Wie eine geheimnisvolle blaue Blase schwebt das Kunsthaus Graz zwischen den roten Ziegeldächern der Altstadt. Seit seiner Eröffnung im Kulturhauptstadtjahr 2003 polarisiert das Gebäude – und fasziniert gleichermaßen. Was die britischen Architekten Peter Cook und Colin Fournier als „Friendly Alien" konzipierten, ist heute ein architektonisches Wahrzeichen, das jährlich rund 75.000 Besucher anzieht.
Das Jahr 2026 steht unter dem Jahresthema BLOOM. Mit zehn Ausstellungen an acht Standorten des Universalmuseums Joanneum lädt das Programm dazu ein, die Vielfalt des Aufblühens in Kunst, Natur und Kultur zu entdecken. Das Kunsthaus Graz spielt dabei eine zentrale Rolle als Ausstellungs- und Produktionshaus, als Labor und experimentelle Kunsthalle.
Die Architektur: Ein freundlicher Außerirdischer
Das Kunsthaus gehört zur sogenannten Blob-Architektur – jener Strömung, die mit organischen, fließenden Formen arbeitet statt mit rechten Winkeln und geraden Linien. Der Name „Friendly Alien" stammt von den Architekten selbst und beschreibt präzise, was das Gebäude ausmacht: Es ist fremd und vertraut zugleich, ein Hybrid mit dem „Charme eines freundlichen streunenden Bastards", wie Co-Architekt Colin Fournier es einmal formulierte.
Die Außenhaut besteht aus 1.066 Acrylglas-Elementen, die dem Gebäude seine charakteristische bläuliche Erscheinung verleihen. Aus der blasenförmigen Struktur ragen 16 sogenannte „Nozzles" (Düsen) hervor – nüsternartige Öffnungen, die Tageslicht aus dem Norden ins Innere leiten. Eine davon weist direkt auf den Uhrturm am Schlossberg und holt so das traditionelle Wahrzeichen der Stadt als Exponat ins Museum.
Architektonische Eckdaten
- Architekten: Peter Cook & Colin Fournier (London)
- Fertigstellung: 2003
- Fassade: 1.066 Acrylglas-Elemente
- BIX-Medienfassade: 930 Leuchtstoffröhren auf 900 m²
- Nozzles: 16 Lichteinlass-Düsen
- Stilrichtung: Blob-Architektur
Die BIX-Medienfassade
Abends verwandelt sich das Kunsthaus in einen überdimensionalen Bildschirm. Die BIX-Medienfassade – der Name setzt sich aus „Big" und „Pixel" zusammen – wurde vom Berliner Studio realities:united entwickelt. 930 ringförmige Leuchtstoffröhren sind in die 900 m² große Ostfassade integriert, jede einzeln stufenlos steuerbar.
Die BIX dient als Plattform für Kunstprojekte, die den Dialog zwischen Medien und urbanem Raum erforschen. Aktuell zeigt die Fassade das Gewinnerprojekt der BIX-Ausschreibung: „Beyond My Skin" von Flavia Mazzanti. Das Projekt erforscht die Interaktion zweier Körper im physisch-digitalen Raum, wobei Nähe und Intimität über Distanz erfahrbar werden.
Das Eiserne Haus
Was viele nicht wissen: Das Kunsthaus ist mit einem historischen Gebäude verbunden. Das Eiserne Haus von 1847 war eines der ersten gusseisernen Gebäude Kontinentaleuropas – ein revolutionäres Warenhaus mit großen Schaufenstern. Bei der Errichtung des Kunsthauses wurde es in seinen Urzustand zurückversetzt. Heute beherbergt es das Kunsthaus-Café, den Museumsshop und die Camera Austria, eine renommierte Institution für Fotografie.
„Das Kunsthaus ist ein biomorphes, undefinierbares Etwas, ein Hybrid, fremd und vertraut zugleich." – Colin Fournier, Architekt
Die Ausstellungsräume
Im Inneren des „Alien" befinden sich zwei große Ausstellungshallen, die vertikal übereinander angeordnet sind: Space01 (obere Etage) und Space02 (untere Etage). Anders als die neutralen „White Cubes" vieler Galerien fordern diese Räume Künstler und Kuratoren heraus, ihre Arbeiten an die starke architektonische Präsenz anzupassen.
Die Erfahrung der letzten zwei Jahrzehnte zeigt: Space02 eignet sich besonders für Malerei, Fotografie und Videokunst, während Space01 mit seinen großzügigen Dimensionen perfekt für raumgreifende Skulpturen und Installationen ist. Die Needle – eine gläserne Aussichtsplattform, die sich über Kunsthaus und Eisernes Haus spannt – bietet zusätzlich einen spektakulären Panoramablick über die Stadt.
Aktuelle Ausstellungen 2025/2026
| Ausstellung | Künstler/Kurator | Zeitraum |
|---|---|---|
| Unseen Futures to Come. Fall | Andreja Hribernik (Kuratorin) | 18.09.2025 – 15.02.2026 |
| Emilija Karnulytė – Waters call me home | Emilija Karnulytė | 08.11.2025 – 15.02.2026 |
| BIX: Beyond My Skin | Flavia Mazzanti | 07.11.2025 – 11.01.2026 |
| Speak more truth, eat more fruit | Maruša Sagadin (Skulptur am Vorplatz) | 25.03.2025 – 29.03.2026 |
Unseen Futures to Come: Leben mit Unsicherheit
Die aktuelle Hauptausstellung „Unseen Futures to Come. Fall" widmet sich einer der drängendsten Fragen unserer Zeit: Wie leben wir mit wachsender Unsicherheit? Kuratiert von Kunsthaus-Leiterin Andreja Hribernik, basiert die Schau auf dem Konzept des Philosophen Federico Campagna.
Campagna entwickelt für die Ausstellung eine Bibliothek, die auf dem Konzept der zyklischen Jahreszeiten basiert. Der Herbst (englisch: „Fall") steht dabei für eine Zeit, in der Überzeugungen und Gewissheiten zu bröckeln beginnen. Die präsentierten Kunstwerke sprechen Gefühle von Angst und Verfall an – bieten aber auch Möglichkeiten und Ideen, wie sich die Dinge ändern können.
Das Kunsthaus als Labor
2024 hat das Kunsthaus Graz ein neues Leitbild verabschiedet, das die Institution als Ausstellungs- und Produktionshaus definiert – als Labor und experimentelle Kunsthalle. Drei Leitlinien prägen die Entwicklung:
- Nachhaltigkeit: Langfristige inhaltliche Konzepte, ein nachhaltiges Archiv und eine vor allem immaterielle, ortspezifische Sammlung
- Wissen teilen: Stärkung der Rolle als Bildungsort mit Kooperationen mit Schulen, FH Joanneum und Universitäten
- Internationale Verankerung: Austausch und Einbindung der lokalen und regionalen Kunstszene bei gleichzeitiger internationaler Positionierung
Ein Beispiel für diese Philosophie ist das Projekt „Power of AI" – ein BIX-Wettbewerb zum Thema Energie in Zeiten von Künstlicher Intelligenz, der im zweiten Halbjahr 2025 einen Fokus des Vermittlungsprogramms bildete.
KunsthausCommunity
Mit dem neuen Mitgliedsprogramm KunsthausCommunity spricht das Kunsthaus gezielt junge Menschen an und lädt sie ein, sich gesellschaftlichen Themen aus der Perspektive der Kunst zu nähern. Für alle unter 19 Jahren ist der Eintritt ohnehin kostenlos.
Besucherinfos auf einen Blick
- Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag sowie Feiertage, 10:00–18:00 Uhr
- Eintritt: € 11 (Erwachsene), Unter 19 Jahren gratis
- Jahresticket Joanneum: € 32 (ermäßigt € 16 / € 8) für 20 Museen
- Graz Card: Freier Eintritt inklusive
- Audioguide: € 2,50 (Deutsch, Englisch, teils Italienisch & Slowenisch)
- Adresse: Lendkai 1, 8010 Graz
Anreise
Das Kunsthaus liegt direkt an der Mur, wenige Gehminuten vom Hauptplatz entfernt. Mit den Straßenbahnlinien 1, 3, 6 und 7 erreichen Sie die Haltestelle „Südtiroler Platz – Kunsthaus". Alternativ fahren die Linien 4 und 5 zur Haltestelle „Hauptplatz – Graz Congress", von dort sind es etwa fünf Minuten zu Fuß.
Kunst & Kulinarik: Das Kunsthaus-Café
Im Erdgeschoss des Eisernen Hauses befindet sich das Kunsthaus-Café – ein beliebter Treffpunkt für Kunstinteressierte und Flaneure. Das Café bietet Frühstück, leichte Speisen und eine umfangreiche Kaffeekarte. Besonders empfehlenswert: das Kombiticket „Kunst & Frühstück", das Museumseintritt und Frühstück verbindet.
Camera Austria: Fotografie im Eisernen Haus
Im zweiten Stock des Eisernen Hauses residiert die Camera Austria – eine international renommierte Institution für Fotografie. Mit wechselnden Ausstellungen und der gleichnamigen Zeitschrift hat sie sich seit Jahrzehnten als wichtige Plattform für zeitgenössische Fotografie etabliert. Der Besuch ist im Kunsthaus-Ticket inkludiert.
Das Kunsthaus bei Nacht
Ein besonderes Erlebnis ist das Kunsthaus nach Einbruch der Dunkelheit. Wenn die BIX-Fassade zum Leben erwacht und ihre Lichtspiele über die Mur in die Stadt senden, zeigt sich der „Friendly Alien" von seiner kommunikativen Seite. Der beste Aussichtspunkt: die gegenüberliegende Murseite oder der Schlossberg, von dem aus das pulsierende Gebäude einen faszinierenden Kontrast zur historischen Altstadt bildet.
Tipp: Architekturführung
Während der Umbauzeiten zwischen den Ausstellungen können Sie das Kunsthaus mit einem geführten Rundgang zur Architektur besuchen. Die Führungen finden Dienstag bis Sonntag um 11:00 und 15:30 Uhr statt. Aktuelle Termine auf der Website des Museums.
Fazit: Mehr als ein Museum
Über zwei Jahrzehnte nach seiner Eröffnung hat sich das Kunsthaus Graz seinen Platz im Herzen der Stadt erobert. Was anfangs von vielen kritisch beäugt wurde, ist heute unverzichtbarer Teil der städtischen Identität. Der „Friendly Alien" hat bewiesen, dass mutiges Nebeneinander von Alt und Neu nicht nur funktionieren kann – es kann eine Stadt bereichern und ihr ein neues Wahrzeichen schenken.
Für Graz-Besucher ist das Kunsthaus ein Pflichttermin: nicht nur wegen der wechselnden Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, sondern auch wegen der Architektur selbst, die ein begehbares Kunstwerk darstellt. Und für die Grazer ist es längst mehr als ein Museum – es ist ein Ort der Begegnung, der Inspiration und des Dialogs über Kunst und Gesellschaft.