean-Philippe Rameau | 11. April 2026 |
| Im weißen Rössl | Ralph Benatzky | 16. April 2026 |
| Der Rosenkavalier | Richard Strauss | 9. Mai 2026 |
Wozzeck – Alban Berg
Bergs einzige vollendete Oper wurde nur 50 km von Graz entfernt, in Trahütten, komponiert. Sie erzählt die Geschichte eines Femizids als verzweifelten Ausbruchsversuch des tragischen Titelhelden – eine packende Story zwischen Drama, Mordfall und Sozialstudie.
Premiere: 13. Februar 2026 · Ort: Opernhaus Hauptbühne
La Divina Comedia
Nach Dantes „Göttlicher Komödie" und mit Musik von Philip Glass und Arvo Pärt führt das Ballett Graz durch Hölle, Fegefeuer und Paradies. Im ersten Teil entdecken die Zuschauer choreographische Installationen auf einer Entdeckungsreise durchs Opernhaus.
Premiere: 17. Januar 2026 · Choreographie: Estefania Miranda
Prominente Gäste
Die Saison ist prominent besetzt: Mit dabei sind unter anderem Annette Dasch, Harald Schmidt und das Herbert Pixner Project. Zugleich setzt die Oper auf junge Regiehandschriften und choreografische Visionen.
Ein Haus für alle
Die Oper Graz versteht sich als offenes Haus – inklusiv, barrierefrei, generationenübergreifend. Das Programm umfasst:
- Familienformate: Workshops für Kinder ab 2 Jahren, Familienmusicals
- Inklusive Projekte: Koproduktionen mit der Theaterakademie LebensGroß
- Barrierefreie Angebote: Live-Audiodeskription, Tastparcours
- Tanzen für alle: Workshops im Ballettsaal für alle Altersgruppen
Spielstätten und Formate
Neben der Hauptbühne bespielt die Oper Graz weitere Räume:
- Hauptbühne: Die große Bühne für Oper, Operette, Musical und Ballett
- Studiobühne: Kammerformate und experimentelle Produktionen
- Café Stolz: Nachklang-Gespräche, Konzerte und Vorträge
- Malersaal: Workshops und kleine Formate
Führungen
Regelmäßig werden Führungen durch das Opernhaus angeboten – ein einzigartiger Blick hinter die Kulissen des neobarocken Prachtbaus. Termine unter oper-graz.buehnen-graz.com.
Praktische Informationen
- Adresse: Kaiser-Josef-Platz 10, 8010 Graz
- Tickets: € 5 bis € 98 (je nach Produktion und Kategorie)
- Anfahrt: Straßenbahn 1, 3, 6, 7 – Haltestelle Oper/Messe
- Website: oper-graz.buehnen-graz.com
- Operncafé: Café Stolz im Opernhaus
Intendanten seit 1946
Die Geschichte der Nachkriegszeit zeigt die Kontinuität und Entwicklung des Hauses:
| Zeitraum | Intendant/in |
|---|---|
| 1990–2001 | Gerhard Brunner |
| 2001–2003 | Karen Stone |
| 2003–2009 | Jörg Koßdorff |
| 2009–2015 | Elisabeth Sobotka |
| 2015–2023 | Nora Schmid |
| seit 2023 | Ulrich Lenz |
Fazit: Tradition und Zukunft
Die Oper Graz verbindet auf einzigartige Weise imperiales Erbe mit zeitgenössischem Anspruch. Der neobarocke Prachtbau von Fellner & Helmer bietet den Rahmen für ein Programm, das von Mozart bis zur zeitgenössischen Operettenserie reicht, von Barockoper bis Ballett.
Mehr als 125 Jahre nach ihrer Eröffnung ist die Oper Graz ein Haus, das seine Türen für alle öffnet – und dabei den Glanz bewahrt, der schon die Zeitgenossen von 1899 überwältigte. Wer das Grazer Opernhaus betritt, erlebt Musiktheater in seiner ganzen Bandbreite – und einen der schönsten Theaterbauten der Monarchie.