Kultur

Schloss Eggenberg: Das Universum in Graz

Schloss Eggenberg: Das Universum in Graz

Schloss Eggenberg ist nicht nur eine Residenz – es ist ein Weltmodell aus Stein. Die größte und bedeutendste barocke Schlossanlage der Steiermark verbindet Architektur, Symbolik, Kunst und Gartenkultur zu einem Gesamtkunstwerk von internationalem Rang. Seit 2010 zählt das Schloss gemeinsam mit der Grazer Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe – das höchste Gütesiegel, das die internationale Staatengemeinschaft für Kulturdenkmale zu vergeben hat.

Im Jahr 2025 feierte das imposante Schloss sein 400-jähriges Jubiläum – Anlass für die STEIERMARK SCHAU „Ambition & Illusion", die Aufstieg und Fall der fürstlichen Familie Eggenberg in den Prunkräumen, der Schlosskirche und den Museen lebendig werden ließ.

Geschichte: Vom Orthof zur fürstlichen Residenz

Die Wurzeln des Hauses Eggenberg reichen bis ins 15. Jahrhundert. Balthasar Eggenberger, ein wohlhabender Grazer Kaufmann und Finanzier Kaiser Friedrichs III., kaufte zwischen 1460 und 1463 den „Orthof" auf den Algersdorfer Feldern – einen befestigten Edelsitz, der fortan den Namen der Familie trug. Noch vor 1470 wurde im freistehenden Turm eine Kapelle eingerichtet – die gotische Marienkapelle, die noch heute den ältesten Teil des Schlosses bildet.

Der entscheidende Aufstieg kam mit Hans Ulrich von Eggenberg (1568–1634), der zum engsten Vertrauten von Kaiser Ferdinand II. wurde. Als kaiserlicher Statthalter und europäischer Staatsmann benötigte er eine Residenz von höchstem repräsentativen Anspruch. Nach 1625 begann er mit dem Bau des heutigen Schlosses – nach Plänen des Norditalieners Giovanni Pietro de Pomis.

Das Vorbild: El Escorial

Als Vorbild diente der spanische Escorial – das monumentale Kloster und Königsschloss Philipps II. Hans Ulrich hatte als kaiserlicher Gesandter am spanischen Hof das Bauwerk kennengelernt und dessen symbolische Architektur studiert. Sein Schloss sollte ein „deutliches Zeichen setzen" – politische Architektur, anspruchsvolle Legitimation für die Herrschaft einer Familie.

Die Zahlensymbolik des Schlosses

Die gesamte Architektur ist einer strengen Zahlensymbolik unterworfen, die den damals noch neuen gregorianischen Kalender widerspiegelt:

  • 365 Außenfenster – für jeden Tag des Jahres
  • 31 Räume pro Stockwerk – für die maximale Anzahl der Tage eines Monats
  • 24 Prunkräume – für die Stunden eines Tages
  • 52 Außenfenster im 2. Stock – für die Wochen des Jahres
  • 4 Ecktürme – für die Jahreszeiten und Elemente
  • 12 Räume pro Hälfte – für die Stunden von Tag und Nacht

Der Planetensaal: Höhepunkt der Prunkräume

Im Zentrum der 24 Prunkräume liegt der Planetensaal, 1684/85 vom Hofmaler Hans Adam Weissenkircher vollendet. Mit seinem vielschichtigen Bildprogramm, das astrologische und hermetische Vorstellungen, Zahlensymbolik und Familienmythologie zu einer komplexen Allegorie verschmilzt, gehört er zu den beeindruckendsten Raumkunstwerken des frühen Barocks in Mitteleuropa.

Die Bilder der sieben damals bekannten Planeten – zu denen auch der Mond gerechnet wurde – sind Mittelpunkt der Dekoration. Um die zentrale Sonne gruppiert, schmücken sie ein hohes Spiegelgewölbe, in dessen Ecken die Darstellungen der vier Elemente gesetzt sind. Die Wände umzieht der Ring der 12 Tierkreiszeichen in großformatigen Ölgemälden.

„Der von Hans Adam Weissenkircher geschaffene Gemäldezyklus errichtet eine gewaltige Allegorie des Goldenen Zeitalters, das unter der Regierung der Familie Eggenberg herrschte." — Universalmuseum Joanneum

Über 500 Deckengemälde

Das Programm der Deckengemälde in den 24 Prunkräumen umfasst ungefähr 600 Einzelszenen. Sie erzählen die damalige Vorstellung der Geschichte der Menschheit und der Welt: Szenen der Mythologie, religiöse Szenen des Alten Testaments und Szenen der Geschichte. Mythologische Gestalten, antike, biblische und neuzeitliche Historien verbinden sich mit Allegorien, Emblemen und Veduten zu einem barocken Bildungskosmos.

Zwei Ausstattungsphasen

Die heutigen Prunkräume zeigen das Zusammenspiel zweier Epochen:

  • 17. Jahrhundert (Barock): Die Deckengemälde und der rahmende Stuck stammen aus der ersten Ausstattungsperiode. Die Stuckateure Alexander Serenio und sein Sohn Josef Anton wirkten von 1666 bis 1683.
  • 18. Jahrhundert (Rokoko): Nach dem Aussterben der Eggenberger im Mannesstamm ließ Johann Leopold Graf Herberstein – Gemahl der letzten Eggenberger Prinzessin – das Prunkgeschoß zwischen 1754 und 1762 modernisieren. Neue Sitzmöbel, Luster, Wandappliquen und Fayence-Öfen kamen hinzu.

Besonders sehenswert: die drei ostasiatischen Kabinette und die fünf Räume mit reizvoll bemalten Wandbespannungen aus dem Jahr 1760, die Gesellschaftsszenen und illusionistische Ausblicke in Garten und Landschaft zeigen.

Das Schlafzimmer der Kaiserin

Im Jahr 1765 übernachtete Kaiserin Maria Theresia für fünf Tage im Schloss Eggenberg. Das barocke Schlafzimmer ist noch heute im Originalzustand erhalten – ein seltenes Zeugnis kaiserlicher Gastfreundschaft.

UNESCO-Welterbe seit 2010

Im August 2010 erweiterte das UNESCO-Welterbekomitee die bestehende Welterbestätte „Graz – Historisches Zentrum" um Schloss Eggenberg. Damit erhielt das Schloss das höchste Gütesiegel für Kulturdenkmale – aufgenommen in die exklusive Runde jener Stätten, die „nicht als Eigentum eines einzigen Staates anzusehen sind, sondern als ideeller Besitz der gesamten Menschheit".

Die UNESCO-Begründung betont die einzigartige Verbindung von Stadt und Schloss: „Die Stadt Graz und Schloss Eggenberg bilden das außergewöhnliche Beispiel einer harmonischen Integration der architektonischen Stile aufeinanderfolgender Epochen. Erscheinungsbild von Stadt und Schloss erzählen getreu die Geschichte ihrer gemeinsamen historischen und kulturellen Entwicklung."

Vier Museen an einem Standort

Schloss Eggenberg ist heute Teil des Universalmuseums Joanneum und beherbergt neben den Prunkräumen drei weitere Museen:

Museum

Alte Galerie

600 Jahre europäische Kunstgeschichte: In 22 Themenräumen zeigt die Alte Galerie herausragende Meisterwerke vom Mittelalter bis zum ausgehenden Barock. Die Sammlung umfasst Gemälde, Skulpturen und Kunsthandwerk aus dem deutschen, italienischen und niederländischen Raum.

Highlight: Werke von Lucas Cranach, Pieter Bruegel d.Ä. und anderen Meistern

Museum

Archäologiemuseum

Archäologische Glanzstücke aus der Steiermark sowie Objekte aus der Klassischen Antike und Ägypten. Das Museum beherbergt über 1.200 Objekte und zwei absolute Highlights der österreichischen Archäologie.

Highlights: Der „Kultwagen von Strettweg" (7. Jh. v. Chr.) und die „Maske aus Kleinklein"

Museum

Münzkabinett

Münzwesen und Münzumlauf in der Steiermark von der Antike bis in das Barockzeitalter. Die Sammlung dokumentiert die wirtschaftliche Bedeutung der Familie Eggenberg, die das landesfürstliche Prägerecht besaß.

Sonderausstellung 2025: „Die Eggenberger und das Geld"

Der Schlosspark

Der Schlosspark Eggenberg gehört zu den schönsten und bedeutendsten historischen Gartenanlagen der Steiermark. Ursprünglich im Stil eines barocken Formalgartens mit reichen Broderieparterres und Heckenkarrees angelegt, wurde er im 19. Jahrhundert zu einem englischen Landschaftspark im Stil der Romantik umgestaltet.

Heute verbindet der Park historische Gestaltung mit natürlicher Ästhetik und beherbergt einen wertvollen alten Baumbestand. Besondere Bereiche:

  • Planetengarten: Thematisch an den Planetensaal angelehnt
  • Rosenhügel: Mit historischem Pavillon
  • Herrschaftsgartel: Reste des barocken Formalgartens
  • Großer Teich: Malerischer Mittelpunkt des Landschaftsparks
  • Picknickwiese: Beliebter Treffpunkt für Familien
  • Marienkapelle: Der älteste Teil des Schlosses, ein meditativer Rückzugsort

Die Pfaue von Eggenberg

Berühmt sind die frei laufenden Pfaue im Schlosspark – sie sind zu einem Wahrzeichen des Schlosses geworden und begeistern besonders Familien mit Kindern. Die prächtigen Vögel stolzieren durch den Park und sind ein beliebtes Fotomotiv.

STEIERMARK SCHAU 2025: Ambition & Illusion

Im Jubiläumsjahr 2025 verwandelte sich Schloss Eggenberg zum Schauplatz der dritten STEIERMARK SCHAU. Unter dem Titel „Ambition & Illusion" erzählte die Landesausstellung vom Aufstieg und Fall der fürstlichen Familie Eggenberg – durch originale Schauplätze, digitale Rekonstruktionen und kostbare internationale Leihgaben.

Besonderes Highlight: die goldene Staatskarosse des Fürsten Johann Anton von Eggenberg, die als internationale Leihgabe erstmals nach Graz zurückkehrte.

Drei innovative Pavillons unter dem Titel „History Repeating?" ergänzten die Schau mit künstlerischen Positionen zu aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen – eine neue Rezeption der Vergangenheit, die Architektur, Kunst und Reflexion verbindet.

Praktische Informationen

Bereich Öffnungszeiten Eintritt
Prunkräume April–Oktober, Di–So 10–18 Uhr (nur mit Führung) € 17,00 / ermäßigt € 7,00
Museen April–Oktober, Di–So 10–18 Uhr im Kombiticket enthalten
Schlosspark ganzjährig, täglich 8–17/19 Uhr (saisonal) € 2,00 / Kinder unter 19 frei

So kommen Sie hin

  • Straßenbahn: Linie 1 bis Schloss Eggenberg oder Linie 7 bis Wetzelsdorfer Straße
  • Fahrzeit: ca. 15 Minuten vom Stadtzentrum
  • Auto: Öffentliche Parkplätze entlang der Straße (kostenpflichtig)
  • Adresse: Eggenberger Allee 90, 8020 Graz

Führungen

Die Prunkräume sind nur im Rahmen einer Führung zugänglich. Führungen finden in der Saison von April bis Oktober stündlich statt (10, 11, 12, 14, 15, 16 und 17 Uhr). Die Führungsdauer beträgt etwa 50 Minuten. Für die Besichtigung ist ein Time-Slot-Ticket erforderlich – buchbar online oder vor Ort.

Gastronomie

Das Schloss-Café im Park ist von April bis Oktober geöffnet und bietet Kaffeehauskultur in historischem Ambiente. In unmittelbarer Nähe des Schlosspark-Eingangs findet sich außerdem die Erlebnisbrauerei Rudolf (Eggenberger Allee 91) – ein beliebtes Gasthaus für deftigere Küche.

Fazit: Erbe der Menschheit

Schloss Eggenberg ist mehr als ein Ausflugsziel – es ist ein Ort, an dem Geschichte, Kosmologie und barocke Pracht in perfekter Harmonie zusammenfließen. Die durchdachte Struktur, die mythologisch aufgeladenen Prunkräume, der weitläufige Schlosspark und die musealen Schätze machen es zu einem Zentrum für Kultur und Bildung von Weltrang.

Als UNESCO-Welterbe ist Schloss Eggenberg ideeller Besitz der gesamten Menschheit – und ein Ort, an dem das Weltverständnis einer Epoche in Architektur, Kunst und Gärten ausgedrückt ist. Ein Besuch ist eine Reise durch die Zeit – und durch das Universum selbst, wie es sich die Menschen des 17. Jahrhunderts vorstellten.