„Never Again Peace" – unter diesem provokanten Motto stand der steirische herbst '25. In Anlehnung an Ernst Tollers Satire „Nie wieder Friede" von 1936 reflektierte die 58. Ausgabe des Festivals die Kriege in der Ukraine und Gaza, hinterfragte die ins Wanken geratene Weltordnung und bot kritischen Stimmen eine Plattform. Über 50.000 Besucher kamen zu mehr als 440 Veranstaltungen an 39 Spielorten – ein eindrucksvoller Beweis, dass das älteste Avantgarde-Festival Europas auch nach über einem halben Jahrhundert nichts von seiner Relevanz eingebüßt hat.
Der steirische herbst ist ein Unikat: interdisziplinär, politisch, unbequem. Seit seiner Gründung 1968 bietet er neuen Produktionen eine Plattform, provoziert öffentliche Debatten und vernetzt bildende Kunst, Performance, Theater, Oper, Musik und Literatur. Als „produzierendes Festival" besteht das Programm vorwiegend aus Auftragsarbeiten und Uraufführungen – 42 neue Werke waren es allein 2025.
Die Gründung: 1968 als Schlüsseljahr
Gegründet wurde der steirische herbst im historischen Schlüsseljahr 1968 – dem Jahr der Studentenrevolten in Paris und Berlin, des Prager Frühlings und globaler gesellschaftlicher Umbrüche. Doch anders als man vermuten könnte, knüpft der Name nicht an diese Ereignisse an. Bereits 1967 organisierte das steirische Kulturreferat unter Hanns Koren (ÖVP) eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel „steirischer herbst".
Der Name geht auf ein Gedicht des steirischen Mundartdichters Hans Kloepfer zurück und spielt auf die Bedeutung der Landwirtschaft in der Region an – der Koren „die Ernte geistiger Früchte" gegenüberstellte. Das Festival entstand aus Opposition zum Wiedererstarken nationalistischer Kulturinitiativen und griff auf die Tradition der internationalen Moderne zurück, die die Nationalsozialisten drei Jahrzehnte zuvor als „entartet" diffamiert hatten.
Die Bausteine von 1968
- Steirische Akademie: Wissenschaftliche Veranstaltungsreihe
- Trigon-Biennale: Dreiländer-Kunstausstellung (Österreich, Italien, Jugoslawien)
- Internationale Malerwochen: Künstlerresidenz-Programm
- ORF musikprotokoll: Plattform für zeitgenössische Musik (bis heute Teil des Festivals)
- Forum Stadtpark: Literatur und spartenübergreifende Kunst
Die Trigon-Biennale: Brücken über den Eisernen Vorhang
Ein zentraler Baustein des frühen steirischen herbst war die Dreiländer-Biennale Trigon, benannt nach der polygonal verlaufenden Dreiländergrenze zwischen Österreich, Italien und dem damaligen Jugoslawien. In Zeiten des Kalten Krieges baute sie Brücken über den Eisernen Vorhang und förderte den kulturellen Austausch zwischen Ost und West. Dieses Gefühl der Grenzlage – manchmal schmerzlich, manchmal produktiv – prägt das Festival bis heute und macht es sensibel für andere Grenzregionen der Welt.
„Von Anfang an gehören produktive Störung und fruchtbarer Streit zum steirischen herbst – zu einer Institution, die während ihres gesamten Bestehens immer wieder Anstoß für kritische Gespräche lieferte." – steirischer herbst, Selbstbeschreibung
Skandale und Meilensteine
Der Widerspruch zwischen progressivem Programm und konservativem Umfeld war von Beginn an charakteristisch für den steirischen herbst. Bereits im Gründungsjahr 1968 sorgte der vorzeitige Abbruch einer Podiumsdiskussion zur Situation der zeitgenössischen Kunst für den ersten „Skandal". Es sollten viele weitere folgen.
Zu den frühen Höhepunkten zählten Premieren von Peter Handke, György Ligeti und Krzysztof Penderecki sowie Ausstellungen mit Vito Acconci, Bruce Nauman, Valie Export und Arnulf Rainer. Für besondere Aufregung sorgten immer wieder die Festivalplakate – visuelle Provokationen, die das konservative Graz regelmäßig in Aufruhr versetzten.
Einen bleibenden Eindruck im Grazer Stadtbild hinterließ Hartmut Skerbischs Skulptur „Lichtschwert" (1992) – eine Kopie des Trägergerüsts der Freiheitsstatue mit Schwert statt Fackel, die heute neben der Oper steht. Im selben Jahr wurde eines der letzten Stücke von John Cage als Auftragswerk des musikprotokolls uraufgeführt.
Die Intendanzen: Wechselnde Visionen
In den ersten Jahren wurde der steirische herbst von Gremien geleitet. Ab 1983 wurden Intendanten bestellt, die dem Festival jeweils ihre eigene Handschrift verliehen:
| Zeitraum | Intendanz | Schwerpunkt/Motto |
|---|---|---|
| 1968–1982 | Gremien/Kuratorium | Avantgarde, Trigon-Biennale |
| 1983–1989 | Peter Vujica | Internationalisierung |
| 1990–1995 | Horst Gerhard Haberl | „Nomadologie der Neunziger" |
| 2006–2017 | Veronica Kaup-Hasler | Festivalzentren, Vermittlung |
| seit 2018 | Ekaterina Degot | Politische Dringlichkeit, Diskurs |
Ekaterina Degot: Die aktuelle Intendantin
Seit 2018 leitet die russische Kunsthistorikerin und Kuratorin Ekaterina Degot das Festival. Unter ihrer Intendanz hat der steirische herbst seinen Fokus auf politische Dringlichkeit geschärft. Themen wie Nationalismus, Ungleichheit, Krieg und gesellschaftliche Polarisierung prägen das Programm. „Denkfreiheit, Denkkomplexität, kritischen Stimmen Plattformen zu geben, die anderswo gecancelt würden", beschreibt Degot ihre Mission.
Steirischer Herbst '25: Never Again Peace
Die 58. Ausgabe des Festivals fand vom 18. September bis 12. Oktober 2025 statt. Kuratiert von Ekaterina Degot, David Riff, Gábor Thury und Pieternel Vermoortel, nahm das Programm die Kriege in der Ukraine und Gaza zum Ausgangspunkt für Reflexionen über Krieg, Macht und gesellschaftliche Erinnerung.
Das zentrale Ausstellungsgelände war die ehemalige Destillerie Bauer im Stadtbezirk Gries, die für die Dauer des Festivals in „BAU" umbenannt wurde. 26 der 42 Auftragsarbeiten waren hier zu sehen – das bis unters Dach genutzte Industrieobjekt erwies sich als publikumsmagnet. Die Führungen waren so stark nachgefragt, dass ihre Zahl verdreifacht werden musste.
Highlights 2025
- Eröffnung: Audio-Walk von LIGNA am Freiheitsplatz (18. September)
- BAU: Hauptausstellung in der ehemaligen Destillerie Bauer
- Herbstkabarett: Satire und Gesellschaftskritik im Forum Stadtpark
- Friedensgespräche: Diskursformat im Orpheum Extra
- Theater im Bahnhof: „ERBEN – Wer kriegt das Haus?"
- musikprotokoll: Zeitgenössische Musik, Thema „regel:bruch"
Begleitprogramme
Der steirische herbst wird traditionell von mehreren Partnerprogrammen begleitet. Das ORF musikprotokoll – seit 1968 Teil des Festivals – widmete sich 2025 dem Thema „regel:bruch" und hinterfragte musikalische und perzeptive Ordnungen. Das Literaturfestival Out of Joint und ein umfangreiches Partnerprogramm mit 23 Projekten lokaler Kulturinstitutionen ergänzten das Hauptprogramm.
Das Festival 2026: Ausblick
Der steirische herbst '26 wird vom 24. September bis 18. Oktober 2026 stattfinden. Details zum Programm werden traditionell im Frühjahr bekannt gegeben. Mit einem Budget von rund 4,46 Millionen Euro und dem Anspruch, kritischen Stimmen eine Plattform zu bieten, wird das Festival auch in seiner 59. Ausgabe seiner Rolle als unbequemer Impulsgeber gerecht werden.
Praktische Informationen
- Festivalzentrum: herbstcafé (wechselnde Location, 2025: Neutorgasse 44)
- Tickets: Am herbstcafé und online unter steirischerherbst.at
- Eintritt: Viele Veranstaltungen bei freiem Eintritt
- Spielorte: Verteilt über ganz Graz und die Steiermark (2025: 39 Locations)
- Vermittlung: herbstvermittlung bietet Führungen, Workshops und DIY-Formate
Besondere Formate
Der steirische herbst zeichnet sich durch seine Vielfalt an Formaten aus. Neben klassischen Ausstellungen und Performances gibt es das herbstkabarett im Forum Stadtpark – ein jährliches Highlight mit Humor, Satire und beherzter Gesellschaftskritik, das regelmäßig schnell ausverkauft ist. Die herbst-Friedensgespräche bringen Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Positionen zusammen; das Publikum stimmt am Ende ab, ob Fortschritte gemacht wurden.
Das Format „Eat and Greet" ermöglicht nach Performances den direkten Austausch mit Künstlern und Kuratoren. Und mit „Drink and Overthink" lädt das Festival zum informellen Diskurs in lockerer Atmosphäre.
„Die Kriege in der Ukraine und in Gaza zeigen, dass die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Weltordnung ins Schwanken geraten ist." – Ekaterina Degot, Intendantin
Warum der Steirische Herbst wichtig ist
In einer Zeit, in der politische Polarisierung zunimmt und kritische Stimmen unter Druck geraten, bietet der steirische herbst einen geschützten Raum für Denkfreiheit und Komplexität. Das Festival gibt Künstlern eine Plattform, die anderswo gecancelt würden, und fördert den Dialog über schwierige Themen. Gleichzeitig bleibt es fest in Graz und der Steiermark verwurzelt – ein lokales Festival mit internationaler Strahlkraft.
Manche Produktionen des steirischen herbst '25 haben bereits den Weg zu internationalen Bühnen gefunden – nach Deutschland, Schweden, Polen und zur Biennale in Venedig 2026. Das zeigt: Was in Graz entsteht, hat Relevanz weit über die Landesgrenzen hinaus.
Der Steirische Herbst in Zahlen (2025)
- Besucher: Über 50.000
- Spielorte: 39
- Veranstaltungen: Über 440 (inkl. Partnerprogramme)
- Auftragsarbeiten: 42 neue Werke
- Budget: ca. 4,46 Mio. Euro
- Ausgabe: 58. Festival
Fazit: Produktive Störung seit 1968
Der steirische herbst ist mehr als ein Kunstfestival – er ist ein Seismograph für gesellschaftliche Entwicklungen, ein Ort des Widerspruchs und der produktiven Störung. Seit über einem halben Jahrhundert fordert er sein Publikum heraus, hinterfragt Gewissheiten und gibt der Kunst den Raum, unbequeme Fragen zu stellen. In einer Welt, die nach einfachen Antworten sucht, ist das wichtiger denn je.
Für Graz-Besucher im Herbst ist das Festival ein Muss – nicht nur wegen der Qualität der Produktionen, sondern auch wegen der einzigartigen Atmosphäre, wenn die ganze Stadt zur Bühne wird. Und für alle, die zeitgenössische Kunst ernst nehmen, ist der steirische herbst ein jährlicher Pflichttermin im Kulturkalender.